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Demografie und Zinsen : Warum die Deutschen nicht mehr sparen

Die Deutschen geben ihr Geld derzeit lieber aus, als es auf das Sparkonto zu legen. Bild: dpa

Angesichts der niedrigen Zinsen vergeht den Deutschen die Lust aufs Sparen? Das ist zwar nicht falsch, ist aber nicht die Hauptursache dafür, dass immer weniger gespart wird.

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          Die Deutschen waren immer ein Volk von Sparern. Doch die Sparquote ist in den vergangenen Jahren deutlich gefallen. Mit 9,4 Prozent im Jahr 2014 ist sie weit entfernt von den mehr als 15 Prozent, die sie im Westen der Republik Mitte der siebziger Jahre noch hatte. Nach einer Prognose des Bundesverbandes der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) wird sie bis 2025 auf nur noch 6,5 Prozent gefallen sein.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für viele Beobachter sind daran die niedrigen Zinsen Schuld. Sparen lohne sich eben nicht mehr. Und die Deutschen sind eben sehr zinsfixiert. Dieser Tage erst hat die Comdirect Bank die Ergebnisse einer Befragung von 1600 Bürgern veröffentlicht, wonach zwar 79 Prozent in mindestens eine Kontoanlage und 57 Prozent in ein Altersvorsorgeprodukt wie die Lebensversicherung, aber nur 28 Prozent in eine Wertpapieranlage investiert haben.

          Deutschland lernt sparen (6) : Wozu sparen Sie überhaupt?

          Aktienanlagen stehen die Befragten eher kritisch gegenüber, auch wenn 60 Prozent sich der These anschließen konnten, Aktien eigneten sich gut für den langfristigen Vermögensaufbau. Doch nur 23 Prozent halten sie für sicher und 39 Prozent sehen sie als geeignet für den Inflationsschutz an (obwohl es die Aktie noch am ehesten ist).

          Hinzu kommt, dass nach dieser Umfrage auch die Aussichten für die nominelle Zinsentwicklung eher pessimistisch eingeschätzt werden. Lediglich 20 Prozent rechen damit, dass die Zinsen in absehbarer Zeit wieder steigen werden.

          Unter diesen Umständen scheint verständlich, warum die Deutschen nicht mehr sparen mögen. Tatsächlich aber ist das zu kurz gegriffen. Das Sparen ist auch den Deutschen nicht in die Wiege gelegt. Anfang der Fünfziger lag die Sparquote bei gut 3 Prozent. Das heutige Niveau wurde erst in der ersten Hälfte der sechziger Jahre erreicht.

          Und die Sparneigung sinkt schon lange. Als die Sparquote Mitte der Siebziger rund 15 Prozent erreichte, war dies auch schon der Höhepunkt der Entwicklung. Bis Anfang der Neunziger hielt sie sich noch auf hohem Niveau und sank dann rasch bis auf ein Tief von weniger als 9 Prozent im Jahr 2000. Dabei ist der Wiedervereinigungseffekt eher zu vernachlässigen, lag doch die gesamtdeutsche Sparneigung 1991 nur rund 0,4 Prozentpunkte niedriger als im Westen. 1992 überstieg sie sogar die des Westens. Und nach der jüngsten Umfrage der Comdirect liegt die Sparquote im Osten der Republik höher als im Westen und Norden Deutschlands.

          Niedrige Zinsen und geringe Risikofreude

          Zudem ist die Entwicklung in Deutschland keineswegs so einzigartig, die Sparquote war im internationalen Vergleich keineswegs so hoch wie im Selbstverständnis vieler Deutscher. In Frankreich etwa schwankte die Sparquote in den siebziger Jahren zwischen 16 Prozent und 18 Prozent und lag 2005 nahe dem deutschen Niveau.

          Der BVR sieht die sinkende Sparneigung vielmehr der demografischen Entwicklung geschuldet. In den kommenden zehn Jahren erreichten immer mehr Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge ein Alter, in dem in der Regel weniger gespart werde. Dass die niedrigen Zinsen nicht gerade hilfreich waren, die Sparfreudigkeit zu erhöhen, zeigt sich aber darin, dass diese seit 2008 deutlich gesunken und auf das Niveau Ende der neunziger Jahre zurückgefallen ist.

          Verwunderlich ist daher eher noch, warum die Sparneigung in den 2000er Jahren wieder angestiegen war. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung führte diese Entwicklung einerseits auf die Verschiebung der Einkommensverteilung hin zu Haushalten mit hohem Einkommen und andererseits auf die höhere Arbeitslosigkeit und Verunsicherung im Zusammenhang mit den seinerzeit angekündigten Reformen der Sozialversicherungssysteme zurück.

          Gerade letzteres Motiv ist kurioserweise im Gefolge der Finanzkrise verschwunden, als sich in Deutschland mehr und mehr das Gefühl durchsetzte, die wirtschaftliche Lage sei besser geworden. Sie wurde es ja auch, zumindest im Vergleich zu großen europäischen Ländern wie Italien, Spanien oder Frankreich. Die niedrigen Zinsen und die eher geringe Risikofreude der Anleger (die auch nicht so deutschlandspezifisch ist, wie man hierzulande glauben will) machen es den Deutschen dann leicht, sich im Zweifel für das neue Auto statt für das alte Sparbuch zu entscheiden.

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