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Helaba warnt vor Rezession : Landesbank erwartet erhebliche Kreditausfälle für 2023

Besucher stehen abends in rund 198 Metern Höhe auf der Aussichtsterrasse des Main Towers, der auch die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) beherbergt. Bild: dpa

Der Vorstandschef der Sparkassen-Zentralbank stellt sich auf eine markante Rezession und eine Reihe von Unternehmensinsolvenzen ein. Die Jahresprognose 2022 für sein Haus hält er aufrecht.

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          Der Vorstandsvorsitzende der Landesbank Hessen-Thüringen, Thomas Groß, sieht Deutschland am Beginn einer „markanten Rezession“, die bis zur Jahresmitte 2023 andauern könnte. Es gehe nicht mehr um das „ob“, sondern schwer zu prognostizieren sei nur, wie tief der Rückgang der Wirtschaftsleistung ausfallen werde. „Eine Zeit mit großen Unsicherheiten liegt vor uns“, sagte Groß zu Journalisten. Wahrscheinlich werde die Wirtschaftsleistung (BIP) im zweiten Halbjahr 2022 und im ersten Halbjahr 2023 sinken, denn die Folgewirkungen des russischen Krieges seien groß.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit dieser Einschätzung ist Groß längst nicht allein. Auch der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Christian Sewing, hatte kürzlich gesagt, dass er inzwischen eine Rezession für unausweichlich halte.

          Groß hat schon im ersten Halbjahr 2022 beobachtet, dass Firmenkunden angesichts reißender Lieferketten darauf bedacht waren, Vorräte zu horten. Die größeren Lager hätten zu höherem Finanzierungsbedarf geführt. Kreditlinien, die nur für den Notfall vereinbart oder als Ausweis hervorragender Bonität gegenüber den Ratingagenturen präsentiert worden waren, wurden wider Erwarten gezogen. „Der Kapitalbedarf der Unternehmen ist hoch“, sagte Groß. Darin stecke eine Chance für sein Haus, das Sparkassen unter anderem in Nordrhein-Westfalen und Hessen sowie den Bundesländern Hessen und Thüringen gehört. Doch die Helaba werde nicht alle Unternehmen und alle Branchen finanzieren. Es werde eine Reihe von Insolvenzen geben, sagte Groß als Folge der von ihm erwarteten 12-monatigen Rezession voraus.

          Erhebliche Kreditausfälle erwartet

          Diese Rezession werde an der Bankenbranche und auch an der Helaba nicht spurlos vorbei gehen, sagte Groß. Er erwartet erhebliche Kreditausfälle, allerdings noch nicht 2022, sondern erst 2023 und womöglich noch 2024. Die Helaba hat sich schon mit Pauschalwertberichtigungen („Top-Level-Adjustments“) zum ersten Halbjahr 2022 für stürmische Zeiten gerüstet. Noch verzeichnet sie allerdings so gut wie keine Ausfälle auf Einzelengagements. Deshalb betonte Groß: „Wir halten an unserer Prognose für das Gesamtjahr 2022 mit einem Gewinn vor Steuern von 500 Millionen Euro fest.“

          In den ersten sechs Monaten des Jahres 2022 hatte die Helaba vor Steuern schon 327 Millionen Euro vor Steuern verdient, 34 Millionen Euro mehr als vor einem Jahr. Dabei wurden rund 80 Millionen Euro zulasten des Vorsteuergewinns als Pauschalwertberichtigung auf das Kreditportfolio in die Risikovorsorge gestellt, schließlich „gehen wir sehendes Auges in die Rezession hinein“, wie Groß sagte.

          Inflationsschub treibt Kosten

          Die Helaba sei auf Kurs, bekräftigte Groß, gerade auch in diesen stürmischen Zeiten. Mit dem Personalabbau durch das über mehrere Jahre gestreckte Effizienzprogrammes „Scope“, in dem 400 von 2700 Stellen in der Landesbank gestrichen und die erste Führungsebene unterhalb des Vorstandes halbiert wurden, sei man auf den Zielgeraden. Es werde bis Jahresende 2022 vollständig umgesetzt. Damit habe die Helaba eine niedrigere Kostenbasis und sei nun gut gerüstet, um den gegenwärtigen Inflationsschub und die digitale Transformation zu verkraften. Über die nächsten drei Jahre werde in einer „ersten Welle“ ein dreistelliger Millionenbetrag in Module eines Kernbanksystems des Walldorfer Softwareherstellers SAP investiert. Zwei weitere IT-Investitionswellen sollen folgen.

          Auch Kooperationen mit Fintechs und Landesbanken, wie sie zuletzt mit der LBBW in Stuttgart durch eine Aufteilung von Geschäftsfeldern gelang, werde „ein roter Faden“ in der Strategie der Helaba bleiben, kündigte Groß an. Dem Ziel, das Geschäftsmodell der Landesbank, die als zinssensibel und stark vom Immobiliengeschäft abhängig gilt, besser auszubalancieren, sieht sich Groß nahe. Die Provisionseinnahmen seien in den letzten fünf Jahren um jährlich 12 Prozent gestiegen, im ersten Halbjahr 2022 sogar um 20 Prozent. Provisionen, Wohnungsmieteinnahmen und Veräußerungsgewinne im Projektimmobiliengeschäft hätten zuletzt immerhin 48 Prozent der Bruttoerträge gemacht, zinstragendes Geschäft 52 Prozent, sagte Groß.

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