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Target-Salden : Das Eurofieberthermometer steigt wieder

Haben die Target-Salden im Blick: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann (links) und EZB-Chef Mario Draghi Bild: Bloomberg

Die Ungleichgewichte im EZB-Target-System nehmen wieder erstaunlich stark zu – eine Folge der EZB-Geldflut. Ist das ein Grund zur Sorge?

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          Die Target-Salden gelten als Fieberthermometer der Euro-Krise. Auf dem Höhepunkt, im Sommer 2012, erreichten die Ungleichgewichte im Target-Zahlungssystem der Zentralbanken einen Spitzenwert von mehr als einer Billion Euro. Dann fielen die Werte, als sich die Situation entspannte – auch bewirkt durch die Ankündigung von EZB-Präsident Mario Draghi, notfalls unbegrenzt Krisenanleihen zu kaufen (sein berühmtes Versprechen, zu tun „whatever it takes“).

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Der Target-Saldo der Bundesbank, ihre Forderungen gegenüber dem Eurosystem, sank 2014 deutlich unter 500 Milliarden Euro. Doch seit einem Jahr, unbemerkt von der Öffentlichkeit, laufen die Target-Salden wieder auseinander.

          Die Schulden wichtiger Südländer sind seit Anfang 2015 auffällig stark gestiegen. Italiens Target-Saldo rutschte um 100 Milliarden auf 257 Milliarden Euro ab, Spaniens Target-Konto fiel um 72 Milliarden auf minus 264 Milliarden Euro. Umgekehrt sind die Forderungen der Bundesbank steil gestiegen. Anfang dieses Jahres hat der deutsche Target-Saldo wieder die Marke von 600 Milliarden Euro überschritten, Ende März lag er bei 609 Milliarden Euro.

          Was hat das zu bedeuten? „Die hohen und weiter steigenden Target-Salden zeigen, dass die Euro-Krise nicht überwunden ist“, sagt Clemens Fuest, der neue Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München: Inzwischen erreichten die Target-Stände einiger Länder wieder das Niveau des Krisenjahres 2012. „Diese Entwicklung zeigt, dass das Vertrauen in die Solidität der Banken und der Staatsfinanzen in den Krisenstaaten der Eurozone derzeit wieder bröckelt“, warnt Fuest.

          „Kein Grund zur Sorge“

          Die Gegenmeinung vertritt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin: „Der Anstieg der Target-Salden ist kein Grund zur Sorge, denn diese spiegeln wahrscheinlich zu einem großen Teil den gewünschten Effekt der Geldpolitik wieder“, sagt Fratzscher, der als EZB-nah gilt und deutsche Sorgen über finanzielle Risiken tendenziell für überzogen hält.

          Für Laien ist das Target-System ein schwer zu durchschauendes Thema. Target-2 ist das elektronische System, über das die Zentralbanken grenzüberschreitende Zahlungen abwickeln. Die Abkürzung steht für „Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System“. Über das Target-System fließen Geldströme zwischen den Zentralbanken der Eurozone.

          Die Salden bilden Zahlungsbilanzungleichgewichte ab. Darunter versteht man, wenn ein Land mehr importiert als exportiert und dafür keinen privaten Kredit erhält. Bis zum Ausbruch der Krise pendelten die Target-Salden um die Nulllinie, denn selbst große Leistungsbilanzdefizite wie in Griechenland wurden durch Kredite von Banken aus dem Norden finanziert.

          „Goldene Kreditkarte“ für den Süden

          Erst 2007/2008, mit Ausbruch der Krise, explodierten die Target-Salden förmlich. Grund war, dass private Banken den Krisenländern keine Kredite mehr gaben. Für diesen austrocknenden Kreditfluss sind seitdem in gewisser Weise die Zentralbanken der Eurokernländer eingesprungen. Anfangs finanzierten sie so vor allem Leistungsbilanzdefizite der Krisenländer (mehr Import als Export). Im Laufe der Krise nahm die Kapitalflucht aus dem Süden stark zu – und auch diese bildet sich im Target-System ab, beispielsweise der kreditfinanzierte Erwerb einer Immobilie in Deutschland durch einen Italiener oder Griechen.

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