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Global Wealth Report : Dämpfer für die Reichen dieser Welt

Geldscheine regnen aus einem Geldsack, der an Luftballons hängt. Bild: dpa

Die privaten Finanzvermögen sind 2018 kaum gewachsen. In Deutschland sieht es etwas besser aus – dank einer Besonderheit.

          Immer im Juni legt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) ihren „Global Wealth Report“ vor. In den vergangenen Jahren schien dabei stets ein klarer Trend durch: Die privaten Finanzvermögen legen tüchtig zu, wobei insbesondere die ganz Reichen immer reicher werden. Doch 2018 mussten die Millionäre und Milliardäre dieser Welt einen empfindlichen Dämpfer hinnehmen. Gemäß den Zahlen, welche BCG bei Banken und Vermögensverwaltern eingesammelt und sortiert hat, sind die Privatvermögen (ohne Immobilien) im vergangenen Jahr bereinigt um Wechselkurseffekte nur um 1,6 Prozent auf knapp 206 Billionen Dollar gewachsen. Im Jahr zuvor waren die Vermögen noch um 7,5 Prozent gestiegen. In der Zeit zwischen 2013 und 2017 betrug der durchschnittliche Zuwachs jährlich 6,2 Prozent.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Ausschlaggebend für die ungewöhnlich schwache Entwicklung im vergangenen Jahr war der Absturz der Aktienkurse. Vor allem bedingt durch die Baisse im vierten Quartal, gaben wichtige Aktienindizes um ein Fünftel nach. Dies wiederum traf vor allem jene Regionen und Länder, in denen die Menschen besonders aktienaffin sind. Dies trifft vor allem auf die Amerikaner zu, die zu rund 50 Prozent in Aktien und Investmentfonds investiert sind. In der Folge hatten sie gemäß der BCG-Studie 2018 leichte Vermögenseinbußen zu beklagen.

          Die Deutschen hingegen sind Aktienmuffel; ihr Aktien- und Investmentfondsanteil an den im Inland gehaltenen Vermögenswerten (einschließlich Lebensversicherungen und Anleihen) beträgt lediglich 19 Prozent. Die von Anlageberatern oft beklagte Scheu vor Aktien hat den Deutschen in Zeiten von Niedrig- und Negativzinsen oft geschadet: In früheren Jahren wuchsen ihre Vermögen im internationalen Vergleich nur unterdurchschnittlich.

          Millionärsdichte in der Schweiz am größten

          Doch „dank“ des Börsengewitters im Herbst sieht die Bilanz 2018 etwas besser aus: Weil die Verluste aus Aktien mangels Masse vergleichsweise gering waren, stiegen die privaten Finanzvermögen in Deutschland überdurchschnittlich um 1,9 Prozent auf 7,5 Billionen Dollar. „Im vergangenen Jahr war es ein Vorteil für die deutschen Anleger, dass sie vergleichsweise konservativ agieren“, sagt Anna Zakrzewski, die als BCG-Partnerin in Zürich zu den Hauptautoren der Vermögensstudie zählt.

          Zugleich weist sie gegenüber der F.A.Z. darauf hin, dass sich das Bild bei einem Aufschwung an den Aktienmärkten natürlich schnell wieder zulasten der Deutschen verdüstern kann. Tatsächlich lief es für Aktionäre im laufenden Jahr bisher gut: Der Deutsche Aktienindex (Dax) ist seit Anfang Januar um 17 Prozent gestiegen, der Euro-Stoxx hat 15 Prozent zugelegt.

          Obwohl die Amerikaner 2018 Vermögenseinbußen hinnehmen mussten, muss man für sie nicht mit dem Klingelbeutel herumgehen. Nirgendwo ist der Reichtum größer als in den Vereinigten Staaten. Dort leben laut BCG 14,7 Millionen Millionäre. Weit abgeschlagen dahinter folgen China (1,3 Millionen Millionäre), Japan (1,1), die Schweiz (0,5), Großbritannien (0,4) und Deutschland (0,4). In Relation zur Zahl der erwachsenen Einwohner ist die Millionärsdichte in der Schweiz am größten gefolgt von den Vereinigten Staaten, Kanada und Taiwan.

          Klarer Trend

          Die Zahl der Millionäre ist rund um den Globus im vergangenen Jahr um 2,1 Prozent auf 22,1 Millionen gestiegen. Diese Personen besitzen zusammen die Hälfte des privaten Finanzvermögens in der Welt. BCG erwartet, dass sich die Zahl der Millionäre bis zum Jahr 2023 auf 27,6 Millionen erhöht. Motor dieser Entwicklung sei vor allem Asien. Dort rechnen die Studienautoren mit einem Millionärswachstum von gut 10 Prozent.

          Aber auch in Afrika (plus 9,8 Prozent) und Lateinamerika (9,1 Prozent) häufen den Prognosen zufolge immer mehr Menschen ein Finanzvermögen in Millionenhöhe an. Was die Vermögensentwicklung insgesamt betrifft, rechnet Boston Consulting in den kommenden Jahren wieder mit einem klar ansteigenden Trend. Bis 2023 sei jährlich mit einem durchschnittlichen Plus von 5,7 Prozent zu rechnen. In Deutschland würden die Vermögen in dieser Zeitspanne jährlich um 5 Prozent auf 9,3 Billionen Dollar wachsen.

          Viele deutsche Banken und Vermögensverwalter sind auf die Geschäftschancen, die sich aus dieser Entwicklung ergeben, nicht sonderlich gut vorbereitet: „Die deutschen Privatbanken gehen fast alle auf gleiche Art und Weise auf die Kunden zu, die meisten bieten ganz ähnliche Produkte an“, kritisiert die BCG-Partnerin Zakrzewski. Gerade in Zeiten sinkender Margen und steigender Kosten sei es wichtig, sich auf ein differenziertes und auf die Kunden genau zugeschnittenes Angebot zu fokussieren.

          Die Banken brauchen mehr Volumen

          Stattdessen jedoch werbe man Kundenberater von anderen Banken ab in der verzweifelten Hoffnung, auf diese Art Wachstum zu generieren. Dabei sei die Erfolgsquote gering: „Ein Berater, der zu einer anderen Bank wechselt, zieht maximal ein Drittel seiner bisherigen Kunden mit hinüber – aber nur, wenn es wirklich sehr gut läuft.“ Wichtig sei, die Prozesse hinter der Kundenschnittstelle zu standardisieren und automatisieren. Zugleich müsse der Kunde viel individueller betreut und angesprochen werden, nicht zuletzt mit Hilfe digitaler Kanäle.

          Wer diesen Transformationsprozess nicht schaffe, drohe früher oder später aus der Kurve zu fliegen. Obwohl der Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank gescheitert ist, rechnet Zakrzewski mit Übernahmen und Fusionen im deutschen Bankenmarkt. „Die Konsolidierung muss an Tempo gewinnen, weil die gegenwärtigen Betriebsmodelle viel zu teuer sind. Die Banken brauchen mehr Volumen auf ihren Plattformen, damit sich diese rechnen.“

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