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Niedrigzinsen und Inflation : Sparer in großer Not

Seit einem Jahr liegt die Teuerungsrate in Deutschland über jener im Euroraum, meistens um 0,2 Prozentpunkte. Das liegt vor allem daran, dass im europäischen Vergleich wenige Deutsche in den eigenen vier Wände wohnen. Weil die Miete aber ständig steigt, zuletzt im Schnitt um 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, treibt sie die Inflationsrate nach oben. Schließlich geben private Haushalte hierzulande etwa ein Fünftel ihrer Konsumausgaben für die Miete aus.

Sicher ist: Die Verbraucherpreise werden in den nächsten Monaten weiter nach oben gehen. Bis zum Jahreswechsel, so kalkulieren Ökonomen, wird die Teuerungsrate 1 Prozent erreichen, im Frühjahr 2017 könnte sie bei 1,5 Prozent liegen. Das liegt vor allem am Ölpreis. Dieser war im zweiten Halbjahr 2015 stetig gefallen, erreichte Ende Januar dieses Jahres bei knapp 28 Dollar je Fass seinen Tiefpunkt.

Danach ist Öl wieder teurer geworden, kostet nun um die 45 Dollar und zieht damit im Jahresvergleich die Inflationsrate nach oben. Verbraucher bekommen es zu spüren: Für Heizöl und Sprit mussten sie zuletzt mehr bezahlen. Auch wenn die Nordseesorte Brent nach dem Jahreshöchstpreis Mitte Oktober wieder 15 Prozent billiger geworden ist: Sollten die Förderländer unter Führung der Opec, wie unlängst vereinbart, ihre Produktion wirklich begrenzen, dürfte sich Öl wieder verteuern.

Bei aller Teuerung ist es zumindest tröstlich für deutsche Sparer, dass sie bisher mit einem realen Zins haben rechnen können. Das heißt: Nach Abzug der Inflation blieb noch etwas übrig. Denn die Auswirkungen der Nullzinspolitik haben sich noch in gewissen Grenzen gehalten, wie EZB, Bundesbank und andere erklären. „Unklar ist, wie lange das noch der Fall ist“, mahnt David Folkerts-Landau, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Dass die Geldanlage langfristig immer weniger planbar ist, bezeichnet Folkerts-Landau als eine „dunkle Seite“ der Notenbankpolitik.

Inflation bringt Real-Renditen in Gefahr

Zumindest in den vergangenen vier Jahren haben deutsche Haushalte noch Gesamtrenditen von durchschnittlich 3,4 Prozent erhalten. Das ist etwa das Niveau wie in allen Jahren seit 2000. Real sind die Renditen seit 2012, als sich die Inflation vorübergehend verschwand, sogar leicht gestiegen. Das liegt daran, dass die mickrigen Zinsen immer noch höher waren als die Inflationsrate, die zeitweise die Nullgrenze nach unten durchbrach. Doch nun, da die Verbraucherpreise steigen, sind auch die realen Renditen zunehmend in Gefahr.

Die EZB wird ihre lockere Geldpolitik auf absehbare Zeit gleichwohl fortsetzen. Voraussichtlich wird die Zentralbank Anfang Dezember sogar ankündigen, ihr Anleihekaufprogramm von derzeit 80 Milliarden Euro je Monat über das vorgesehene Ende im März 2017 auszudehnen. Leitzinserhöhungen, wie sie die amerikanische Notenbank Fed sehr langsam, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit vollzieht, sind im Euroraum bis auf weiteres unwahrscheinlich.

Die Kerninflation, also die Teuerung ohne die stark schwankenden Güter Lebensmittel und Energie, verharre bei unter 1 Prozent, begründen EZB-Vertreter ihren Hang zur weitergehenden Nullzinspolitik.

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