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Green Finance : Wie die grüne Wirtschaft finanziert werden könnte

Für eine grüne Wirtschaft braucht es nicht nur schöne Bilder, sondern auch viel Geld. Bild: Picture-Alliance

Das Interesse an Green Finance ist groß, die Erfahrungen bisher aber gering. Die Finanzanlagen zu klassifizieren, hilft nicht unbedingt.

          3 Min.

          Das Umsteuern der Wirtschaft mit Blick auf den Klimaschutz beschäftigt mehr und mehr auch die Finanzwirtschaft. Bisher existieren aber noch große Wissenslücken und praktische Erfahrungen sind selten. Das ist das zentrale Ergebnis einer Umfrage, die das „Finance“-Magazin gemeinsam mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) im Oktober durchgeführt hat.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Nur 5 Prozent der 172 befragten Finanzentscheider halten das Thema „nachhaltige Finanzierungen“ für einen vorübergehenden Trend, jeder zweite ist dagegen der Ansicht, an dem Thema komme schon heute kein Unternehmen mehr vorbei. Gleichzeitig schätzt die Hälfte der Befragten den eigenen Kenntnisstand als gering ein.

          In dieser Situation könnte eine Taxonomie hilfreich sein, also die klare Klassifizierung der nachhaltigen Aspekte eines Finanzprodukts. Als ein Ankerpunkt für Regulierung werde die Taxonomie dienen, indem sie kläre, welche ökonomische Aktivität als nachhaltig zu sehen sei und welche nicht, erwartet etwa Karsten Löffler von der Frankfurt School of Finance & Management. Er plädiert dafür, vom Ende her zu denken – zum Beispiel vom Ziel, bis zum Jahr 2050 ein klimaneutrales Europa zu schaffen.

          In der Konsequenz könnten nur diejenigen wirtschaftlichen Aktivitäten Teil der Taxonomie sein, die auf das 2050-Ziel ausgerichtet seien: „Das bedeutet auch: Mainstreaming ist nötig“, betonte er in einer Diskussionsrunde auf dem Kongress „Structured Finance“ in Stuttgart. Nebenbei würde Greenwashing vorgebeugt.

          „Green Finance ist zu kurz gesprungen“

          Aktuell ist das Gegenteil der Fall. „Der Markt ist extrem komplex“, berichtet beispielsweise Frank Hoefnagels, Chef des europäischen Investment-Bankings bei der spanischen Bank BBVA. Der Anteil grüner Bonds steige, liege aber immer noch erst bei 0,65 Prozent des Gesamtvolumens. Grüne Kredite hätten sich etabliert, allerdings nicht immer mit sinnvoll erscheinenden Labels und nachweisbarerer Wirkung.

          Der Vermögensverwalter DWS hat einstweilen seine eigenen Methoden entwickelt. Für mehr als 90 Prozent des Anlageuniversums habe man umfangreiche Datensammlungen über das Verhalten der Unternehmen nach den ESG-Kriterien: Umwelt, Soziales und Governance, also Unternehmensführung. „Green Finance meint zwar das richtige, ist aber zu kurz gesprungen“, urteilt DWS-Portfolio-Manager Fridtjof Gerstein.

          Er verweist darauf, dass ausgerechnet der französische Stromkonzern EDF früh einen Green Bond begeben habe: Das Geld sei zwar für Projekte im Bereich Erneuerbare Energien ausgegeben worden, aber unter Aspekten der CO2-Einsparungen könne man auch Atomkraft als vorteilhaft und somit „grün“ bezeichnen.

          Herbe Kritik an der Wette

          Gerstein wirft die Frage auf, ob nicht eher eine Finanzierungsart Schule machen könnte, wie sie von Enel in diesem Sommer zu sehen war. Der italienische Energiekonzern hat eine Anleihe emittiert, die nicht an ein bestimmtes Projekt gebunden war, sondern an ein Versprechen geknüpft, den Anteil erneuerbarer Energien an der vom Konzern installierten Kapazität bis Ende 2021 von 46 auf 55 Prozent zu steigen. Sollte das nicht klappen, würde der Coupon von zuvor 2,65 Prozent auf 2,9 Prozent steigen.

          Bei den Anlegern kam das innovative Papier gut an, Enel konnte 1,5 Milliarden Dollar aufnehmen. Beim Kongress in Stuttgart aber gibt es auch herbe Kritik an so einer Wette. „Diese Transaktionsstruktur passt nicht zu den Anforderungen der BMW Group“, betont Fredrik Altmann, Leiter der Konzernfinanzierung des Münchener Autobauers. Seinen Worten nach ist Nachhaltigkeit bei BMW entlang der gesamten Wertschöpfungskette integriert und schafft so Mehrwert für das gesamte Unternehmen.

          So wichtig aber Transformation sei, so gelte doch: „Die gewählte Struktur darf nüchtern betrachtet kein moralisches Dilemma für Investoren darstellen.“ Dem pflichtet Lothar Rieth bei, Nachhaltigkeitsexperte beim Energiekonzern EnBW: „Es ist nicht im Sinne der Logik von grünen Geldanlagen, dass der Investor aus Rendite-Gründen hoffen sollte, dass das Ziel verfehlt wird.“

          Rieth hofft, dass die Diskussion befeuert wird, wie nachhaltig einzelne Konzerne wirklich wirtschaften, dass etwa konkret verglichen werden könne, welche Energiekonzerne einen höheren Anteil erneuerbarer Energien im Portfolio haben. Für die Messung und Bewertung, so seine Überzeugung, sei ein einheitliches Instrument nötig.

          Die Forderung nach einer Taxonomie ist freilich mit Zweifeln kombiniert: „Grüne Anleger bevorzugen hohe Schwellenwerte. Das macht uns Sorgen, da so die wichtige Übergangsphase bis 2030 nur schwer mit grünen Geldanlagen finanziert werden kann. Wir plädieren für Augenmaß, damit der Übergang, der Green Deal, realistisch umsetzbar wird.“

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