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Zinsen : Wie die Skatbank ganz Deutschland verblüffte

In Altenburg heißt eine Bank wie ein Kartenspiel. Berühmt wurde sie, weil dort die Strafzinsen erfunden wurden Bild: Klein, Nora

In Altenburg heißt eine Bank wie ein Kartenspiel. Berühmt wurde sie, weil dort die Strafzinsen erfunden wurden.

          Altenburg ist ein hübsches Städtchen. Schloss, Altstadt, Theater - fast könnte man sich ein wenig an Weimar erinnert fühlen, wenn nur nicht so viele Fassaden noch unrenoviert wären. Einst haben hier die Wettiner residiert, Herzöge von Sachsen-Altenburg. Aber die Stadt hat einen großen Nachteil: Sie liegt heute etwas ab vom Schuss. Der Kapitalismus, so lästern böse Zungen, sei in Thüringen nur bis zum Hermsdorfer Kreuz gekommen. Und Altenburg liegt noch ein gutes Stück weiter Richtung Osten.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In diesem 30 000-Einwohner-Städtchen gibt es eine kleine Bank, die bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat: Die Skatbank ist die erste deutsche Bank gewesen, die negative Zinsen auch für Privatkunden eingeführt hat - wenn auch nur für ganz große Geldbeträge. Anleger bekommen also für Summen, die eine bestimmte Schwelle überschreiten, keine Zinsen. Nein, sie müssen dafür etwas bezahlen.

          Was ist das nur für eine verrückte Bank, der so etwas einfällt? Und vor allem: Kommt sie damit durch? Ein Besuch in Ostthüringen sollte das jetzt mal klären.

          Der Chef der Skatbank, Holger Schmidt, 49, empfängt uns in einem repräsentativen Gebäude mitten in der Altstadt. Ein buntes Fenster dort zeigt Motive von Skatkarten: Allerdings vom sogenannten „deutschen Blatt“, bei dem es Unter und Ober gibt statt Buben und Damen. Schmidt erzählt, diese Variante sei in den neuen Ländern verbreitet, aber auch etwa in Franken, während das im Westen bekanntere Skatspiel „französisches Blatt“ genannt werde. Kleine Skatschule.

          Eigentlich ist Holger Schmidt Vorstandschef einer ganz normalen Volksbank, der VR-Bank Altenburger Land. Dass er zugleich Chef der Skatbank ist, hängt mit der ungewöhnlichen Geschichte dieses Instituts zusammen. Die Volksbank hat die Skatbank nämlich 2007 als Direktbank gegründet. Es zeichnete sich damals ab, dass der Landkreis Altenburger Land tendenziell an Bevölkerung verliert. Und damit das Geschäftsgebiet der Volksbank. Hatte der Landkreis zu Wendezeiten noch 117 000 Einwohner, so waren es 2006 noch 105 000 und heute gerade noch 94 000. Um diesen Schwund an potentiellen Kunden auszugleichen, wollte die Volksbank mit einer Direktbank bundesweit auf Kundensuche gehen.

          Die Bank nutzte den Namen zunächst als Marketinggag

          Der Name Skatbank, den Schmidt sich ausgedacht haben soll, wurde wegen des Sitzes in Altenburg gewählt: Die Stadt vermarktet sich als Spielkarten-Stadt. Sie rühmt sich, dort sei 1813 das „Scat“-Spiel (von „scartare“, das Ablegen zweier Karten) erfunden worden. Was, wie bei allen großen Erfindungen, allerdings umstritten ist. Durch die Völkerschlacht bei Leipzig, vor der Truppen bei Altenburg lagerten, soll das Spiel dann in ganz Europa verbreitet worden sein. Bis heute jedenfalls gibt es in Altenburg eine Spielkartenfabrik und ein entsprechendes Museum. In der Altstadt steht ein Skatbrunnen, an dem Skatspieler ihre Spiele taufen lassen können - das soll Glück bringen. Auch das Skatgericht findet sich in der Stadt, das bei Streit im Spiel entscheidet. Und der Skatverband, der Dachverband aller Kartenspielvereine, sitzt sogar im selben Gebäude wie die Skatbank, nur eine Etage höher.

          Die Bank nutzte den Namen zunächst als Marketinggag. „Immer gute Karten“ ist ihr Werbeslogan. Regelmäßig veranstaltet sie Skatturniere mit Kunden. Für die besonderen Fans des Spiels gibt es bei der Bank sogar Kreditkarten mit Bube, Dame, König und Ass. Anfangs hat das den Verantwortlichen allerdings Diskussionen mit der Kreditkartenfirma eingebracht, weil die ihre Karten nicht mit Glücksspiel in Verbindung gebracht sehen wollte. Aber: Skat ist kein Glücksspiel - darauf bestanden die Skatbanker. Und hatten damit am Ende Erfolg.

          Heute werden bei der Skatbank etwa 15 000 Konten geführt, die Kundeneinlagen betragen 114 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte der Kunden sind Unternehmen, die zweitgrößte Gruppe sind Privatleute. Immer wieder müssen die Mitarbeiter am Telefon die Frage beantworten, ob man auch Kunde werden kann, wenn man kein Skat spielen kann. Die Antwort: Klar. Die dritte Kundengruppe sind Vereine, insgesamt 1800, darunter viele Skatvereine. Für sie ist die Bank eine Art verlängerte Vereinskasse. Von den 125 Beschäftigten der Volksbank sind allerdings nur sieben ausschließlich mit der Skatbank befasst; es ist eine Minibank.

