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Geldpolitik : Hat die EZB „versagt“?

Zentrale der EZB in Frankfurt: Die Notenbank will die Zinsen im Dezember weiter anheben. Bild: dpa

Ausgerechnet der frühere Chefvolkswirt der EZB, Otmar Issing, kritisiert die Notenbank scharf. Der aktuelle Chefvolkswirt, Philip Lane, schreibt in einem Blogbeitrag über die Herausforderungen.

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          Mit ungewöhnlich deutlichen Worten hat der frühere Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing, die Notenbank kritisiert. In einem Interview mit der Zeitschrift „Focus Money“ sagte Issing, der Wertverfall des Euro gehe ihm sehr nahe. „Ich habe immer betont, dass der Euro so stabil sein wird wie die D-Mark“, sagte Issing, der von 1998 bis 2006 Chefvolkswirt der EZB war. Dafür sei er oft kritisiert, manchmal sogar belächelt worden. In den ersten 25 Jahren seiner Existenz habe der Euro, gemessen an der Inflationsrate, ja auch hervorragend abgeschnitten. „Aber damit ist es vorbei – leider allzu deutlich“, sagte Issing der Zeitschrift.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Man müsse ehrlicherweise zugeben, dass den Krieg und die Auswirkungen des Krieges niemand habe vorhersehen können. „Dieser Anstieg der Energiepreise ist ein äußerlicher Schock, den die EZB in dieser Dimension nicht vorhersehen konnte“, sagte Issing. Dagegen könne sie unmittelbar auch nichts unternehmen. Man könne steigende Gaspreise nicht mit höheren Zinsen bekämpfen. Aber wenn man daran denke, dass noch im März dieses Jahres der Chefvolkswirt der EZB, sprich einer seiner Nachfolger, erklärt habe, die Inflationsrate werde binnen zwei Jahren wieder bei zwei Prozent oder darunter liegen, und zwar ohne dass man geldpolitisch irgendetwas unternehme, dann sei das eine Aussage, die sich aus heutiger Sich „absurd“ anhöre, „aus damaliger Sicht allerdings auch“, sagte Issing.

          „Das eigentliche Versagen der EZB liegt aber noch viel weiter zurück“, sagte der frühere Chefvolkswirt: „Spätestens ab dem Sommer letzten Jahres hätte die EZB aus dem Krisenmodus aussteigen müssen.“

          Infografik Inflationsraten im Euroraum
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          Die EZB hatte im Dezember vergangenen Jahres einen Kurs der „Normalisierung“ der Geldpolitik angekündigt. Ende Juni hatte sie ihre Nettoanleihekäufe eingestellt. Im Juli hatte sie zum ersten Mal seit elf Jahren die Zinsen angehoben – die nächsten Zinsschritte folgten im September und Oktober.

          Commerzbank setzt ihre Prognosen hoch

          Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, sagte am Freitag bei der Vorstellung des Jahresausblicks der Bank, er rechnet damit, dass die EZB die Zinsen im Dezember abermals anhebe, aber wohl nur um 0,5, und nicht, wie zunächst gedacht, um 0,75 Prozentpunkte. Anfang nächsten Jahres werde die Notenbank dann noch einmal einen Zinsschritt um 0,5 Prozentpunkte gehen. Der Einlagensatz, einer der drei Leitzinsen der EZB, werde dann 3 Prozent erreicht haben. „Im Frühjahr werden Fed und EZB dann pausieren“, meint Krämer.

          Die Commerzbank korrigierte ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum in Deutschland nach oben, für das nächste Jahr rechnet sie jetzt mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,5 Prozent, statt um 1,5 Prozent. Insbesondere hinsichtlich der Gasversorgung ist die Bank nicht mehr so skeptisch wie noch im September. „Vermutlich geht der Kelch einer Gas-Rationierung an uns vorbei“, sagte Krämer. Er bekräftigte allerdings, wie Issing sei er der Meinung, die EZB hätte die Zinsen früher anheben müssen.

          Blogbeitrag des EZB-Chefvolkswirts

          Unterdessen hat der Chefvolkswirt der EZB, Philip Lane, am Freitag einen Blogbeitrag über Quellen und Dynamik der Inflation aus Sicht der Notenbank veröffentlicht. In dem mehr als 17 000 Wörter umfassenden Beitrag betont er die Singularität der Ereignisse, die zu dem jüngsten überraschenden Inflationsanstieg geführt hätten – und spricht von der „diagnostischen Herausforderung“, in einem solchen Umfeld den mittelfristigen Pfad der Inflationsentwicklung zu identifizieren.

          Der Blogbeitrag interpretiert den Inflationsanstieg seit Mitte 2021 als „Ergebnis außergewöhnlicher relativer Preisschocks“, die sich bei Rigiditäten von Preisen und Löhnen nach unten zunächst in einem Anstieg der Inflationsrate niederschlügen. „Diese relativen Preisschocks spiegeln das Ausmaß und die Tragweite des Energieschocks und der pandemie- und kriegsbedingten Schocks wider.“

          Die beste Möglichkeit, Inflationstrends einzuschätzen, seien immer noch umfassende Prognosen. Die jeweils aktuellen monatlichen Inflationswerte seien zwar nützlich, schreibt Lane. Eine angemessene Bewertung der wahrscheinlichen künftigen Inflationsentwicklung erfolge indessen „am besten im Rahmen einer umfassenden makroökonomischen Prognose“. Der „bedingte Charakter von Inflationsprognosen sollte allerdings immer in vollem Umfang gewürdigt werden“, mahnte Lane.

          Für die kommende Zeit müsse die EZB die Entwicklung der Löhne aufmerksam beobachten. Da Lohnerhöhungen in vielen Schritten erfolgten, werde es mehrere Jahre dauern, bis sich die Löhne an den Anstieg der Lebenshaltungskosten anpassen: „Das wiederum bedeutet, dass die Lohninflation in den nächsten Jahren ein Haupttreiber der Preisinflation sein wird, selbst wenn Energie- und Pandemie-Faktoren aus der Inflationsmessung verschwinden.“

          Lane sieht allerdings keine grundsätzliche Änderung der Lohndynamik. Dies sei eine zeitlich begrenzte Aufholphase.

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