https://www.faz.net/-gv6-achdt

Studie : Große Schließungswelle bei Bankfilialen voraus

  • Aktualisiert am

Dieser Anblick könnte häufiger werden. Bild: dpa

Das Tempo der Schließungen von Bankfilialen wird sich europaweit stark beschleunigen, meinen Strategieberater. Das Pandemiejahr habe dies deutlich gemacht. Auch Neobanken müssten sich wandeln.

          2 Min.

          Auf Mitarbeiter und Kunden der europäischen Banken kommt nach einer Studie der Unternehmensberatung PwC Strategy& nach der Corona-Pandemie eine bisher ungesehene Welle von Filialschließungen zu. Bis 2023 könnten die Privatbanken bis zu 40 Prozent ihrer Geschäftsstellen schließen, prophezeien die Finanzfachleute. Das ist eine enorme Beschleunigung des Abbautempos von 4 Prozent in den Jahren 2016 bis 2019 über 5 Prozent in den Jahren 2019 auf 2020 auf nun rund 12 Prozent.

          Der durchschnittliche Gewinn je Kunde sei 2020 um 8 Prozent auf 193 Euro gesunken, bei einem Viertel der untersuchten Privatkundenbanken sogar um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Umsätze seien um 4 Prozent zurückgegangen. Das sei allerdings tatsächlich weniger als erwartet.

          Die Lage ist zudem keineswegs überall gleich, doch gerade der deutsche Bankensektor steht demnach ziemlich schlecht da: In der Schweiz brachte ein Kunde im Schnitt 444 Euro Gewinn, in Österreich leicht überdurchschnittliche 208 Euro, in Deutschland dagegen unterdurchschnittliche 172 Euro.

          Deutsche Banken hintendran

          Studienautor Andreas Pratz und seine Kollegen haben rund 50 Privatkundenbanken und Bankengruppen aus 15 Ländern mit insgesamt 690 Millionen Kunden sowie geschätzten Privatkundeneinlagen und Kreditvolumina in Höhe von 18 Billionen Euro untersucht.

          Ursachen sind demnach die gesunkene Zahl internationaler Transaktionen und Kreditkartenzahlungen sowie weniger Nachfrage nach Verbraucherkrediten. Dagegen sanken die Kosten im Durchschnitt um 2 Prozent, während die Einlagen um 9 Prozent wuchsen. Jedoch machte sich auch die Pandemie bemerkbar: Die Rückstellungen für Kredite einschließlich der staatlichen Unterstützungen seien bei den 25 größten europäischen Banken um 110 Prozent gestiegen. Viele europäische Geldhäuser litten demnach auch vor der Pandemie schon unter schrumpfenden Umsätzen. Nur rund ein Viertel der Banken konnte die Umsätze steigern.

          Auch zeigten die Kostensenkungsprogramme noch keine wesentlich positiven Auswirkungen. Im Gegenteil sei das Aufwand-Ertrags-Verhältnis für drei Viertel der untersuchten Banken gestiegen, weil die Einnahmen stärker zurückgegangen seien als die Kosten. Besonders Institute in Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich und Italien hätten im vergangenen Jahr mit einem hohen Aufwand-Ertrags-Verhältnis zu kämpfen gehabt. Bei deutschen Banken sei die Kostenstruktur „überwiegend unverändert“ geblieben.

          Die sinkenden Margen verstärken nach Einschätzung der Unternehmensberater erheblich den Kostendruck . Viele Großbanken von der Deutschen Bank bis zur französischen Societé Generale haben schon einen umfangreichen Stellenabbau angekündigt. Die Zahl der Bankfilialen in Europa könnte demnach bis 2023 von knapp 60.000 auf nur noch 36.000 sinken.

          Das traditionelle Geschäftsmodell, demzufolge die Banken in ihren Filialen auf die Kundschaft warten, wird sich laut Studie in Zukunft quasi umkehren: „Anstatt durch die besten Standorte möglichst viele Kunden in die Filialen zu locken, werden zukünftig durch gezieltes Online-Marketing Kundenkontakte gewonnen“, sagte Studienautor Pratz laut Mitteilung. Die Lockdowns hätten gezeigt, dass die Betriebsmodelle der Banken mit deutlich reduzierten physischen Vertriebskanälen realisierbar seien.

          Im Ringen um Marktanteile würden sich die Geschäftsmodelle von Filial- und Direktbanken zunehmend ähnlicher. Traditionelle Banken sollten ihre Filialen als zentrale Anlaufstelle in ein digitalisiertes Vertriebsmodell einbetten, um nicht vom Wettbewerb der Direkt- und Neobanken abgehängt zu werden. Diese hingegen müssten ihr Angebot an profitablen und individualisierten Dienstleistungen weiter ausbauen anstatt nur auf grenzenloses Kundenwachstum zu setzen.

          Weitere Themen

          Wohin mit der ganzen Liquidität?

          Banken parken Cash : Wohin mit der ganzen Liquidität?

          Die amerikanische Notenbank Federal Reserve macht mit Banken Geschäfte, die sich bald auf bis zu zwei Billionen Dollar verlaufen könnten. Doch diese Ecke der Finanzwelt blieb bis dato eher unbeachtet.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.