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Cannabis-Legalisierung : High in Kanada

Der Cannabis-Anbau in Kanada boomt. Unternehmen und Käufer warten auf die Legalisierung im Herbst. Bild: EPA

Als erste Industrienation gibt Kanada den Konsum von Cannabis frei. Unternehmen bauen hochtechnisierte Gewächshäuser und kaufen Konkurrenten auf. Doch eine große Unbekannte bleibt.

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          In Kanada bereiten sich Unternehmen auf eine tiefgreifende Liberalisierung vor, die bisher keine andere Industrienation gewagt hat: Die Freigabe des Konsums von Marihuana. „Über Nacht entsteht ein Milliardenmarkt“, sagt Torsten Künzlen, seit März Chef von Sundial Growers, einem der großen Produzenten in Kanada und damit einer der größten (legalen) Anbauer der Welt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Jahrelang habe er als Manager von Coca Cola und dem Bierkonzern Molson Coors darum gekämpft, in hochkompetitiven Märkten den Marktanteil seiner Arbeitgeber um 0,1 Prozentpunkte zu verbessern. Cannabis biete da ganz andere Perspektiven.

          Kanada wagt die große Entfesselung wie vorher nur Uruguay im vergleichbaren Ausmaß. Beide Kammern des Parlaments haben der Freigabe zugestimmt und damit ein Wahlversprechen Justin Trudeaus verwirklicht. Der Ministerpräsident will die Drogenkriminalität ausmerzen und vor allem junge Leute vom Konsum abhalten. Er hat selbst den Termin des großen Tages der Freigabe verkündet: Am 17. Oktober ist es soweit. Dann dürfen die Bürger Cannabis kaufen, besitzen und konsumieren. Lizenzierte Unternehmen dürfen die Pflanze anbauen, den Vertrieb regeln die Provinzen.

          Kanada mit seinen 35 Millionen Bürgern ist ein hochinteressanter der Markt, weil die Kanadier mit Marihuana bestens vertraut sind. In kaum einen Land wird nach Regierungsangaben so viel Marihuana konsumiert: Rund jeder fünfte Jugendliche und jeder dritte junge Erwachsene hat das Kraut in der einen oder anderen Weise binnen einen Jahres zu sich genommen – illegal in der Regel.

          Die große Unbekannte für Unternehmen und die Regierung gleichermaßen ist die Bereitschaft der Kanadier, ihren illegalen Dealer aufzugeben - zugunsten des staatlich kontrollierten Angebots. Entscheidenden Einfluss auf den Vertrieb nehmen die Provinzen. Sie bestimmen, wie die Ware an die Bürger gebracht wird. In der Regel tritt die Provinzregierung selbst als einziger legaler Großhändler auf, der die Ware von den staatlich lizenzierten privaten Produzenten wie Sundial Growers, die milliardenschweren börsennotierten Firmen Canopy und Aurora Cannabis oder kleineren Konkurrenten erwirbt.

          Balanceakt bei der Preisfrage

          Die Produzenten beteiligen sich an Ausschreibungen der Provinzregierungen, um mit ihren Produkten ins regionale Sortiment aufgenommen zu werden. Die staatlichen Großhändler verkaufen die Ware dann weiter an streng überwachte private und staatliche Einzelhändler und über eigene Online-Plattformen der Provinzregierungen. Das Marihuana bringt in diesem Fall der Briefträger.

          Die Preisfrage ist zentral und verlangt von der Regierung einen echten Balanceakt. Illegal oder legal, der Kunde suche stets das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, sagt Sundial-CEO Künzlen. Das Kraut darf nicht zu teuer sein, will man doch den illegalen Händlern das Wasser abgraben. Zu billig soll es aber auch nicht werden, will doch zumindest die Regierung vermeiden, die bisher nüchternen Teile der Bevölkerung zum Cannabis-Konsum zu animieren. Einige Provinzen wollen Cannabis in bis zu fünf Preis-und Qualitätsstufen anbieten. Letzte Details sind aber noch offen.

          Manager Künzlen erwartet, dass sich schnell - ähnlich wie in der Zigarettenindustrie - Cannabis-Marken herauskristallisieren werden. Gewöhnliche Zigaretten bis hin zu den Selbstgedrehten kämen heute fast ausnahmslos von Markenunternehmen. Das Gleiche erwartet er für seine junge Industrie, die allerdings ähnlich wie die Tabakproduzenten mit engen Werbebeschränkungen, was Ort der Werbung, die Aussage der Werbebotschaft und die Darbietung in Verpackungen angeht.

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