https://www.faz.net/-gv6-a0qre

Furcht vor „zweiter Welle“ : Gold ist wieder gefragt

Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles: große Barren in London. Bild: dpa

Der Goldpreis erreicht fast 1800 Dollar – auch wegen neuer schlechter Nachrichten zur Pandemie. In Deutschland scheint die Angst der Anleger diesmal allerdings nicht so groß zu sein.

          3 Min.

          Der Goldpreis ist am Mittwoch weiter gestiegen. Zeitweise erreichte er 1779,06 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) und damit den höchsten Stand seit Oktober 2012. Das bisherige Siebeneinhalb-Jahres-Hoch von Mitte Mai hatte Gold schon am Dienstagnachmittag überwunden. Das bisherige Allzeithoch aus dem Jahr 2011 von 1921 Dollar ist aber noch ein Stück entfernt.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zwei Faktoren scheinen dabei zuletzt für den Preisanstieg eine Rolle gespielt zu haben: Zum einen der niedrige Dollar. Wenn die amerikanische Währung nachgibt, wird das in Dollar gehandelte Gold außerhalb des Dollarraumes günstiger und die Nachfrage steigt. Zum anderen haben aber offenbar auch die gestiegen Zahlen von Corona-Neuinfektionen in aller Welt die Nachfrage nach Gold und damit den Preis wieder erhöht. Der Anstieg des Goldpreises ist also wohl nicht nur ein Krisensymptom, aber auch. „In den vergangenen sieben Tagen haben sich in aller Welt durchschnittlich 150.000 Menschen neu mit dem Coronavirus infiziert, so viele wie noch nie“, schreiben die Rohstofffachleute der Commerzbank.

          Insbesondere in den Vereinigten Staaten und in Lateinamerika stiegen die Zahlen rasant. Weitere Stimulierungsmaßnahmen der amerikanischen Regierung und Notenbank könnten erforderlich sein, meint Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch: „Die Geldentwertung durch die Ausweitung der Zentralbankliquidität und der Staatsverschuldung würde sich damit fortsetzen.“ Offenbar gibt es zumindest Investoren, die im Fahrwasser der Pandemie Infla-tion befürchten und deshalb Gold kaufen; auch wenn die offizielle Inflationsrate in der Eurozone im Augenblick fast auf null gesunken ist.

          Zinsen bleiben lange niedrig

          Es sei jedenfalls eine ausgemachte Sache, dass die Zinsen für lange Zeit niedrig blieben, sagte Alexander Zumpfe vom Edelmetallkonzern Heraeus. „Davon profitiert Gold, das selbst ja keine Zinsen einbringt.“ Aus seiner Sicht handelten die Anleger im Moment „zwiegespalten“: Zu einen sorge das Hochfahren der Wirtschaft für vorsichtigen Optimismus. So hätten die asiatischen Aktienmärkte am Mittwochmorgen zum Teil den höchsten Stand seit vier Monaten erreicht. Parallel aber stiegen die Neuinfektionsraten in Amerika. Das erhöht offenbar das Sicherheitsbedürfnis. Über zahlreiche Konjunkturpakete fluteten zudem Regierungen und Zentralbanken die Märkte mit günstigem Geld. Den schwachen Dollar sieht Zumpfe als „unterstützend“ für den Höhenflug des Goldes: „Der Greenback war nach Berichten über zunehmende Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und China unter Druck geraten.“ Bei den deutschen Privatanlegern jedenfalls überwiege im Moment offenbar der Optimismus, sagt der Heraeus-Händler: „Sie halten sich mit Goldkäufen noch zurück.“

          Vielen deutschen Privatanlegern ist Gold jetzt offenbar zu teuer

          Auch die Goldhandelskette Pro Aurum berichtet, die Nachfrage nach physischem Gold sei zumindest nicht mehr so hoch wie in den ersten Monaten der Krise. „Im ersten Quartal des laufenden Jahres hatte sich die Goldnachfrage bei Pro Aurum aufgrund der Corona-Krise mehr als verdoppelt – wir verkauften in diesem Zeitraum mehr als zehn Tonnen Goldbarren und -münzen“, sagte Pro-Aurum-Sprecher Benjamin Summa. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres seien es nur knapp fünf Tonnen gewesen. Diese „enorme“ Privatkundennachfrage habe sich in den Monaten Mai und Juni allerdings abgeschwächt. Ein Grund sei, dass die deutschen Privatanleger oftmals mit Käufen zurückhaltend seien, wenn Gold an den internationalen Märkten schon teuer geworden sei. „In Dollar notieren wir jetzt auf einem Acht-Jahres-Hoch – und in Euro sind wir vom Allzeithoch auch nur noch 5 Prozent entfernt“, sagte Summa.Viele deutsche Privatanleger sähen derzeit keine wirklichen Einstiegskurse. „Hinzu kommt, dass die Corona-Gefahr von weiten Teilen der Bevölkerung wegen der Lockerungsmaßnahmen deutlich geringer eingeschätzt wird“, meinte der Pro-Aurum-Sprecher. „Jedoch befinden wir uns auch jetzt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum noch immer auf einem sehr ordentlichen Niveau bei der Nachfrage.“

          Für die Goldbranche selbst allerdings ist die Pandemie nicht nur ein Motor für höhere Preise – sondern wie in der übrigen Wirtschaft auch ein gewichtiger Störfaktor. Die Shutdowns hatten nicht nur bei der Goldverarbeitung etwa im Tessin für Schwierigkeiten gesorgt, sondern auch beim Goldtransport per Flugzeug und in der sonstigen Logistik. Wer Barren und Münzen kaufen wollte, traf auf lange Wartezeiten oder gleich die Ansage: Lager leer. Der Goldhändler Pro Aurum hatte seine Verkäufe über das Internet zeitweise kontingentieren und auf wenige Stunden am Tag beschränken müssen. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, spricht sich nun der Chef des Goldmarkt-Verbands in Singapur dafür aus, neben London ein neues Goldhandelszentrum in Asien zu etablieren, um künftige Schwierigkeiten zu vermeiden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Frauen demonstrieren kurz nach Donald Trumps Amtseinführung im Januar 2017 in Washington

          Entscheidende Wählergruppe : Trumps Frauen-Problem

          Frauen in den Vorstädten könnten über den Sieg bei der amerikanischen Präsidentenwahl entscheiden. Donald Trump umwirbt diese Wählergruppe intensiv. Nicht alle der Angesprochenen finden sein Vorgehen gut.
          Niemand weiß, was die Zukunft bringt – auch die Banker nicht.

          Kosten der Anlageverwaltung : Friede den Aktien, Krieg den Gebühren!

          In Sachen Geldanlage sind nur zwei Dinge sicher: die Vergangenheit und die Kosten. An den Gebühren verdienen Banken, die die Zukunft ebenso wenig kennen wie der Anleger. Ein Plädoyer für den Mut, das Vermögen selbst zu verwalten.
          Christian Lüth (Mitte) auf dem 8. Bundesparteitag der AfD im Congresszentrum in Hannover am 02. Dezember 2017.

          Pro-Sieben-Doku über Rechte : Das ist kein „Vogelschiss“

          Auf die Pro-Sieben-Doku „Rechts. Deutsch. Radikal“ reagiert die AfD schnell. Den einstigen Sprecher Christian Lüth, der meinte, man könne Migranten „erschießen“ oder „vergasen“, setzt sie vor die Tür. Der Reporter Thilo Mischke hat aber nicht nur deshalb Großes geleistet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.