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Gründung beschlossen : Russland will eine eigene Ratingagentur aufbauen

  • -Aktualisiert am

Ist Russland Ramsch? Bild: dpa

Mit der Gründung einer eigenen Ratingagentur will Moskau eine größere Unabhängigkeit von den Agenturen Amerikas erreichen. Die Entstehungsgeschichte der neuen Agentur sorgt jedoch für Zweifel.

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          Nun ist auch Russland auf den Zug jener Staaten aufgesprungen, die in der Vorherrschaft der großen amerikanischen Ratingagenturen eine Gefahr sehen. Ein Gremium der Zentralbank beschloss Ende Juli, im vierten Quartal eine eigene Agentur zur Prüfung der Bonität von Schuldnern zu gründen, die auch „geopolitischen Risiken“ widersteht. Die Agentur könnte im Frühjahr 2016 die ersten Noten über die Kreditwürdigkeit von Banken und Unternehmen vergeben – zunächst nur in Russland, später in der Eurasischen Wirtschaftsunion, einem Zusammenschluss ehemals sowjetischer Staaten unter Moskaus Führung.

          Das Phänomen ist bekannt: Solange Standard & Poor’s (S&P), Moody’s Investors Service und Fitch positive Urteile über Schuldner vergeben, sind diese mit ihnen zufrieden. Werden die Bewertungen kritischer, fühlen sich besonders Staaten schnell angegriffen und vermuten politische Ränkespiele. Große institutionelle Investoren machen oft von den Bewertungen der drei Agenturen abhängig, ob sie in die Anleihen eines Landes investieren. S&P und Moody’s haben Russlands Bonitätsnote dieses Jahr in den sogenannten spekulativen Bereich, den „Non-Investment Grade“ gesenkt. An dieser Stelle trennt sich für viele Anleger die Spreu vom Weizen. Fitch hält die unterste Note im „Investment Grade“ noch aufrecht, gibt Moskau allerdings einen negativen Ausblick.

          Analysten begegnen amerikanischen Ratingagenturen mit Skepsis

          Nun sehen manche Analysten die Bewertung von S&P und Moody’s durchaus skeptisch. Es geht hier um die Ausfallwahrscheinlichkeit der Anleihen des russischen Zentralstaates. Zwar leidet der Haushalt unter der Wirtschaftskrise und wird das Jahr mit einem Minus abschließen, aber die Staatsverschuldung ist mit weniger als 20 Prozent der Wirtschaftsleistung noch gering. Außerdem hat Moskau gezeigt, dass es in Finanzmarktfragen sehr vorsichtig gegenüber internationalen Investoren agiert. So wurden sowohl in der Finanzkrise wie auch in den gegenwärtigen Turbulenzen und der jüngsten Rubel-Krise keine Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Das stete Versprechen, dass es dabei bleibt, wird oft als eine der wenigen glaubwürdigen Aussagen des Kremls gesehen.

          Es ist üblich, dass Emittenten, die keine Staaten sind, für die über sie ausgesprochenen Bonitätsurteile zahlen beziehungsweise diese in Auftrag geben. Das schafft potentiell Interessenskonflikte. In Russland wird das nicht anders sein, aber ein anderer Punkt wiegt viel schwerer: Die Agentur soll den Emittenten gehören. Das Grundkapital von 3 Milliarden Rubel (44 Millionen Euro) soll von russischen Banken, Versicherungen und anderen Finanzmarktteilnehmern beigesteuert werden. Kein Aktionär soll mehr als 5 Prozent der Agentur besitzen. In einer ersten Runde können sich Interessenten jetzt bis Ende August melden. Wenn zunächst nicht genug Geld zusammenkommt, wird die Zentralbank das Kapital stellen – aber wie zu hören ist, hat sich der Investorenpool weitgehend formiert. So will Russlands zweitgrößte Bank VTB mitmachen, ein staatlich kontrolliertes Institut und wiederholt Nutznießerin öffentlicher Kapitalspritzen.

          Es sind die Investoren, also die Gläubiger, die mit ihrer Akzeptanz von Bonitätsurteilen über deren Vertrauenswürdigkeit entscheiden. Ob internationale Anleger die neue russische Agentur angesichts der Entstehungsgeschichte akzeptieren, wird bezweifelt. Und russische Investoren, zumindest solche in Staatsnähe, werden heimische Obligationen wohl auch ohne ein neues Etikett erwerben (abgesehen davon, dass sich in Russland bereits eine Handvoll kleinerer Agenturen tummelt). Selbst der Chef von Russlands Eisenbahn bezweifelt, ob die Beteiligung der Emittenten am Aktionariat eine gute Idee ist.

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