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Crowdinvesting : Anleger geraten ins Schwärmen

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Finanzieren lässt sich über die Crowd so gut wie alles: Musiker, Techniker und Filmemacher sammeln Geld, um ihre Alben, Computerspiele und Kinostreifen zu produzieren, etwa neue Episoden von Star Trek. Start-ups wollen elektrische Surfbretter, Sommerrodel mit Rollen, Hightech-Handtücher oder Heizungsthermostate mit Handysteuerung produzieren. Mobile Küchentrucks oder Internet-Pralinenversender suchen Geldgeber. Und die Stadt Osnabrück möchte sogar ein Volksfest über die Crowd stemmen und mit dem Geld hochrangige Künstler anlocken.

Jedes zehnte Projekt scheitert

Im Prinzip muss der Anleger nur entscheiden, welche Geschäftsidee er am überzeugendsten findet. Das ist aber die heikelste Frage, denn eines muss bei der Schwarmfinanzierung klar sein: Sie ist ein riskantes Geschäft. Floppt ein Projekt oder verjubeln die Jungunternehmer das Geld, endet die Einlage im Totalverlust.

Und das ist gar nicht so selten, wie man denkt. Derzeit, so schätzen Beratungsagenturen und Gründerplattformen, die sich mit dem Thema beschäftigen, scheitert etwa jedes zehnte schwarmfinanzierte Unternehmen. Die Quote wird aber ansteigen, wenn sich die vielen Firmen am Markt beweisen müssen, die sich bislang nur Geld liehen, es aber noch nicht ausgegeben haben. Auf längere Sicht könnte die Ausfallrate bei 30, wenn nicht sogar 60 Prozent liegen, schätzen Marktbeobachter. Da aber nicht nur das Risiko hoch ist, sondern auch die gezahlten Renditen, kann sich das Investieren trotzdem lohnen, wenn man auf sehr viele Projekte setzt. Nach dem Motto: Eines wird gewinnen.

Drei Arten der Schwarmfinanzierung

Die zweite Frage ist, wie man für sein Investment entlohnt werden möchte. Es gibt nämlich drei Arten der Schwarmfinanzierung: Wer Zinsen einstreichen will, der verleiht über eine Crowdlending-Plattform sein Geld, Auxmoney ist der größte deutsche Anbieter. Hier suchen Privatpersonen Kredite für größere Anschaffungen. Aber auch viele Firmen, die zum Beispiel Lagerbestände fürs Weihnachtsgeschäft aufstocken müssen und das nicht aus eigener Kraft stemmen können. Im Schnitt, so sagt Auxmoney selbst, sind für Darlehen 6,7 Prozent Jahresrendite drin. In der Spitze sind es auch mal 13 oder 14 Prozent.

Spannender ist das Crowdinvesting, bei dem im Erfolgsfall eine Gewinnbeteiligung an einem florierenden Unternehmen lockt. Es geht darum, Start-ups mit innovativen Geschäftsmodellen an den Markt zu bringen, Immobilien oder den Bau von Solaranlagen und grünen Kraftwerken zu finanzieren. Seedmatch und Companisto sind die größten deutschen Plattformen für solche Projekte. Es dauert manchmal lang, bis Investoren ihr Geld wiedersehen, für vier bis sechs Jahre kann es schon in Firmen gebunden sein. Erste Durchstarter wie ein Internet-Blumenversender zahlten aber immerhin die Einlagen plus 30 Prozent Rendite nach zwei Jahren zurück.

Und schließlich gibt es das klassische Crowdfunding, bei dem die Geldgeber eine Gegenleistung erhalten, also sozusagen in Naturalien ausbezahlt werden. Sie ermöglichen mit ihrem Beitrag die Herstellung eines ganz bestimmten Produktes, etwa eines praktischen Schneidebretts für die Küche oder die Produktion von Vegan-Burgern. Entlohnt werden sie, indem sie nach einer Weile das fertige Brett geschickt bekommen oder einen Gutschein für die Burger, so können sie ihre Zinsen regelmäßig verzehren. Startnext ist hier der unangefochtene deutsche Marktführer unter den Funding-Plattformen, Kickstarter der internationale.

Insgesamt suchen hierzulande rund 300 Projekte pro Jahr finanzielle Unterstützer. Man sollte bei all den wilden Geschäftsideen nur eines nicht verlieren: den Realismus. Die Mehrheit der Investoren rechnet mit 10 bis 20 Prozent Rendite pro Jahr. Startet ein Geschäft durch wie eine Rakete, wirft es so viel ab oder sogar mehr. Etwa ein Drittel aller Projekte aber wird vielleicht lediglich die Einlage zurückzahlen. Bei einem weiteren Drittel muss man das Geld womöglich abschreiben. Mit Risikokapital finanziert man eben nicht nur Gewinner, sondern auch mal Pleiten.

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