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Goldreserven : Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles

Bild: F.A.Z.

In den Kellern von IWF und Notenbanken lagern riesige Goldvorräte. Und bringen nichts. Jetzt sollen sie verkauft werden, um beispielsweise arme Länder von ihren Schulden zu befreien. Doch die Widerstände sind groß.

          Der britische Philosoph Bertrand Russell hat in seinem dem Goldhunger der Menschen gewidmeten Essay „Der moderne Midas“ eine interessante Frage aufgeworfen: Was würde wohl ein Außerirdischer von den Menschen denken, wenn er sähe, wie in Südafrika mit großer Mühe Gold aus der Erde geschürft wird, das nach einer Transformation in Barren in den tiefen Kellern des amerikanischen Fort Knox auf vielleicht ewig wieder im Erdinneren verschwindet?

          Was ist eigentlich der Zweck dieses Aus- und Einbuddelns? In einem übertragenen Sinne beschäftigen sich die Finanzminister und Notenbankchefs der großen Industrienationen an diesem Wochenende mit Russells Frage. Konkret geht es um die riesigen Goldbestände des Internationalen Währungsfonds (IWF).

          Garant für finanzielle Solidarität

          Großbritannien schlägt vor, dieses Gold zumindest zum Teil aus den Kellern zu holen, zu verkaufen und mit dem Erlös arme Länder von ihren Schulden zu befreien. Der Marktwert des IWF-Goldes beträgt rund 40 Milliarden Dollar - allerdings ließen sich die Bestände nur langsam, vermutlich über Jahre verkaufen, um den Goldmarkt nicht zu überfordern. Doch dazu wird es wohl nicht kommen. Denn die Amerikaner, ohne die als größter Anteilseigner beim IWF nichts geht, sind strikt gegen einen Abbau der Goldreserven.

          „Wir sind nicht davon überzeugt, daß Goldverkäufe ein notwendiger Weg sind, um die Schulden der armen Länder zu reduzieren“, heißt es im Washingtoner Finanzministerium. Die Europäische Zentralbank hält ebenfalls nichts davon. „Ein eventueller Goldverkauf des IWF muß mit den Zentralbanken abgestimmt werden“, warnt EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. In Deutschland sind die Ansichten geteilt: Die Bundesregierung lehnt einen Verkauf von Gold aus den Beständen des IWF nicht grundsätzlich ab. Die Deutsche Bundesbank übt bei diesem Thema zwar nach außen Diskretion, doch ist hinreichend bekannt, daß sie das Projekt intern ablehnt. Das Gold, so wird vielerorts suggeriert, sei ein Garant für finanzielle Solidität.

          Deutsches Gold in London

          Wirklich? Als vor langer Zeit die wichtigsten Währungen der Welt offiziell durch Gold gedeckt waren, hatten die Barren in den Tresoren der Zentralbanken einen Sinn. Doch das Zeitalter der Goldwährungen ist, entgegen den Hoffnungen weniger Nostalgiker, wohl unwiderruflich zu Ende. Eine rationale Begründung für das Festhalten am Gold ist aus keiner Zentralbank zu hören, wohl aber gelegentlich Appelle an alte Mythen. Beispiel Bundesbank: Die deutsche Zentralbank verfügt mit 3433 Tonnen über die zweitgrößten Goldreserven der Welt. Sie entstanden in den fünfziger und sechziger Jahren als Gegenfinanzierung der damaligen Überschüsse in der Leistungsbilanz.

          Die Goldreserven der Bundesbank lagern übrigens nur zu einem geringen Teil in deutschen Tresoren. Der größere Teil befindet sich im Ausland, überwiegend wohl in New York, wo die Federal Reserve Bank an der Südspitze Manhattans 25 Meter unter der Erde im Auftrag von Zentralbanken aus 60 Nationen rund 550.000 Barren Gold bunkert. Es ist eines der größten Goldlager der Welt - zusammen mit dem legendären Fort Knox, wo sich der wichtigste Teil der amerikanischen Reserven befindet. Genaue Angaben sind nicht zu erhalten, doch soll deutsches Gold auch in London liegen.

          „Teil des Volksvermögens“

          Erstaunlich wäre das nicht: Die Bundesbank hatte das Edelmetall an den führenden Goldhandelsplätzen New York und London gekauft und dort belassen. Zum einen, weil der Transport nach Deutschland teuer gewesen wäre. Vor allem aber, weil man bis 1989 einen Krieg nicht völlig ausschließen konnte. Die sowjetischen Truppen standen im Kalten Krieg nur wenige Stunden vom Bundesbank-Hauptsitz Frankfurt entfernt. Nach 1989 sah man keinen Grund, etwas zu ändern.

          „Teil des Volksvermögens“ sei das Gold, sagt Bundesbankpräsident Axel Weber. Wahr ist: Es gehört der Bundesbank, und diese gehört dem Bund. Kein Wunder, daß die Regierung in Berlin begehrliche Blicke auf den Schatz wirft. Denn das Edelmetall steht in der Bilanz mit dem Anschaffungswert: rund sieben Milliarden Euro. Der Marktwert beträgt heute etwa das Fünffache. Bei einem Verkauf von Gold machte die Bundesbank erhebliche Gewinne, die überwiegend als Dividenden an den Bund flössen.

          Die Lust am Gold

          Doch die Bundesbank sperrt sich. Zwar hat sie mit anderen westlichen Zentralbanken ein Abkommen geschlossen, das es ihr erlaubt, in den kommenden fünf Jahren 600 Tonnen Gold zu verkaufen. Doch die Berliner Begehrlichkeiten lassen die Bundesbank zögern. Eine Mehrheit ihrer Führung fürchtet offenbar, daß der Bund aus Goldverkäufen zufließende Gewinne für wenig seriöse Zwecke, zum Beispiel für das kurzfristige Stopfen von Löchern im Staatshaushalt, verwenden könnte.

          Zwingen kann die Regierung die Bundesbank nicht, Gold abzugeben. Und so werden die Frankfurter, ihrer etwas mythischen These vom „Teil des Volksvermögens“ anhängend, sich in den kommenden Jahren wohl mit kleineren Verkäufen bescheiden. Zum Mythos Gold hat in Deutschland zumindest am Rande auch der Dichterfürst beigetragen. „Gold ist unwiderstehlich“, befand Johann Wolfgang Goethe. Im „Faust“ läßt er sein Gretchen den berühmten Satz sagen: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!“ Freilich hat Goethe die Lust am Gold nicht verklärt. Im Gegenteil. Denn wie setzt das Gretchen fort? „Ach, wir Armen!“

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