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Crowdinvesting : Anleger geraten ins Schwärmen

  • -Aktualisiert am

Investieren im Schwarm. Bild: Picture-Alliance

Mit Crowdinvesting finanzieren Privatleute gewagte Ideen von Firmengründern. Geht das gut, ist der Gewinn riesig.

          Bei der Zahl „eine Billion“ muss man kurz überlegen, wie viel das überhaupt ist. Es ist eine Zahl mit 12 Nullen, das sind 1000 Milliarden, in diesem Fall: 1000 Milliarden Dollar. So viel Geld soll schon in zehn Jahren über sämtliche Crowdfinanzierungsplattformen der Erde eingesammelt werden. Die verteilen es dann an Jungfirmen und Altunternehmer, an Immobilienfinanzierer und Ökounternehmer, an Kreditsuchende und Gewinnmachende. Jedenfalls wenn die Schwarmfinanzierung weiter wächst wie derzeit. Jeder kann mitmachen.

          Es klingt noch nach Utopie. Umgerechnet auf die Zahl der Erdbewohner sind 1000 Milliarden aber gerade einmal 138 Dollar pro Kopf – und damit gar nicht einmal so abwegig. Manche in der Finanzbranche halten das Crowdfunding für eine der größten Bedrohungen der Vermögensverwaltungsindustrie in den kommenden Jahren.

          „Neo-Investing“ heißt es auch. Schwarmfinanzierung bedeutet nämlich nichts anderes, als dass viele Privatleute über Internetplattformen ihr Geld direkt an Geschäftsleute verleihen – und solche, die es werden wollen. 50 solcher Plattformen gibt es weltweit. Irgendwann bekommen die Geldgeber ihre Einlagen zurück, und sie erhalten entweder Zinsen als Gegenleistung für ihr Vertrauen oder Naturalien oder auch eine satte Gewinnbeteiligung, wenn der Laden, den sie finanziert haben, läuft.

          Der Stromberg-Kinofilm brachte 17 Prozent Rendite

          Dass Letzteres keine Utopie ist, haben einige erfolgreiche Beispiele in der jüngsten Zeit gezeigt, nicht zuletzt der Stromberg-Kinofilm, der über die Crowd eine Million Euro einsammelte und in erster Tranche 17 Prozent Rendite an die Anleger ausschüttete.

          Bereits jetzt ist die Schwarmfinanzierung ein großes Geschäft: Kickstarter, der internationale Marktführer unter den Crowdfundingplattformen, hat bis Oktober insgesamt zwei Milliarden Dollar von Finanzierern eingesammelt. Auch immer mehr deutsche Projekte suchen bei Kickstarter nach einer Finanzierung. Auf heimischen Plattformen wie Startnext, Seedmatch und Companisto haben deutsche Investoren (vorwiegend Kleinanleger) allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres rund 170 Millionen Euro lockergemacht, um aufstrebende Unternehmen und gewitzte Geschäftsideen zu finanzieren. Bisher verdoppelt sich das Marktvolumen jedes Jahr.

          Wo Geld ist, kommt mehr hinzu

          Noch ist es allerdings nur eine relativ kleine Gruppe Wagemutiger, die sich beteiligt: Zwar kennt laut Umfragen jeder Zweite den Begriff Crowdfunding, aber nur jeder Vierte weiß, was sich genau dahinter verbirgt, und erst jeder 14. hat tatsächlich schon ein Projekt unterstützt. Wer es aber einmal ausprobiert hat, wird oft zum Mehrfachinvestor.


          Drei Beispiele fürs Crowdinvesting


            Lampuga: Surfbrett mit Elektroantrieb

            Was ist das? Mit dem motorisierten Brett kann man per Jetantrieb mit 47 Kilometern pro Stunde auch in seichten Wellen und küstennahen Gewässern richtig Gas geben. Auch bei der Wasserrettung wird Lampuga deshalb eingesetzt. Die Bretter werden in zwei Ausführungen gebaut und sind mit 12.900 und 9900 Euro etwa so teuer wie ein Kleinwagen. Das Start-up-Unternehmen kommt, na, woher wohl? Natürlich aus Hamburg.

            Wie viel Geld wird eingesammelt? 750.000 Euro will Lampuga einsammeln. Eine halbe Million haben die rund 420 Geldgeber bereits lockergemacht. Von den ersten 250.000 Euro soll die Serienfertigung ermöglicht werden. Für weitere 250.000 werden neue Mitarbeiter eingestellt. Und wenn die restlichen 250.000 Euro noch zusammenkommen, kann die produzierte Stückzahl erhöht werden.

