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Höhere Inflation : Bitcoin helfen nicht

Der Bitcoin-Hype zeige einen gewissen Verlust an Vertrauen in die Papiergeldwährungen, sagt der frühere Chefvolkswirt der Allianz Michael Heise. Bild: Reuters

Der Ökonom Michael Heise rechnet mit einer „Trendwende“ bei der Inflation. Die Preise werden wieder stärker steigen als zuletzt. Wie können Sparer sich mittelfristig schützen?

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          Nach Monaten mit niedrigen Inflationsraten dürfte dieses Jahr in Amerika und Europa mit mehr Teuerung zu rechnen sein. Der frühere Chefvolkswirt der Allianz und Ökonom von HQ Trust, Michael Heise, sagte am Dienstag in einem Online-Vortrag beim Center for Financial Studies in Frankfurt, er erwarte für die Vereinigten Staaten eine Inflationsrate von 2,3 Prozent, für den Euroraum von 1,5 Prozent. Beides wäre deutlich mehr als im Vorjahr.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Treiber der Teuerung seien der Ölpreis, ein Nachholkonsum nach dem Lockdown, der auf Angebotsengpässe treffen könnte, die Überwälzung von Corona-Kosten, die höhere Mehrwertsteuer in Deutschland und der CO2-Preis für Kraftstoff und Heizöl. Begrenzend auf die Inflation wirkten dagegen vorhandene freie Kapazitäten in der Wirtschaft – und die Arbeitsmarktsituation.

          Stärker als die kurze Frist beschäftigten den Ökonomen aber die kommenden Jahre. „An den Finanzmärkten wird für diese Zeit mit deutlich höherer Inflation gerechnet“, sagte Heise. Als Indikator nennt er den „Five-Year-Five-Year-Forward“-Plan, an dem sich ablesen lässt, welche jährliche Inflation die Investoren für 2026 bis 2031 erwarten. Für Amerika ist dieser Wert auf 2,4 Prozent gestiegen, nachdem er im März 2020 zeitweise nur 0,5 Prozent betrug. In Europa sei der Anstieg auch deutlich, aber weniger stark: Gemessen an der Bundesanleihe hätten die Inflationserwartungen bis auf 1,3 Prozent zugelegt.

          Bitcoin-Hype zeigt Vertrauensverlust in Papiergeldwährungen

          Auf die Frage, was Anleger zum Schutz gegen die Inflation tun könnten, nannte Heise an erster Stelle die Investition in Aktien, die sich auch in Zeiten einer Reflationierung, also wieder stärker steigender Preise, wacker schlagen dürften: „Auch eine vernünftige Goldquote gehört in jedes Depot.“ Von Bitcoin rate er dagegen ab: „Die kann man seriös nicht als werthaltiges Investment bezeichnen.“ Der aktuelle Bitcoin-Hype zeige eher einen gewissen Verlust an Vertrauen in die Papiergeldwährungen.

          Heise beschäftigte sich zudem mit der Frage, was hinter der Rückkehr der Inflationserwartungen stecke. Er meinte zwar, die langfristigen Inflationserwartungen korrelierten oft schlicht mit den kurzfristigen. Aber auch die Frage, ob die expansive Geld- und Fiskalpolitik die Inflation beflügelt, bewege die Märkte. Der Ökonom hob hervor, die Wirtschafts- und Geldpolitik hätten es weiter jederzeit in der Hand, etwas gegen höhere Inflation zu tun.

          Längerfristige globale Trends

          Es spreche aber viel dafür, dass die Notenbanken bereit sein könnten, eine Zeitlang etwas mehr Inflation zu tolerieren. Dafür spreche auch das politökonomische Argument, dass es für stärker verschuldete Staaten leichter sei, sich durch Inflation eines Teils der Schulden zu entledigen, als herauszuwachsen oder sie durch höhere Steuern oder niedrigere Ausgaben abzutragen. Zudem zeigte sich der Ökonom sicher, zu zweistelligen Inflationsraten würden es Staaten und Notenbanken nicht kommen lassen: „Da würde den Entscheidungsträgern dann doch mulmig werden.“

          Gleichwohl rechnet Heise mit einer Trendwende bei der Inflation. Er berief sich dabei auf die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan: Der Einfluss der demographischen Entwicklung auf die Inflation könnte sich umkehren. Bislang hätten Globalisierung und Demographie die Inflation gedämpft. Das habe die vergangenen Jahre bestimmt. Die Verlagerung von Tätigkeiten von Industrie- in Schwellenländer etwa senkte die Produktionskosten, das begrenzte die Inflation.

          Wenn nun aber in wichtigen Wirtschaftsregionen der Welt wie China oder den mittel- und osteuropäischen Staaten die Zahl der erwerbstätigen Personen zwischen 20 und 64 Jahren ihren Höhepunkt überschritten habe, könnte in Zukunft ein knapperes Arbeitskräfteangebot im Verhältnis zur konsumierenden Bevölkerung preistreibend wirken, meinte Heise: „Die demographische Dividende haben wir eingefahren.“

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