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Toshiba-Aktionäre : Aktionärsaufstand erschüttert Japans Wirtschaft

Ungewöhnlicher Harmoniebruch: Eine Pressekonferenz von Toshiba im Jahr 2018 Bild: AFP

Die Anteilseigner des kriselnden Traditionsunternehmens Toshiba haben zwei Spitzenmanager abgewählt. Das ist eine ungewöhnliche Eskalation eines Konflikts in Japans sonst auf Konsens ausgerichteter Wirtschaft und Gesellschaft.

          3 Min.

          Auf einer für japanische Verhältnisse lebendigen Hauptversammlung haben die Anteilseigner des Elektro-Konglomerats Toshiba am Freitag den Vorsitzenden des Verwaltungsrats, Osamu Nagayama, nicht wiedergewählt. Das Misstrauensvotum für den Manager ist äußerst ungewöhnlich in einer Unternehmenskultur, die von Konsens und Vertrauen geprägt ist.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Nagayama war für die Aktionärsmehrheit nicht mehr tragbar, nachdem in diesem Monat drei unabhängige Juristen eine anscheinend enge Zusammenarbeit des Unternehmens mit dem Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) aufgedeckt hatten, um Aktionäre vor der Hauptversammlung 2020 einzuschüchtern.

          Nagayama war erst nach diesen Vorgängen als externer Direktor in den Verwaltungsrat berufen worden, um das Traditionsunternehmen in ruhigeres Fahrwasser zu führen. Der 74 Jahre alte Manager, der frühere Chef eines Pharmaunternehmens und externer Direktor in Sonys Verwaltungsrats, ist in Japans Wirtschaftskreisen wohl angesehen.

          Doch die Aktionäre nahmen es ihm übel, dass unter seiner Aufsicht Toshiba die von ausländischen Hedgefonds vorgebrachten Vorwürfe gegen das Unternehmen nicht hinreichend geklärt hatte. Erst im Februar hatte ein interner Untersuchungsbericht kein Fehlverhalten im Unternehmen entdeckt. Die unabhängige Untersuchung der drei Juristen war danach im März von den Anteilseignern erzwungen worden.

          Die Aktionäre wählten neben Nagayama auch Nobuyuki Kobayashi ab, der als Mitglied des Revisionskomittees an dem internen Untersuchungsbericht mitgearbeitet hatte. Der Vorsitzende des Komitees und ein anderes Mitglied standen am Freitag schon nicht mehr zur Wahl, nachdem der unabhängige Untersuchungsbericht die Machenschaften offengelegt hatte.

          Toshibas Präsident und Exekutivchef Satoshi Tsunakawa entschuldigte sich auf der Hauptversammlung bei den Aktionären für die schlechte Unternehmensführung und warb um Vertrauen für Nagayama. Dieser habe nach dem Erscheinen des unabhängigen Untersuchungsberichts sofort gehandelt, zwei Mitglieder des Revisionsausschusses nicht mehr zur Wahl antreten lassen und Reformen verlangt. Das aber kam den Anteilseigner wohl zu spät. Tsunakawa hatte erst im April die Führung Toshibas wieder übernommen, nachdem sein früherer Nachfolger Nobuaki Kurumatani zurückgetreten war.

          TOSHIBA

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          Der Aktienkurs von Toshiba an der Börse in Tokio lag am frühen Nachmittag nach größeren Schwankungen mit 4800 Yen 0,8 Prozent im Minus, während der Nikkei-Index etwa 0,7 Prozent zulegte. Die Aktie hat seit Jahresbeginn rund 63 Prozent an Wert gewonnen.

          Das Abstimmungsergebnis ist ein Signal für die Aktionärsdemokratie in Japan und steht am vorläufigen Ende einer turbulenten Beziehung von Toshiba mit ausländischen Aktionären, die das in finanzielle Turbulenzen geratene Unternehmen notgedrungen vor einigen Jahren an Bord nehmen musste. Der mit etwa 10 Prozent größte Aktionär, der Hedgefonds Effissimo Capital Management, hatte die Arbeit des Verwaltungsrats als ineffektiv bezeichnet. Der zweitgrößte Aktionär Toshibas, der Hedgefonds 3D Investment Partners, hatte vor der Hauptversammlung den Rücktritt Nagayamas gefordert. 3D Investment erklärte nach der Abwahl Nagayamas, man hoffe auf den Beginn einer neuen Ära bei Toshiba, auf Wertschöpfung und Transparenz gegenüber den Anteilseigner.

          Manche Analysten werten die Vorgänge als Chance für das Traditionsunternehmen, mit durchgreifende Managementreform wieder voranzukommen. Toshiba hat in den vergangenen Jahren den Krisenmodus nie richtig verlassen. 2015 wurde ein schwerer Bilanzierungsskandal aufgedeckt. Es folgte der wirtschaftliche Untergang der amerikanischen Tochtergesellschaft Westinghouse, die Toshibas Rolle im Geschäft mit Nuklearenergie stärken sollte.

          Toshiba geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste mit der Speicherchipsparte das Tafelsilber verkaufen. Zugleich nahm das Unternehmen ausländisches Kapital auf, um einen Hinauswurf von der Börse zu vermeiden. Damit begann das Spannungsverhältnis zwischen ausländischen Hedgefonds und dem Management. Zeitweise hielten ausländische Anteilseigner mehr als 70 Prozent von Toshiba, zuletzt waren es etwa 50 Prozent.

          Das Traditionsunternehmen, dessen Geschichte bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurückreicht, ist durch seine Aktivitäten in der Kernenergie und durch Auftragsarbeit für das Verteidigungsministerium eng mit der japanischen Regierung verbunden. Analysten stellen deshalb die Frage, ob das Versagen der Unternehmensführung Symbol für die zumindest früher mächtige Japan AG ist oder ein Sonderfall.

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