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Zinsen : Wie die Skatbank ganz Deutschland verblüffte

Wie kam nun ausgerechnet diese nette kleine Bank auf die Idee, negative Zinsen einzuführen? Eine Antwort mag sein, dass Vorstandschef Schmidt sich sehr für Geldpolitik interessiert. Von Altenburg aus verfolgt er ganz genau und kritisch, was in Frankfurt bei der Europäischen Zentralbank so passiert. Als EZB-Präsident Mario Draghi am 5. Juni vorigen Jahres negative Zinsen für Banken einführte, die bei der Notenbank Geld deponieren wollen, da schrillten bei Schmidt die Alarmglocken.

Sein Kalkül: Wenn die Einlagenzinsen der EZB negativ sind, werden bald auch die kurzfristigen Zinsen am Geld- und Kapitalmarkt negativ. Zumindest für Bundesanleihen mit kurzer Laufzeit und den Geldmarktzins Eonia sollte sich das bewahrheiten. Schmidts Furcht war nun: Was ist, wenn alle Großanleger, die gewaltige Geldbeträge hin und her schieben, plötzlich vom Geld- und Kapitalmarkt aufs Bankkonto flüchten? Weil sie an den Märkten negative Zinsen zahlen, nicht aber bei Banken. „Banken wie unsere waren der Gefahr ausgesetzt, dass sie mit kurzfristigen Einlagen überflutet würden, die sie selbst zum Teil gegen negative Zinsen bei der EZB anlegen müssten“, sagt Schmidt. Zugleich wären diese Einlagen instabil: Die Banken könnten nicht langfristig damit arbeiten, weil die Großanleger das Geld ja nur vorübergehend parken wollen.

„Unsere Kunden haben weniger aufgeregt reagiert als die Medien“

Deshalb überlegte der Bankchef, eine Höchstgrenze für Beträge auf den Konten einzuführen. „Obergrenzen für laufende Konten sind aber rechtlich nicht unproblematisch“, sagt er. Was hätte man gemacht, wenn eine Firma mehrere Millionen auf ihr Konto überweist, der Geldeingang wegen einer Obergrenze zurückgewiesen wird, das Konto dann aber für eine größere Überweisung nicht ausreichend gedeckt ist? Das war der kleinen Bank mit ihren wenigen Juristen dann doch zu abenteuerlich.

Also führte die Bank negative Zinsen ein, sprach das mit potentiell betroffenen Kunden ab - und wählte eine möglichst hohe Untergrenze. 0,25 Prozent zahlen Kunden jetzt ab 500 000 Euro auf einem Konto, wenn die Summe aller Einlagen des Kunden bei der Bank mindestens drei Millionen Euro beträgt. Wie die Kunden darauf reagieren würden, konnte die Bank nicht vorhersehen. Als Marketinggag wäre das Ganze deshalb ziemlich leichtsinnig gewesen. Bis jetzt hat die Bank aber keine massenhaften Bargeldabhebungen registriert und auch keine Abwanderungen von Kunden. „Unsere Kunden haben weniger aufgeregt reagiert als die Medien“, sagt der Bankchef. „Stammkunden waren von den negativen Zinsen ohnehin nicht betroffen.“ Abgesprochen mit den anderen Banken sei ihr Verhalten auf jeden Fall nicht gewesen: „Wir sind nicht von den Großbanken vorgeschickt worden, um die Reaktionen der Kunden auf negative Zinsen zu testen“, versichert Schmidt. Wenngleich er natürlich verfolgt hat, dass nach der Skatbank eine Bank nach der anderen zumindest für Großkunden negative Zinsen einführte.

Eines jedenfalls hat die Skatbank mit ihren negativen Zinsen erreicht: Sie ist bekannter geworden. Das will sie jetzt zur Einführung neuer Produkte nutzen. So hat die Bank einen Familienkredit entwickelt - einen Ratenkredit zur freien Verwendung. Zu dessen Besonderheiten gehört, dass die Familie einfach mal ein Jahr mit den Ratenzahlungen aussetzen kann, wenn etwa ein Verdiener in Elternzeit ist. Zusätzlich gibt es bei Hochzeit, Umzug und der Geburt eines Kindes jeweils 50 Euro Prämie. So mancher Bürger in den neuen Ländern mag sich da an DDR-Zeiten erinnert fühlen - als noch der Staat den Familien bei solchen Ereignissen eine Geldspritze zukommen ließ.

Außerdem hat die Bank ein Flatrate-Girokonto entwickelt. Bei dem zahlt man 7,50 Euro im Monat und braucht einen regelmäßigen Gehaltseingang. Dafür hat man eine Flatrate fürs Überziehen: Bis 2500 Euro Miese entfallen die nervigen Dispo-Zinsen. Es ist offenkundig: Die kleine Bank, die durch Negativzinsen zu großer Bekanntheit gekommen ist, möchte jetzt mit Positivem verbunden werden.

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