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Geschäftsberichte : Die Kleider der Unternehmen

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Der Geschäftsbericht ist die Visitenkarte des Unternehmens Bild: dpa

Geschäftsberichte sind weit mehr als von Buchhaltern gesammelte Zahlen. Hier zeigt sich, welches Unternehmen Stil hat.

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          Alle drei Monaten das gleiche Spiel: Die Aktiengesellschaften schmeißen per Ad-hoc-Mitteilung ihre Gewinnzahlen auf den Markt, im Handel ertönt der kurze Schrei: „Über den Erwartungen, 'kaufen', oder aber schlechter als die Prognosen, 'verkaufen'.“ Acht Minuten Aufregung, dann ist die Bewertung für die Aktie meistens abgeschlossen.

          Was den Profis oft Geld bringt, ist für den Anleger mit mittelfristigem Horizont unbefriedigend. Er will seine Anlageentscheidung fundierter treffen. Daher lohnt sich der Blick in den Geschäftsbericht, die Visitenkarte des Unternehmens. Ähnlich wie die Kleidung zwar nicht den Charakter des Menschen aufdeckt, aber Hinweise auf das Innerste offenbart, vermittelt der Geschäftsbericht die Unternehmensphilosophie. Zwar ist dies noch kein Garant für Kursgewinne, aber der Investor kann abklopfen, ob ihm der Unternehmensstil gefällt.

          Visionen offenbaren

          Einig sind sich die Leser von Geschäftsberichten, was sie erfahren wollen: „Ein Geschäftsbericht soll die Visionen und Zukunftsträchtigkeit des Unternehmens darstellen und herausarbeiten, inwiefern sich das Unternehmen von den Mitbewerbern seiner Branche absetzt“, geht aus einer Studie der Agentur HGB Hamburger Geschäftsberichte hervor. Dies ist aber weit mehr, als der Gesetzgeber vorschreibt. Das Handelgesetzbuch (HGB) verlangt, das Kapitalgesellschaften einen Jahresabschluss und Lagebericht erstellen müssen. Dabei definiert das HGB sehr genau, welche Angaben in die Bilanz und Erfolgsrechnung gehören. Ob ein Konzern in der Bilanz stille Reserven versteckt und mittels Bewertungsspielräume das Ergebnis schönt, findet der Aktionär nur schwer heraus. Die verwendeten Bewertungsmethoden müssen die Gesellschaften zwar im Anhang erläutern, aber Investoren brauchen schon tiefe Fachkenntnisse, um die Kniffe tatsächlich zu durchschauen.

          Persönliche Note im Lagebericht

          Daher ist der Lagebericht für den Aktionär schon wesentlich interessanter. Hier findet er den Geschäftsverlauf, bedeutende Vorgänge nach dem Bilanzstichtag, Prognosen und die Forschungen des Unternehmens. In welches Gewand die Gesellschaften diese Angaben kleiden, bleibt ihnen vom Gesetzgeber weitgehend freigestellt. Daher kann der Vorstand auch hier seine persönliche Note setzen. Guten Geschmack beweist ein Unternehmen durch klare und unmissverständliche Daten. Bietet das Unternehmen beispielsweise den Service und zeigt über die vergangenen fünf bis zehn Jahren, wie sich die Kosten und Erlöse entwickelt haben, oder öffnet es nur die spärliche Variante, nämlich dem Vergleich mit dem Vorjahr? Letzteres lässt entweder auf Leichen im Keller schließen oder aber auf eine zu zugeknöpfte Kommunikationspolitik. Beiden Varianten möchte wohl kein Anleger Geld anvertrauen.

          Nie in Floskeln investieren

          Börsen handeln Zukunft, die offenbart das Unternehmen in den Prognosen. Formulierungen wie „wir wollen an unserem bisherigen Erfolg anknüpfen“ sind schwammig und helfen wenig. Der Vorstand sollte seine Ziele quantifizieren und verständlich erläutern. Visionen haben viele, aber wer die Sommerkollektion mit guter Figur präsentieren will, der sollte im Winter schon einmal mit der Diät angefangen haben. Ob ein Konzern tatsächlich vorsorgt und Ideen generiert, finden Investoren in den Forschungs- und Entwicklungsangaben. Hier liegt die Quelle für die zukünftigen Erträge.

          Die Accessoires des Geschäftsberichts sind gänzlich freiwilligen Angaben wie das Vorwort des Vorstands, ein Umweltbericht, Angaben zum Marketing oder gar zu den Vorstandsbezügen. Sie machen keine Mode und erst recht keine Kursgewinne, aber sie setzen Akzente.

          Noch hinken allerdings viele Gesellschaften mit den Geschäftsberichten der Mode hinterher. Dem Anspruch der Shareholder-Orientierung werde die überwiegende Mehrheit der Unternehmen durch ihre Berichterstattung nicht gerecht, meint Professor Jörg Baetge von der Universität in Münster, der regelmäßig Geschäftsberichte analysiert. Aber der Kampf um die Gunst der Anleger wird härter, dies erkennen auch immer mehr Gesellschaften und gehen auf die Forderungen der Anleger ein. Wenn Unternehmen diesen Trend nicht erkennen, sollte sich der Anleger fragen, wie der Vorstand dann den nächsten Trend in der Branche aufspüren will.

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