            Wie investiere ich? Noch knapp 50 Tage lang läuft die Finanzierungsrunde von Lampuga. Die ersten Investoren, die größere Summen (ab 250 Euro) investieren, nehmen an einer Board-Verlosung teil oder bekommen Probefahrten und T-Shirts geschenkt. Später bekommt man eine Rendite ausgeschüttet, die sich anteilig am Unternehmenserfolg bemisst.



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            Sawade: Pralinen frei Haus

            Was ist das? Die Schokoladenmanufaktur Sawade ist ein Berliner Traditionsbetrieb, der schon 1880 von einem Chocolatier am Prachtboulevard Unter den Linden gegründet wurde. 50 verschiedene Sorten von Trüffeln und Pralinés stellt die Manufaktur insgesamt her. Allerdings war das Unternehmen insolvent und ist erst vor zwei Jahren wiederbelebt worden. Die neuen Firmenchefs wollen das Geschäft nun ausbauen. Dazu haben sie einen Internetversand aufgebaut, mit dem sich jeder Pralinen ins Haus schicken lassen kann. Außerdem wollen sie die Produktion erweitern. Rund 760 Unterstützer machen zurzeit bereits als Geldgeber mit.

            Wie viel wird eingesammelt? Sawade braucht eine Million Euro. 900 000 davon sind schon eingesammelt.

            Wie investiere ich? Auf Companisto kann man die Anleihen zeichnen. Das geht noch 40 Tage lang, also bis kurz vor Weihnachten. Die Anleihe hat eine Laufzeit bis 2019 und ihre Festverzinsung beträgt acht Prozent im Jahr. Besonders großzügigen Geldgebern bezahlt Sawade einen Teil der Zinsen in Form von Schokolade: Ab einer Einlage von 250 Euro bekommen Investoren einen Einkaufsgutschein im Wert von 25 Euro geschenkt. Für eine Einlage ab 1000 Euro gibt es ein Kilo Trüffel umsonst im Wert von etwa 90 Euro. Das entspricht insgesamt einer Rendite von 17 Prozent.



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            Wemovo: Buchungssystem für Fernbusse

            Was ist das? Wer mit dem Fernbus fahren will, kann nur schwer verschiedene Angebote vergleichen und Tickets buchen. Wemovo bastelt daher an einem Ticket-Buchungssystem für Fernbusreisen in ganz Europa. 140 Busanbieter greifen schon auf das System zurück. Auch Reisebüros sollen das können. Wemovo finanziert sich über Provisionen und Lizenzgebühren, die es für jeden Ticketkauf erhebt.

            Wie viel wird eingesammelt? Wemovo will 200.000 Euro für seine Expansion einsammeln. Rund 125 000 davon haben Geldgeber bereits zugesagt. Insgesamt haben sich rund 330 Unterstützer gemeldet.

            Wie investiere ich? Noch 57 Tage läuft die Finanzierungsrunde. Also bis Anfang 2016. Schon ab einer Beteiligung von fünf Euro ist man dabei. Das entspricht 0,0003125 Prozent des Unternehmenswertes. Wer sich also mit 500 Euro beteiligt, dem gehören 0,03125 Prozent der Firma, die zurzeit mit 1,2 Millionen Euro bewertet wird. Wird sie später einmal an Investoren verkauft, wird man mit diesem Prozentsatz vom dann festgestellten Unternehmenswert für die Einlage entschädigt. Maximal 100.000 Euro kann man in das Busbuchungsunternehmen stecken. Das Investment läuft mindestens bis 2022.


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          Jeder dritte Crowdfinanzierer beteiligt sich an mehreren Projekten, sagt eine Studie der Universität Oldenburg. Im Schnitt investieren die Finanziers 500 bis 670 Euro, je nachdem, wann sie einsteigen. Dabei gilt: Je weiter eine Finanzierungsphase fortgeschritten ist, je mehr Geld das Unternehmen also schon von unterschiedlichen Anlegern eingesammelt hat, desto mehr Geld schießen Neuanleger nach. Schließlich steigt mit jedem neuen Investor die Wahrscheinlichkeit, dass das Projekt auch zustande kommt.

          Alles oder nichts

          Bei der Crowdfinanzierung gilt nämlich das Alles-oder-Nichts-Prinzip: Die Geldsammler setzen sich vorab ein Ziel, welche Summe sie für ihr Projekt zusammenbekommen wollen und in wie vielen Tagen. Springen nicht genug Leute darauf an, kommt die Finanzierung nicht zustande, und das bereits eingesammelte Geld wird zurückbezahlt. Haben sie aber genügend Anleger überzeugt, kann das Projekt starten. Jedes zwanzigste Projekt sammelt sogar doppelt so viel Geld ein wie geplant.

