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Gute Unternehmensführung : Aufsichtsräte sollten haften wie Aktionäre

  • -Aktualisiert am

Aktionäre haften: Besucher auf einer Hauptversammlung des mittlerweile insolventen ehemaligen Dax-Unternehmens Wirecard Bild: dpa

Krisen und Skandale in der Wirtschaft gehen oft auf Verfehlungen von Entscheidern und Kontrolleuren zurück – doch die Boni an die Verantwortlichen fließen munter weiter. Das muss sich ändern, schreibt ein Wirtschaftsethiker.

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          Der Aufsichtsratsvorsitzende der Lufthansa und von E.ON, Karl-Ludwig Kley, stellte in der F.A.Z. vom 19. April Reformansätze eines Arbeitskreises unter Federführung der Heidelberger Juraprofessoren Peter Hommelhoff und Dirk Verse vor. Der folgende Artikel hat zum Ziel, die Reformdiskussion zu erweitern und aus wirtschaftsethischer Sicht die Interessen der Gesellschaft und den Standpunkt der Anteilseigner einzubringen.

          Dies scheint vor dem Hintergrund der Erfahrungen der letzten Jahrzehnte – angefangen mit Enron über die Finanzkrise bis zum aktuellen Betrugsfall Wirecard – dringend erforderlich. Alle diese Krisen gingen auf Verfehlungen von Managern zurück, die die Gesellschaft und die Aktionäre Billionen Euro und zahlreiche Arbeitsplätze kosteten.

          Seit Mai 2007 verlor etwa die Deutsche Bank rund 86 Prozent ihres Anleger-Depotwertes. Parallel gab es Strafzahlungen für zahlreiche Gesetzesverstöße, die Eigenkapitalerhöhungen durch die Aktionäre notwendig machten. Falsche Anreize, mangelnde Kontrolle und Haftung führen zu Schwächen in der Corporate Governance. Skandale bis zur einer neuen Finanzkrise können die Folge sein. Es besteht Handlungsbedarf.

          Wie können die Eigentümer ihre Interessen gegen die Manager durchsetzen? Das Problem einer objektiven Interessenvertretung wird nur dann gelöst, wenn der Manager wie der Anteilseigner haftet. Das gilt auch für den Aufsichtsrat als Vertreter der Eigentümer. Auch gesellschaftlich macht es wenig Sinn, die Unternehmen für die Verstöße zu bestrafen, aber die Manager mit ihren Boni unbehelligt zu lassen.

          Nur Menschen können haften, nicht Unternehmen

          Eigenverantwortlich handeln im wirtschaftsethischen Sinn können nur Menschen, und das sind die Manager und nicht die Unternehmen. Juristisch werden aber die Unternehmen zur Verantwortung gezogen. Erst bei VW-Dieselgate scheint man hier mit der strafrechtlichen Verfolgung von dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Winterkorn und anderen Managern ein neues Kapitel aufzuschlagen, was aber wie auch im damaligen Korruptionsfall von Siemens maßgeblich von den USA vorangetrieben wird.

          Ziel muss es sein, dass zumindest der Aufsichtsrat die gleiche Interessenlage hat wie die Shareholder. Entlohnung und Haftung müssen deshalb wie bei einem Shareholder ausgestaltet werden. Hinzu kommt, dass wenn der Aufsichtsrat die Shareholder als Eigentümer vertreten soll, die zeitliche Intensität und die Durchgriffsrechte denen von Eigentümern angeglichen werden müssen. Ferner ist eine persönliche und fachliche Befähigung erforderlich, um die Interessensvertretung der Aktionäre professionell ausführen zu können. So wäre es wichtig, dass die wichtigsten Vorstandsressorts durch entsprechend ausgewiesene Aufsichtsratsmitglieder abgedeckt werden.

          Der Arbeitskreis bemängelt diesbezüglich, dass der Gesetzgeber die Anforderungen an die persönliche Integrität für den Vorstand, aber nicht für den Aufsichtsrat vorgeben hat. Ferner soll der Aufsichtsrat bei den Wahlvorschlägen auf der Hauptversammlung transparent machen, warum ein Kandidat dem geforderten Anforderungsprofil entspricht. Dies sollte dann aber auch gerade für die Mitglieder des Aufsichtsrats gelten. Damit interne Beförderungen auf der Basis von Beziehungen erschwert werden, sollten ferner die Qualifikationen der wichtigsten Manager des Unternehmens im Internet veröffentlicht werden.

          Ein grundlegendes Problem ist, dass ein Aufsichtsrat nur Zugang zu den Informationen bekommt, die ihm der Vorstand vorlegt. So können letztlich alle Entscheidungen des Vorstands in einem Licht dargestellt werden, das die Zustimmung des Aufsichtsrates nach sich ziehen muss. Der Arbeitskreis schlägt in diesem Zusammenhang ein direktes Informationsrecht des Aufsichtsrates gegenüber Mitarbeitern vor. Das reicht allerdings nicht aus, da der Aufsichtsrat nur tätig werden kann, wenn er überhaupt etwas von den Verfehlungen erfährt. Dagegen kann die Wirtschaftsethik helfen.

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