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Target-Salden : Das Eurofieberthermometer steigt wieder

Deshalb schossen die Target-Schulden Südeuropas 2012 in die Höhe. Spiegelbildlich verzeichnete die Bundesbank im August 2012 mit 751 Milliarden Euro den Höchststand an Target-Forderungen. Der damalige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, der das Thema als Erster intensiv untersucht hatte, kritisierte das Target-System als verdeckte Hilfskreditmaschine. Target sei eine Art „goldene Kreditkarte“ für den Süden, der dort unbegrenzt Kredit ziehen könne, während die Qualität der Pfänder, welche die Banken bei der EZB hinterlegen mussten, immer schwächer wurde, kritisierte Sinn.

Die Bundesbank ist gezwungen, die Target-Buchungen vorzunehmen und Forderungen anzuhäufen. Die Krisenländer-Notenbanken müssen für ihre Target-Schulden zwar Zinsen zahlen – doch liegt der Leitzins inzwischen bei null. Umstritten ist, ob die Target-Forderungen ein finanzielles Risiko für die Gläubigerländer wie Deutschland darstellen. Im Falle eines Auseinanderbrechens des Euros oder eines Austritts eines Landes, etwa Griechenlands, das 2015 nahe davor stand, könnten die Forderungen der Bundesbank wertlos werden.

Verschiedene Erklärungen plausibel

Für den aktuellen Anstieg sind verschiedene Erklärungen plausibel, erklärt Frank Westermann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Osnabrück. Alle stehen im Zusammenhang mit der Geldflut der EZB durch den Anleihekauf – inzwischen für mehr als 700 Milliarden Euro. Die steigenden Target-Salden könnten eine weiter fortlaufende Kapitalflucht aus dem Süden widerspiegeln. Wenn etwa die Banca d’Italia Anleihen kauft, ist denkbar, dass die Verkäufer den Erlös lieber in Deutschland anlegen als in den wackeligen italienischen Banken.

Denkbar ist auch, dass die Banca d’Italia den Bond einem deutschen Verkäufer abnimmt – auch das wird im italienischen Target-Minus abgebildet. Diese Erklärung sieht Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Die Target-Saldo-Zunahme wäre somit ein direkter Effekt der EZB-Geldschwemme, die sich unterschiedlich im Euroraum verteilt.

Dahinter verbirgt sich durchaus ein Risiko für die Steuerzahler, behauptet Ökonom Westermann. Indem die Target-Salden mit der quantitativen Lockerung (Quantitative Easing) der EZB wieder gestiegen sind, erhöhte sich dieses Risiko. Das zeige, dass die auf Forderung der Bundesbank für die Anleihekäufe praktizierte Risiko-Teilung (nur 20 Prozent der Anleihen kauft die EZB auf Gemeinschaftsrechnung, 80 Prozent nehmen nationale Notenbanken in die eigene Bilanz) eher eine Scheinlösung gewesen sei, sagt Westermann. „Das übersieht ein großes Element des zusätzlichen Risikos“, nämlich die wachsenden Target-Salden.

„Ungleichgewichte bestehen fort“

In der deutschen Politik schauen einige Finanzfachleute mit Sorge auf die hohen Target-Werte. Die Eurokritiker von der AfD sehen sich bestätigt. „Steigende Target-Salden fungieren als eine Art Seismograph der Euro-Krise“, sagt Jörg Meuthen, AfD-Bundesvorsitzender und Volkswirtschaftsprofessor. „Die Krise ist eben nicht überwunden. Die enormen Ungleichgewichte bestehen unvermindert fort.“

Meuthen meint, die EZB-Politik sei hilflos gegenüber den strukturellen Problemen des Euros. Im Währungsraum seien zu unterschiedliche Länder zusammengespannt. Der Grünen-Europa-Politiker Sven Giegold findet den Target-Anstieg ebenfalls „beunruhigend“. Der Euro sei nicht aus der Krise. Als Heilmittel empfiehlt er eine deutsch-französische Initiative zur Vereinheitlichung der Finanz- und Steuerpolitik und eine Schuldenvergemeinschaftung über einen Tilgungsfonds.

Der CDU-Finanzpolitiker und Vizechef der Unionsfraktion Ralph Brinkhaus hingegen reagierte auf Anfrage ausweichend auf die Target-Frage: Target sei „nur ein Aspekt“. Entscheidender seien die allgemeine Stabilität der Märkte und die Konjunktur in Europa, sagte er. Es gebe Fortschritte bei der Haushaltssanierung. Allerdings liege noch ein steiniger Weg vor der Eurozone.

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