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Die Politik und Ihr Portfolio : Drei Männer bewegen die Börse

Bild: Illustration F.A.S., Fotos AP, AFP

Mario Draghi, Donald Trump und Matteo Renzi: Die Politik bestimmt die Märkte. Die Zeit ist gekommen, das eigene Portfolio zu überdenken. Wie sollen Anleger reagieren?

          Es gibt ein neues Lieblingswort unter Investoren. Wer in diesen Tagen Banker und Fondsmanager danach fragt, was das Börsenjahr 2016 uns zu seinem Ende noch bringen wird, bekommt dieses Wort in allen erdenklichen Varianten zu hören und natürlich stets in der englischen Form: Mal ist von „Big Rethink“ die Rede, mal von „Great Rethink“ und mal ganz einfach von „Rethink“.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Egal, für welche Variante man sich entscheidet, die Botschaft der Geldprofis ist jedes Mal die gleiche: Sie halten die Zeit zum Umdenken oder auch zum Überdenken ihrer Portfolios für gekommen (das Wörterbuch lässt beide Übersetzungen zu). Denn die Finanzmärkte sind in Bewegung geraten wie lange nicht mehr. Amerikas bekanntestes Aktienbarometer, der Dow Jones, erreichte in der vergangenen Woche ein neues Rekordhoch, zuvor war dies auch der Technologiebörse Nasdaq und dem dritten wichtigen Aktienindex des Landes, dem S&P 500, gelungen.

          Dow Jones

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          Auch an den Anleihemärkten tut sich Aufregendes. Die Rendite für amerikanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit ist auf 2,5 Prozent gestiegen, was bei Anleihen unglücklicherweise immer spiegelbildlich mit einem Kursverlust einhergeht. Anleihen mit guten Ratingnoten aus Industrie- und Schwellenländern haben im November zudem den schlechtesten Monat seit 1990 erlebt. Im Schnitt sind ihre Kurse um rund vier Prozent gefallen, was für diese Anlageklasse eine heftige Bewegung darstellt. Und was macht der Dax? Er dümpelt seit Monaten vor sich hin und hat zuletzt sogar leicht verloren.

          Wie soll man sich auf all diese Verschiebungen nur einen Reim machen? Klar, da ist zum einen Donald Trump, der designierte Präsident der Vereinigten Staaten, der mit seinen Wirtschaftsplänen die Anleger in Aufregung versetzt. Und da ist zum anderen das Referendum in Italien am Sonntag, in dem das Land formal über eine Verfassungsreform abstimmt, in Wahrheit aber über das politische Schicksal von Ministerpräsident Matteo Renzi.

          Drittens tagt dann am Donnerstag der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) unter seinem Präsidenten Mario Draghi, um über die Verlängerung des umstrittenen Kaufprogramms für Staats- und Unternehmensanleihen zu beraten, das die EZB seit einiger Zeit betreibt. Trump, Renzi und Draghi: Um diese drei Männer wird sich in den nächsten Tagen alles an der Börse drehen.

          Ein gründliches Überdenken ist nötig

          Wer versucht, die komplexen Wirkungsketten an den Märkten zu entschlüsseln, muss der Ehrlichkeit halber zunächst eine Einschränkung machen. Kein Anleger ist dazu verpflichtet, die Menschheit darüber zu informieren, warum er gerade Wertpapiere kauft oder verkauft. Wichtig ist darum: Nicht jede Bewegung an den Märkten hat immer gleich mit Draghi, Renzi und Co. zu tun.

          Trotz dieser Einschränkung lässt sich aber ein eindeutiges Urteil fällen. Ein vollkommenes Umdenken mit Blick auf das eigene Portfolio ist wohl nicht nötig. Ein gründliches Überdenken aber schon. Denn politische Ereignisse haben die Börsen zurzeit fest im Griff. Dies hat viel mit dem schrillen Unternehmer zu tun, auf den seit Mitte November die ganze Welt schaut: Donald Trump hat den Amerikanern niedrigere Steuern und ein milliardenschweres Infrastrukturprogramm in Aussicht gestellt. Natürlich kann niemand mit Sicherheit sagen, ob der mitunter sprunghafte Trump ernsthaft umsetzt, was er sagt. Da an der Börse aber die Zukunft oder präziser Zukunftserwartungen gehandelt werden, setzen die Anleger schon heute darauf, dass Trump seine Ankündigungen auch einlöst.

          Das aber bedeutet für die Kalkulationen der Investoren in der Tat eine grundlegende Veränderung. „Donald Trump ist derzeit der erste Regierungschef eines großen westlichen Landes, der eine aktive Fiskal- und Ausgabenpolitik betreiben will“, sagt Finanzfachmann Daniel Stelter von der Denkfabrik „Think Beyond the Obvious“.

          Dies hat in den Wochen seit der Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten eine wilde Kette von Marktbewegungen ausgelöst. Schaut man zunächst auf die Vereinigten Staaten, funktioniert die Logik, der die Investoren folgen, in etwa so: Die Aussicht auf staatliche Ausgabenprogramme lässt Amerikas Unternehmen auf höhere Gewinne hoffen, sie sind unter diesen Bedingungen bereit, mehr zu investieren. Dafür brauchen sie zusätzliche Arbeitskräfte, was es den Arbeitnehmern leichter macht, höhere Löhne durchzusetzen. Steigen die Löhne, steigt aber auch die Inflation. Darauf muss die Fed mit einem höheren Leitzins reagieren, was zumindest zu Teilen auch die Renditen an den Anleihemärkten weiter erhöht. Darum hört man derzeit so häufig das Wort von der Zinswende.

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