https://www.faz.net/-gv6-8k4yz

Sparen : „Negativzinsen für Privatkunden sind wenig wahrscheinlich“

Das Sparschwein ist kaputt. Bild: dpa

Deutsche Banken zahlen den Preis für einen verschlafenen Strukturwandel. Und ihre Kunden - allerdings wohl weniger über negative Zinsen als höhere Gebühren.

          Die Schwäche der deutschen Banken ist keine neue Entwicklung, sondern besitzt eine lange Vorgeschichte. Diese Ansicht vertritt der deutsche Ökonom Martin Hellwig. „Die deutschen Banken haben den Strukturwandel der neunziger Jahre nicht verstanden und nicht richtig verarbeitet“, sagte Hellwig, der das Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn leitet.

          „Das ist ein Grund, warum die Krise sie so stark getroffen hat und warum wir auch nicht richtig aus der Krise herausgekommen sind.“ Für den Fall, dass eine große Bank wie die Deutsche Bank ins Straucheln gerate, solle der Bund dort Aktien übernehmen und die damit verbundenen Kontrollrechte übernehmen.

          Negativzinsen für Private kaum durchsetzbar

          Eine Antwort von Banken und Sparkassen auf den Ertragsdruck dürften höhere Gebühren sein. „Wir hatten in der Vergangenheit einen Wettlauf, dass alles kostenlos sein soll“, sagt Horst Kessel, Mitglied des Vorstands der Volks- und Raiffeisenbanken. „Diese Zeiten sind vorbei, denn die früher gängige Quersubventionierung durch Zinserträge ist in der anhaltenden Niedrigzinsphase nicht mehr möglich. Irgendwo müssen die Banken ihr Geld verdienen.“

          Dagegen gelten Negativzinsen für Privatkunden als Reaktion auf die von Banken bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zu zahlenden negativen Zinsen wenig wahrscheinlich. „Letztlich muss natürlich jedes Institut selbst entscheiden, aber meine persönliche Einschätzung ist, dass der Markt eine Weitergabe von Negativzinsen an Verbraucher kaum zulassen wird“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, Michael Kemmer.

          Negative Zinsen sind für Unternehmen und Körperschaften schon seit einiger Zeit sehr verbreitet. Kemmer sieht in höheren Leitzinsen einen Weg, um die Lage zu entschärfen: „Auch die EZB muss deutlich machen, dass die Niedrigzinssituation eine Ausnahme ist und kein Dauerzustand sein darf.“

          Kosten senken, Filialen schließen

          Längere Zeit war aus Banken zu hören, ihre Informationstechnologie erlaube die Verarbeitung negativer Zinserträge für Privatkunden nicht. Nach Informationen der F.A.Z. sind die notwendigen Umstellungen in der IT von Banken unterdessen weit gediehen. Es sind also nicht so sehr technisch bedingte Rücksichtnahmen als die Angst vor Verlusten von Marktanteilen im Wettbewerb, die Banken und Sparkassen vor der Erhebung negativer Zinsen im Privatkundengeschäft zurückschrecken lassen.

          Dazu passen Umfrageergebnisse, nach denen viele Deutsche in den vergangenen Monaten einen größeren Teil ihrer Ersparnisse in Form von Bargeld halten. Im Falle negativer Zinsen auf Bankeinlagen dürfte die Bargeldhaltung deutlich zunehmen.

          Neben zusätzlicher Erträge durch höhere Gebühren werden sich die Banken und Sparkassen in den kommenden Jahren gezwungen sehen, auch ihre Kosten weiterhin kritisch zu überprüfen. Kürzlich hatte die Deutsche Bank angekündigt, annähernd 200 Filialen in Deutschland zu schließen.

          Das Thema ist nicht auf die Deutsche Bank beschränkt, sondern betrifft auch die Sparkassen und genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken. „Von den 12.000 Niederlassungen werden in fünf Jahren vielleicht noch 10.000 übrig sein“, sagte Wolfgang Kirsch, Vorstandsvorsitzender der DZ Bank, in einem Gespräch mit der „Rheinischen Post“. Kirsch bezog sich auf die Niederlassungsnetze der rund 1000 Genossenschaftsbanken.

          Ein grundsätzliches Problem der Finanzbranche nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Industrienationen, sieht der Ökonom Thomas Philippon in der Zögerlichkeit gegenüber dem technischen Fortschritt. Es sei nicht erstaunlich, dass es heute innovative Finanzunternehmen (Fintech) gebe, erstaunlich sei, dass sie nicht schon viel früher aufgetaucht seien, sagte Philippon auf einer Konferenz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

          Nach seinen Berechnungen sind die Kosten des Finanzsektors für die Allgemeinheit viel zu hoch. Denn die digitale Revolution erfasse die Finanzbranche in etwa so sehr wie den Einzelhandel und andere Branchen. Aber anders als in anderen Branchen profitiere der Kunde kaum von den Effizienzvorteilen, die sich der Finanzbranche durch die digitale Revolution bieten könnten. Philippon erklärt dies mit einer relativen Abgeschlossenheit der Finanzbranche, zu der die Regulierung beitrage. Wandel könne nur von außen kommen. Daher müssten die Markteintrittsbarrieren für Fintech-Unternehmen gelockert werden.

          Weitere Themen

          Der Druck auf die Banken steigt

          Negativzins : Der Druck auf die Banken steigt

          Auch der Verband des privaten Bankgewerbes äußert sich nun zu dem umstrittenen Thema negativer Zinsen. Die Europäische Zentralbank könnte den Einlagenzinssatz im September weiter in den negativen Bereich schieben.

          Topmeldungen

          Proteste in Hongkong : Noch bleibt es friedlich

          Hunderttausende marschieren in Hongkong wieder auf den Straßen, um gegen die Regierung in Peking zu demonstrieren. Bislang bleiben die Proteste friedlich – die Angst vor einem Eingreifen des Militärs wächst.
          „Ich habe Mist gebaut. So ist es nun einmal. Fertig“: Uli Hoeneß zu seiner Steuerhinterziehung.

          Präsident des FC Bayern : Hoeneß handelt wieder mit Aktien

          2014 wurde Bayern-Präsident Uli Hoeneß verurteilt, weil er Gewinne aus Finanzgeschäften nicht richtig versteuert hatte. Jetzt ist er wieder an der Börse aktiv – und hat, wie er sagt, seine Strategie geändert.
          Nach einem ungeregelten Brexit im Oktober könnte Joghurt wegen der erschwerten Einfuhrbedingungen und der möglichen Knappheit Seltenheitswert haben.

          Ungeregelter Brexit : Wenn der Joghurt zum Luxus wird

          Wenn Joghurt zum Luxusgut wird. Das könnte dem Vereinigten Königreich tatsächlich bei einem ungeregelten Brexit am 31. Oktober passieren. Besonders die britische Milchindustrie fürchtet sich vor kommenden Engpässen.
          Daniel Cohn-Bendit während einer Europa-Veranstaltung in Paris am 24. Mai dieses Jahres

          Cohn-Bendit im Gespräch : „Nato und EU sind desorientiert“

          Brauchen wir die Nato und die Europäische Union noch? Für den Historiker Gregor Schöllgen sind sie aus der Zeit gefallen, überflüssig. Daniel Cohn-Bendit widerspricht ihm vehement.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.