          Wie kam nun ausgerechnet diese nette kleine Bank auf die Idee, negative Zinsen einzuführen? Eine Antwort mag sein, dass Vorstandschef Schmidt sich sehr für Geldpolitik interessiert. Von Altenburg aus verfolgt er ganz genau und kritisch, was in Frankfurt bei der Europäischen Zentralbank so passiert. Als EZB-Präsident Mario Draghi am 5. Juni vorigen Jahres negative Zinsen für Banken einführte, die bei der Notenbank Geld deponieren wollen, da schrillten bei Schmidt die Alarmglocken.

          Sein Kalkül: Wenn die Einlagenzinsen der EZB negativ sind, werden bald auch die kurzfristigen Zinsen am Geld- und Kapitalmarkt negativ. Zumindest für Bundesanleihen mit kurzer Laufzeit und den Geldmarktzins Eonia sollte sich das bewahrheiten. Schmidts Furcht war nun: Was ist, wenn alle Großanleger, die gewaltige Geldbeträge hin und her schieben, plötzlich vom Geld- und Kapitalmarkt aufs Bankkonto flüchten? Weil sie an den Märkten negative Zinsen zahlen, nicht aber bei Banken. „Banken wie unsere waren der Gefahr ausgesetzt, dass sie mit kurzfristigen Einlagen überflutet würden, die sie selbst zum Teil gegen negative Zinsen bei der EZB anlegen müssten“, sagt Schmidt. Zugleich wären diese Einlagen instabil: Die Banken könnten nicht langfristig damit arbeiten, weil die Großanleger das Geld ja nur vorübergehend parken wollen.

          „Unsere Kunden haben weniger aufgeregt reagiert als die Medien“

          Deshalb überlegte der Bankchef, eine Höchstgrenze für Beträge auf den Konten einzuführen. „Obergrenzen für laufende Konten sind aber rechtlich nicht unproblematisch“, sagt er. Was hätte man gemacht, wenn eine Firma mehrere Millionen auf ihr Konto überweist, der Geldeingang wegen einer Obergrenze zurückgewiesen wird, das Konto dann aber für eine größere Überweisung nicht ausreichend gedeckt ist? Das war der kleinen Bank mit ihren wenigen Juristen dann doch zu abenteuerlich.

          Also führte die Bank negative Zinsen ein, sprach das mit potentiell betroffenen Kunden ab - und wählte eine möglichst hohe Untergrenze. 0,25 Prozent zahlen Kunden jetzt ab 500 000 Euro auf einem Konto, wenn die Summe aller Einlagen des Kunden bei der Bank mindestens drei Millionen Euro beträgt. Wie die Kunden darauf reagieren würden, konnte die Bank nicht vorhersehen. Als Marketinggag wäre das Ganze deshalb ziemlich leichtsinnig gewesen. Bis jetzt hat die Bank aber keine massenhaften Bargeldabhebungen registriert und auch keine Abwanderungen von Kunden. „Unsere Kunden haben weniger aufgeregt reagiert als die Medien“, sagt der Bankchef. „Stammkunden waren von den negativen Zinsen ohnehin nicht betroffen.“ Abgesprochen mit den anderen Banken sei ihr Verhalten auf jeden Fall nicht gewesen: „Wir sind nicht von den Großbanken vorgeschickt worden, um die Reaktionen der Kunden auf negative Zinsen zu testen“, versichert Schmidt. Wenngleich er natürlich verfolgt hat, dass nach der Skatbank eine Bank nach der anderen zumindest für Großkunden negative Zinsen einführte.

          Eines jedenfalls hat die Skatbank mit ihren negativen Zinsen erreicht: Sie ist bekannter geworden. Das will sie jetzt zur Einführung neuer Produkte nutzen. So hat die Bank einen Familienkredit entwickelt - einen Ratenkredit zur freien Verwendung. Zu dessen Besonderheiten gehört, dass die Familie einfach mal ein Jahr mit den Ratenzahlungen aussetzen kann, wenn etwa ein Verdiener in Elternzeit ist. Zusätzlich gibt es bei Hochzeit, Umzug und der Geburt eines Kindes jeweils 50 Euro Prämie. So mancher Bürger in den neuen Ländern mag sich da an DDR-Zeiten erinnert fühlen - als noch der Staat den Familien bei solchen Ereignissen eine Geldspritze zukommen ließ.

          Außerdem hat die Bank ein Flatrate-Girokonto entwickelt. Bei dem zahlt man 7,50 Euro im Monat und braucht einen regelmäßigen Gehaltseingang. Dafür hat man eine Flatrate fürs Überziehen: Bis 2500 Euro Miese entfallen die nervigen Dispo-Zinsen. Es ist offenkundig: Die kleine Bank, die durch Negativzinsen zu großer Bekanntheit gekommen ist, möchte jetzt mit Positivem verbunden werden.

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