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Behavioral Finance : Warum Zocker-Aktien so beliebt sind

Nicht wenige, denen die Börse zu riskant ist, spielen dennoch Lotto oder kaufen Lose an Jahrmarktbuden. Bild: dpa

Eigentlich sollte man vernünftig investieren. Doch der Mensch neigt zu Extremen und greift eher zu Zocker-Aktien und Tagesgeld. Wie lässt sich das erklären?

          Menschen sind eher bereit, Risiken einzugehen, wenn ihnen deren Ausmaß überschaubar erscheinen und wenn sie sich dabei Hoffnungen auf einen großen Gewinn machen können, selbst wenn dieser allzu unwahrscheinlich ist. Die Finanzwissenschaftler Tobias Regele und Martin Weber von der Behavioral Finance Group an der Universität Mannheim bezeichnen dies als „positive Schiefe“.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diese Affinität für positive Schiefe, so Regele und Weber, lässt sich bei Aktienkäufern gut beobachten. So erfreuen sich bei einer bestimmten Schicht von Käufern sogenannte Lotterie-Aktien großer Beliebtheit. Das sind Aktien mit niedrigen Kursen und hoher Volatilität, die aber in kurzer Frist die Chance auf eine hohe Rendite bieten. Landläufig nennt man das Zocker-Aktien. Davon gibt es viele: Am amerikanischen Aktienmarkt notieren 30 Prozent aller Aktien mit Kursen unter 10 Cents.

          Tatsächlich zeigt sich auch die vermutete Asymmetrie in der Wertentwicklung im Vergleich zu anderen Aktien. Während von den „Super-Penny-Stocks“ mit einem Kurs von weniger als 10 Cents fast jede vierte über 30 Tage ein Kursplus von mehr als 100 Prozent aufweist, sind es bei Aktien mit einem Kurs von mehr als 1 Dollar lediglich 0,8 Prozent. In absoluten Zahlen zeigen siebeneinhalbmal so viele „Super-Penny-Stocks“ einen solch hohen Wertzuwachs wie Nicht-Penny-Stocks. Über längere Zeiträume kehrt sich dies aber um: Nur wenig mehr als jeder achte Super-Penny-Stock verbucht über den Zeitraum von fünf Jahren überhaupt eine positive Wertentwicklung – aber mehr als die Hälfte der Nicht-Penny-Stocks.

          Aktienkauf als Lotteriespiel

          Vereinfacht gesagt, bringen Lotterie-Aktien mit einer Wahrscheinlichkeit von 16 Prozent in fünf Jahren einen Gewinn von 832 Prozent und mit einer Wahrscheinlichkeit von 84 Prozent einen Verlust von 86 Prozent. Diese Schiefe im Ertragsprofil scheint dennoch attraktiv genug zu sein, dass diese Aktien in den Vereinigten Staaten von jungen, wenig wohlhabenden Männern mit geringer Bildung und geringem Einkommen, die Minderheiten angehören, bevorzugt werden. Meist sind deren Portfolios dann wenig diversifiziert (wohl mangels Einkommen) und entwickeln sich schlechter. Die Ähnlichkeit dieser Aktienanlage mit einem Lotteriespiel ist unverkennbar.

          Dies korrespondiert mit dem empirischen Befund, dass Substanzwerte, also Aktien von Unternehmen, deren Buchwerte höher als ihr Marktwert ist, insgesamt höhere Renditen bringen als Wachstumsaktien. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Wachstumsaktien aufgrund der positiven Schiefe – also der Chance auf einen Lotteriegewinn – dazu tendieren, überbewertet zu sein. Aus dem gleichen Grund aber bleibt die Überbewertung dann länger erhalten als gedacht: Denn für den Leerverkäufer als Gegenpart stellt sich die Aktie mit negativer Schiefe dar: Das Risiko eines Verlustes ist zwar gering, der mögliche Verlust selbst aber hoch.

          Gegen negative Schiefe aber haben Menschen eine Abneigung, die sich auch in der Grundhaltung vieler zur Börse widerspiegelt: Die Möglichkeit eines großen Verlustes mit einem Substanzwert ist zwar gering, doch wird sie nicht durch hohe Gewinnchancen auf der anderen Seite kompensiert. Deswegen spielen wohl nicht wenige, denen die Börse zu riskant ist, dennoch Lotto oder kaufen Lose an Jahrmarktbuden.

          Warum wir Chancen und Risiken falsch einschätzen

          Einen Erklärungsansatz für dieses Verhalten liefert die in den Sechziger Jahren entstandene Prospekt-Theorie, für die der Amerikaner Daniel Kahnemann 2002 den Nobelpreis erhielt. Im Grunde besagt diese nichts anderes, als dass sich Menschen von absoluten Risiken und Chancen blenden lassen und sie so überbewerten oder unterschätzen. Je nachdem, ob die gleichen Resultate vorteilhaft oder nachteilig dargestellt wurden, änderte sich in Versuchen die Risikobereitschaft der Probanden.

          Auch das ist an der Börse nachzuvollziehen. Während der Ära des Neuen Marktes, als in der Berichterstattung vor allem die Chancen von Aktien herausgestellt wurden, investierten viele Neulinge in Aktien – und zwar vorwiegend in riskante Aktien. Da seit dem Platzen der Neuen-Markt-Blase die Börse überwiegend negativ dargestellt wird, vermeiden viele Menschen Aktienkäufe generell. Viel mehr bevorzugen sie das vergleichsweise sichere Tagesgeld mit 0,1 Prozent Rendite gegenüber etwa einem Indexfonds, obwohl die Wahrscheinlichkeit, mit diesem auf Dauer Verluste zu machen überschaubar gering ist.

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