          Finanzieren lässt sich über die Crowd so gut wie alles: Musiker, Techniker und Filmemacher sammeln Geld, um ihre Alben, Computerspiele und Kinostreifen zu produzieren, etwa neue Episoden von Star Trek. Start-ups wollen elektrische Surfbretter, Sommerrodel mit Rollen, Hightech-Handtücher oder Heizungsthermostate mit Handysteuerung produzieren. Mobile Küchentrucks oder Internet-Pralinenversender suchen Geldgeber. Und die Stadt Osnabrück möchte sogar ein Volksfest über die Crowd stemmen und mit dem Geld hochrangige Künstler anlocken.

          Jedes zehnte Projekt scheitert

          Im Prinzip muss der Anleger nur entscheiden, welche Geschäftsidee er am überzeugendsten findet. Das ist aber die heikelste Frage, denn eines muss bei der Schwarmfinanzierung klar sein: Sie ist ein riskantes Geschäft. Floppt ein Projekt oder verjubeln die Jungunternehmer das Geld, endet die Einlage im Totalverlust.

          Und das ist gar nicht so selten, wie man denkt. Derzeit, so schätzen Beratungsagenturen und Gründerplattformen, die sich mit dem Thema beschäftigen, scheitert etwa jedes zehnte schwarmfinanzierte Unternehmen. Die Quote wird aber ansteigen, wenn sich die vielen Firmen am Markt beweisen müssen, die sich bislang nur Geld liehen, es aber noch nicht ausgegeben haben. Auf längere Sicht könnte die Ausfallrate bei 30, wenn nicht sogar 60 Prozent liegen, schätzen Marktbeobachter. Da aber nicht nur das Risiko hoch ist, sondern auch die gezahlten Renditen, kann sich das Investieren trotzdem lohnen, wenn man auf sehr viele Projekte setzt. Nach dem Motto: Eines wird gewinnen.

          Drei Arten der Schwarmfinanzierung

          Die zweite Frage ist, wie man für sein Investment entlohnt werden möchte. Es gibt nämlich drei Arten der Schwarmfinanzierung: Wer Zinsen einstreichen will, der verleiht über eine Crowdlending-Plattform sein Geld, Auxmoney ist der größte deutsche Anbieter. Hier suchen Privatpersonen Kredite für größere Anschaffungen. Aber auch viele Firmen, die zum Beispiel Lagerbestände fürs Weihnachtsgeschäft aufstocken müssen und das nicht aus eigener Kraft stemmen können. Im Schnitt, so sagt Auxmoney selbst, sind für Darlehen 6,7 Prozent Jahresrendite drin. In der Spitze sind es auch mal 13 oder 14 Prozent.

          Spannender ist das Crowdinvesting, bei dem im Erfolgsfall eine Gewinnbeteiligung an einem florierenden Unternehmen lockt. Es geht darum, Start-ups mit innovativen Geschäftsmodellen an den Markt zu bringen, Immobilien oder den Bau von Solaranlagen und grünen Kraftwerken zu finanzieren. Seedmatch und Companisto sind die größten deutschen Plattformen für solche Projekte. Es dauert manchmal lang, bis Investoren ihr Geld wiedersehen, für vier bis sechs Jahre kann es schon in Firmen gebunden sein. Erste Durchstarter wie ein Internet-Blumenversender zahlten aber immerhin die Einlagen plus 30 Prozent Rendite nach zwei Jahren zurück.

          Und schließlich gibt es das klassische Crowdfunding, bei dem die Geldgeber eine Gegenleistung erhalten, also sozusagen in Naturalien ausbezahlt werden. Sie ermöglichen mit ihrem Beitrag die Herstellung eines ganz bestimmten Produktes, etwa eines praktischen Schneidebretts für die Küche oder die Produktion von Vegan-Burgern. Entlohnt werden sie, indem sie nach einer Weile das fertige Brett geschickt bekommen oder einen Gutschein für die Burger, so können sie ihre Zinsen regelmäßig verzehren. Startnext ist hier der unangefochtene deutsche Marktführer unter den Funding-Plattformen, Kickstarter der internationale.

          Insgesamt suchen hierzulande rund 300 Projekte pro Jahr finanzielle Unterstützer. Man sollte bei all den wilden Geschäftsideen nur eines nicht verlieren: den Realismus. Die Mehrheit der Investoren rechnet mit 10 bis 20 Prozent Rendite pro Jahr. Startet ein Geschäft durch wie eine Rakete, wirft es so viel ab oder sogar mehr. Etwa ein Drittel aller Projekte aber wird vielleicht lediglich die Einlage zurückzahlen. Bei einem weiteren Drittel muss man das Geld womöglich abschreiben. Mit Risikokapital finanziert man eben nicht nur Gewinner, sondern auch mal Pleiten.

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