https://www.faz.net/-gv6-90rvn

Neuseelands Notenbank : Tauben in der Stadt des Windes

Graeme Wheeler, der Notebank-Chef von Neuseeland, spricht in Wellington – der „Stadt des Windes“. Bild: Bloomberg

In Neuseeland hält die Notenbank an ihrer lockeren Geldpolitik fest. Die Renditen der Staatsanleihen nähern sich denen der australischen an. Der Aktienmarkt befindet sich in einer langfristigen Hausse.

          Wellington, die Hauptstadt Neuseelands, trägt den Beinamen „die windige Stadt“, weil in ihr scheinbar unablässig der Wind weht. Die Notenbank des Landes, die Reserve Bank of New Zealand, liegt in Wellington am Rande des Botanischen Gartens. Früher, so heißt es, sei die Notenbank von Falken bevölkert gewesen. Heute lebten dort Tauben. Als Tauben werden in der Sprache der Ökonomen und der Finanzmärkte Geldpolitiker bezeichnet, die im Zweifel für eine lockere Geldpolitik optieren.

          Dieser Tage haben die Geldpolitiker in Neuseeland ihren Ruf als Tauben bestätigt. Denn nicht nur haben sie ihren kurzfristigen Leitzins auf seinem historischen Tiefststand von 1,75 Prozent belassen und ihre Einschätzung bestätigt, dass vor der zweiten Hälfte des Jahres 2019 nicht mit einer Erhöhung des Leitzinses zu rechnen sei. Die Notenbank ließ auch deutlich erkennen, dass sie sich an der jüngsten Aufwertung des neuseeländisches Dollars gegenüber dem amerikanischen Dollar stört, was die Möglichkeit von Eingriffen am Devisenmarkt eröffnet. „Es handelt sich um eine vorsichtige Änderung unserer Sprache“, erläuterte der Vize-Gouverneur John McDermott. „Betrachten Sie es als einen ersten Schritt, den die Finanzmärkte zur Kenntnis nehmen sollten.“ Gouverneur Grame Wheeler versicherte Parlamentariern: „Wir können jederzeit handeln.“ Nach aller Erfahrung sind solche verbalen Interventionen der erste und nicht selten schon ausreichende Versuch von Geldpolitikern, Wechselkurse zu beeinflussen.

          Die auffallendste Reaktion an den Finanzmärkten lässt sich schon seit ein paar Wochen beobachten: Der Abstand der Renditen zehnjähriger neuseeländischer und australischer Staatsanleihen ist erheblich geschrumpft und liegt mit weniger als 0,2 Prozentpunkten auf seinem niedrigsten Stand seit mehr als vier Jahren. Aus der Perspektive westlicher Investoren sind die Anleihen der beiden Länder annähernd Substitute. Allerdings rentieren australische Staatsanleihen niedriger, weil der Markt größer und damit liquider ist.

          Blick auf die Ratings offenbart nur einen geringen Unterschied

          Der Blick auf die Ratings offenbart nur einen geringen Unterschied: Während Moody’s Australien und Neuseeland mit der Bestnote „Aaa“ bewertet, hat Standard & Poor’s Australien mit der Bestnote „AAA“, aber mit negativem Ausblick, und Neuseeland mit der zweitbesten Note „AA+“ mit stabilem Ausblick eingestuft. Die langfristigen Anleiherenditen werden nicht alleine von der Geldpolitik, sondern von vielerlei wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen beeinflusst. Aber die Geldpolitik ist fraglos ein Einflussfaktor.

          Die lockere Ausrichtung der neuseeländischen Geldpolitik unterliegt keinem Zweifel. Die Notenbank in Wellington berechnet permanent und mit unterschiedlichen Verfahren einen sogenannten „neutralen Zins“. Damit ist jener kurzfristige Leitzins gemeint, bei dem sich die neuseeländische Wirtschaft in einem optimalen Zustand mit niedriger Inflation und hohem Wirtschaftswachstum befinden würde. Da sich eine Volkswirtschaft so gut wie nie in ihrem optimalen Zustand befindet, lässt sich der „neutrale Zins“ nicht beobachten, sondern nur schätzen. Die Schätzungen aus Wellington belegen, dass der „neutrale Zins“ in Neuseeland wie in wohl nahezu allen anderen entwickelten Volkswirtschaften in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen ist – und dies aus Gründen, die wenig bis nichts mit der Geldpolitik zu tun haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          2007 sitzt Kanzlerin Angela Merkel von dem Eqi Gletscher in Dänemark – heute ist der Klimawandel eine ihrer größten Herausforderungen. (Archivbild)

          Klimapolitik der CDU : Die größte Baustelle der Merkel-Ära

          Die CDU will endlich den gordischen Klima-Knoten durchschlagen. Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn der Preis auf Kohlendioxid nicht so endet wie die Energiewende.

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch seine Gespräche mit Kommissionschef Juncker blieben ohne konkretes Ergebnis. Das erste Treffen zwischen den beiden Politikern findet ein kurioses Ende.
          Samstagabend in Lampedusa: 82 Gerettete wurden an Land gebracht

          Italien und die Seenotrettung : Vorübergehend berechenbar

          Die neue Regierung in Italien dreht im Streit über private Seenotretter bei. Doch das Grundproblem des Dubliner Übereinkommens bleibt bestehen. Regierungschef Conte verlangt Reformen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.