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Inflation : Diesmal ist alles anders

Im Supermarkt: Lebensmittel wurden zuletzt zum Teil sogar billiger - aber jetzt kommt wieder die alte Mehrwertsteuer. Bild: dpa

Im ersten Lockdown im vorigen Frühjahr wurde Energie billiger und Essen teurer. Im zweiten Lockdown scheint es fast umgekehrt zu sein. Was steckt dahinter?

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          Entwickeln sich die Preise in Deutschland im zweiten Lockdown wieder genauso wie im ersten? Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Während das Frühjahr vergangenen Jahres davon geprägt war, dass mit der Einführung von Homeoffice in vielen Unternehmen und der Schließung vieler Geschäfte die Energie immer billiger wurde und sich im Gegenzug die Nahrungsmittel stark verteuerten, so sieht es im Moment fast umgekehrt aus: Im zweiten Lockdown scheint Energie deutlich teurer zu werden – während die Preise für Nahrungsmittel nicht mehr besonders stark steigen und für manche Unterkategorien wie Gemüse sogar gesunken sind.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wie der vierteljährliche F.A.Z.-Preisbericht zeigt, ist vor allem der Ölpreis, der im ersten Lockdown bis auf weniger als 20 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) gesunken war, mittlerweile auf rund 56 Dollar gestiegen. Das ist gegenüber dem Tiefstand aus dem April mehr als das Dreifache. Seit dem Jahreswechsel kommt nun zusätzlich die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer und der CO2-Preis für Kraftstoff und Heizöl hinzu. Das alles wird die Energie verteuern; zumal auch Strom – trotz der Versuche der Bundesregierung, die Verbraucher hier zu entlasten – noch mal im Preis gestiegen ist. Energie könnte damit in absehbarer Zeit von einem Faktor, der die Inflationsrate gedrückt hat, zu einem treibenden Faktor werden.

          Die hohen Preise der Nahrungsmittel dagegen hatten im ersten Lockdown viele Verbraucher schockiert. Auf einmal gab es Blumenkohl für fünf Euro. Jetzt dagegen legen die Preise für Nahrungsmittel im Vergleich zum Vorjahresmonat im Schnitt nicht mehr besonders stark zu, manche fallen sogar. „Bei den Nahrungsmittelpreisen gab es im Frühjahr 2020 die Schwierigkeiten mit der Einreise der Saisonarbeiter“, sagt Michael Holstein, der Chefvolkswirt der DZ Bank. Das spiele im zweiten Lockdown, der natürlich auch in einer anderen Jahreszeit stattfindet, bislang keine Rolle. Entsprechend lag die Inflationsrate bei Nahrungsmitteln im April bei 4,6 Prozent, im Dezember nur noch bei 0,5 Prozent. Aus einem treibenden Element der Inflationsrate ist also ein eher mäßiger Preisanstieg geworden.

          Kartoffeln: minus 12,7 Prozent 

          Holstein nennt sogar einzelne Unterkategorien, in denen Nahrungsmittel zuletzt billiger waren als vor einem Jahr: „Die Preise für Gemüse lagen im Dezember 2,8 Prozent niedriger als vor einem Jahr, die Preise schwanken allerdings relativ stark.“ Kartoffeln waren im Schnitt 12,7 Prozent billiger als vor Jahresfrist.

          Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor auf die Preise war die vorübergehende Mehrwertsteuersenkung im zweiten Halbjahr 2020. „Sie hat die Verbraucherpreise ohne Energie, die ansonsten relativ stabil verlaufen, von Juli 2020 an um rund einen Prozentpunkt gesenkt“, sagt Holstein.

          Nun kommt die alte Mehrwertsteuer zurück

          Die Verbraucherpreise insgesamt waren in den vergangenen vier Monaten im Schnitt des Warenkorbs des Statistischen Bundesamtes im Vergleich zum Vorjahr jeweils rückläufig. Die monatliche Inflationsrate lag im September und Oktober bei minus 0,2 Prozent, im November und Dezember sogar bei minus 0,3 Prozent. Die Corona-Krise war bislang also im Schnitt mit einer sehr geringen Teuerung verbunden. An dieser Messung gibt es allerdings auch Kritik. Der Stuttgarter Wirtschaftsprofessor Hans-Peter Burghof etwa hatte mit detaillierten Preisbeobachtungen in Supermärkten eine deutlich höhere „Alltagsinflation“ ausgemacht.

          An diesem Donnerstag will das Statistische Bundesamt die Inflationsrate für Januar veröffentlichen. Nun wird es spannend. Schon allein wegen Mehrwertsteuer und CO2-Preis dürfte die Rate steigen. Holger Schmieding, Ökonom der Berenberg Bank, rechnet für Januar mit einer Inflationsrate von plus 0,6 Prozent nach minus 0,3 Prozent im Dezember. Er sagt allerdings, solche Prognosen seien mit viel Unsicherheit behaftet. Insgesamt werde die Entwicklung der Inflationsrate dieses Jahr womöglich unerwartet dynamisch ausfallen, meint Stefan Schneider, der Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Er nennt als Indizien die Erholung des Welthandels, steigende Charterraten und Rohstoffpreise – und den Anstieg der globalen Kapazitätsauslastung.

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