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Geplantes Steuerabkommen : Die Schweiz verliert viele Milliarden deutscher Vermögen

  • -Aktualisiert am

Auch nach dem Steuerabkommen bleibt Zürich reizvoll Bild: Helmut Fricke

Experten und Praktiker erwarten einen strukturellen Einkommensrückgang: Das umstrittene Steuerabkommen mit Deutschland wird den Finanzplatz Schweiz umstülpen.

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          Deutsche Anleger dürften bis Ende kommenden Jahres 36 Milliarden Franken oder umgerechnet 29 Milliarden Euro aus der Schweiz abziehen. Dies erwartet Andreas Lenzhofer, Manager des Beratungsunternehmens Booz & Company, aufgrund des jüngsten, allerdings noch nicht ratifizierten Steuerabkommens der Schweiz mit Deutschland. Deutsche Anleger hatten nach einer am Dienstag in Zürich veröffentlichten Studie von Booz & Company Ende 2010 rund 210 Milliarden Franken oder 170 Milliarden Euro in der Schweiz angelegt. Das sind 10 Prozent aller sogenannten Offshore-Gelder im Land. 102 Milliarden Euro oder 60 Prozent der deutschen Vermögen seien jedoch am Fiskus vorbeigeschleust worden, schätzt Booz & Company.

          Der Abfluss entsteht durch Vermögensverlagerungen an andere Finanzplätze sowie Steuerzahlungen auf Basis des Abkommens, wobei Projektleiter Stefan Kramer hier die mehrfach kolportierte Größenordnung von ungefähr 10 Milliarden Franken für realistisch hält. Ein ähnliches Abkommen wurde auch mit Großbritannien vereinbart. Den erwarteten Abfluss britischer Vermögen beziffert Lenzhofer auf 11 Milliarden Franken.

          Ungefähr die Hälfte der verwalteten Vermögen

          Die Steuerabkommen bestehen im Wesentlichen aus zwei Teilen. Für die Vergangenheit sollen die Schwarzgeldbesitzer einen nach Höhe und Anlagedauer des Vermögens gestaffelten Pauschalbetrag zahlen. Für die Zukunft werden sie nach den nationalen Steuerregeln besteuert, für Deutsche ist dies die Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent. Im Gegenzug können die Kontoinhaber gegenüber den Steuerbehörden anonym bleiben.

          Allerdings sind die bilateralen Abkommen umstritten. Die EU wehrt sich dagegen mit Verweis auf das Zinsbesteuerungsabkommen mit der Schweiz und befürchtet, dass der angestrebte automatische Informationsaustausch in der Gemeinschaft ausgehebelt werden könnte. EU-Steuerkommissar Algirdas Semeta fordert daher „Nachbesserungen“. In Deutschland stemmen sich SPD und Grüne gegen den Deal, den sie als „Ablasshandel für Reiche“ bezeichnen. Für die Schweiz sind die 2,1 Billionen Franken, welche Ausländer ins Land gebracht haben, von großer Bedeutung. Sie machen ungefähr die Hälfte der gesamten Vermögen aus, welche die Banken am Finanzplatz verwalten.

          Die Verfasser der Studie von Booz & Company, die sich auf 35 ausführliche Interviews mit Praktikern und Experten stützen, erwarten durch die Geldabflüsse sowie geringere Margen in der Vermögensverwaltung einen strukturellen Einkommensrückgang der Finanzbranche in der Schweiz von mehr als einer Milliarde Franken im Jahr. Das entspreche 4 Prozent der Gesamterträge, schätzt Lenzhofer. Zugleich kommen auf die Banken höhere Kosten zu, um die Steuertreue ihrer Kunden zu sichern. Das ist für sie besonders bitter, da im Offshore-Banking nach den Worten Kramers bisher mit 150 bis 180 Basispunkten nahezu doppelt so hohe Gewinnmargen winkten wie im Geschäft mit Schweizern.

          Mit Service und Leistung punkten

          Im Rahmen der neuen Steuerabkommen sollen die Schweizer Banken einen besseren Zugang nach Deutschland und Großbritannien erhalten. Experten sind sich uneins, ob die Banken damit noch vor Ort oder nicht eher aus der Schweiz heraus tätig sein sollen. Bisher verursachen die Niederlassungen in Deutschland vor allem Verluste, selbst wenn man in der Schweiz verbuchte Gewinne aus diesem Onshore-Banking berücksichtigt. Die Gründe liegen im starken Wettbewerb, in der geringen Gewinnmarge von rund 60 Basispunkten sowie den hohen Kosten für eine relativ kleine Kundenbasis. Die LGT Bank aus Liechtenstein hat daher im September 2011 ihr Deutschland-Geschäft verkauft, nachdem der Erwerb der BHF Bank gescheitert war.

          In der Schweiz erwarten die Booz-Experten für die nächsten zwei Jahre eine Konsolidierungswelle unter den kleineren Auslandsbanken. Zugleich müssten alle Geldhäuser klar definieren, in welchen Segmenten und Märkten sie tätig sein wollen. Dies schließt Standortüberprüfungen ein. Bemerkenswerterweise warnt Lenzhofer zugleich vor der Überlegung, der steuerkonforme Schutz der Privatsphäre könne weiterhin die Basis für ein nachhaltiges Geschäftsmodell bilden. Vielmehr müssten die Banken mit Service und Leistung punkten, dies vor dem Hintergrund eines stabilen Umfelds und einer demokratischen Gesetzgebung.

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