https://www.faz.net/-gv6-8k6c0

Versorgungseinrichtungen : Zusatzversorgungskassen in der Zange

Auch Sterbetafeln belasten die Kassen

Doch neben den niedrigen Zinsen führen auch die verwendeten Sterbetafeln zu einer erheblichen Last für die Kassen. Als 2002 das Punktesystem eingeführt wurde, galt noch die Richttafel des Beratungsunternehmens Heubeck. Sie prognostiziert für einen 60 Jahre alten Mann eine Restlebenszeit von 22,3 Jahren. Die aktuellen Tafeln der Versicherungsmathematiker (Aktuare) der privaten Rentenversicherer kalkulieren mit sieben Jahren mehr. Die Versicherer argumentieren damit, dass die freiwillige Entscheidung für eine Police zu einer Positivselektion der Versicherten führt, die Lebenserwartung ihrer Kunden also mithin etwas höher ist als in anderen Kollektiven. Dennoch haben die Tafeln der Aktuare den Alterungstrend besser einbezogen.

Wie brenzlig die Situation für die Zusatzversorgungskassen ist, zeigt sich an einem Rundschreiben des Kommunalen Arbeitgeberverbands Sachsen-Anhalt vom März 2015, aus dem die beiden Studienautoren zitieren. Demnach haben zwei Aktuare für die Kassen ausgerechnet, wie viel Mehraufwand durch die höhere Lebenserwartung entstehen könnte. Die Beratungsgesellschaft Aon Hewitt errechnete für die VBL im Westen Mehrkosten von 27,4 Milliarden Euro bis ins Jahr 2054 und von 61 Milliarden Euro im Osten. Das entspricht einem jährlichen Aufwand von 685 Millionen Euro und 1,53 Milliarden Euro.

Dies mache es erforderlich, den Arbeitnehmeranteil an der Umlage von 1,41 auf bis zu 2,19 Prozent (West) und von zwei auf 4,25 Prozent (Ost) zu erhöhen. Die Autoren Siepe und Fischer geben allerdings zu bedenken, dass die VBL regelmäßig die Zahl künftiger Rentner überschätzt hat. Doch selbst in den konservativeren Annahmen der Heubeck AG für elf weitere Versorgungskassen erschien es notwendig, den Beitragssatz in diesem Jahr von 4,8 auf 5,8 Prozent anzuheben und innerhalb der kommenden eineinhalb Jahrzehnte sogar auf 7,3 Prozent.

Keine Zusatzversorgungskassen ist unbelastet

Spannend sind überdies einige Details: beispielsweise ein Blick in die Kapitalanlageergebnisse einiger Einrichtungen. Die VBL erzielt regelmäßig Anlagerenditen von knapp unter 10 Prozent. Das ist etwa doppelt so viel wie die leistungsstärksten Versicherer, die allerdings wegen möglicher Vertragskündigungen ihrer Kunden das Geld liquider anlegen müssen und harte Eigenkapitalanforderungen durch das Aufsichtsrecht haben. Zudem hat die VBL den Staat als Sicherheit im Hintergrund. Die Kirchliche ZVK Köln dagegen hatte zuletzt mit einem buchhalterischen Fehlbetrag zu kämpfen, der sich daraus ergab, dass die Kapitalanlagen geringer sind als die Deckungsrückstellungen für künftige Rentenzahlungen. Aus diesem Grund hat die Kasse ihren Rechnungszins für künftige Rentenleistungen von vier auf 3,25 Prozent gesenkt, wodurch die Lücke geschlossen wurde.

Aus der Studie wird deutlich, dass keine der Zusatzversorgungskassen unberührt von den schwierigen Bedingungen am Kapitalmarkt ist. Je stärker sie auf Kapitaldeckung setzen, desto gravierender sind die Einschnitte. Gleichzeitig betonen die Autoren, wie wichtig diese Einrichtungen weiterhin seien, um den Beschäftigten ein auskömmliches Einkommen im Alter sicherzustellen. „Keineswegs geht es darum, diese zweite Säule der Altersvorsorge wegen der auftretenden wirtschaftlichen und auch rechtlichen Probleme abzuschaffen“, schreiben Siepe und Friedrich. Vielmehr müssten die Kassen gestärkt werden und sollten sich zu mehr Transparenz durchringen. „Es darf auf Dauer nicht sein, dass keine andere Versorgungseinrichtung in Deutschland so häufig vor Gericht steht und auch immer häufiger verliert als die VBL“, verlangen sie.

Weitere Themen

Topmeldungen

DFB und Likes von Gündogan/Can : Nicht viel gelernt

Die Nationalspieler Gündogan und Can können mit der Rücknahme ihrer Likes für den türkischen Soldatengruß eines Fußballkumpels die politische Diskussion nicht stoppen. Der DFB versucht abermals Schadenbegrenzung durch Schweigen und Beschwichtigen.

Nobelpreis für Wirtschaft : Wie kann Armut gelindert werden?

Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.
Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.