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Rendite : Sparer müssen immer mehr Risiken tragen

Immer weiter weg vom Kunden: Manche Sparkasse weigert sich, von Kindern Münzgeld aus Sparschweinen anzunehmen. Bild: Getty

Verträge kündigen, und stattdessen neue Produkte verkaufen. Auf mitunter skurril anmutende Weise versuchen Banken, Bausparkassen und Versicherer ihre Renditerisiken auf ihre Kunden abzuwälzen.

          Bausparkassen kündigen zuhauf hoch verzinste alte Bausparverträge. Sparkassen versuchen, lukrative alte Prämiensparverträge zu beenden. Versicherer drängen ebenfalls Kunden aus hochdotierten Policen und schränken Garantieverzinsungen im Neugeschäft stark ein. Und Fondsgesellschaften wie die DWS schließen kurzerhand beliebte Fonds mit Garantien für das eingesetzte Kapital.

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          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das anhaltend niedrige Zinsniveau lässt viele in der Finanzindustrie kreativ werden. Ihr Ziel ist überall das gleiche: eine Verlagerung der Renditerisiken von den Finanzinstituten zu den Sparern und Anlegern. Statt die den Kunden einmal zugesagten Renditeversprechen zu honorieren, muss der Sparer selbst sehen, wie er in der schwierigen Marktlage über die Runden kommt – das Risiko trägt er.

          Banken senken eigene Kosten auf skurrile Weise

          „Das alles sind keine zusammenhanglosen Einzelfälle“, sagt Dirk Schiereck, Bankenprofessor aus Darmstadt. „Aus meiner Sicht ist das eine Geschichte mit System.“ Bei allen Banken und vielen anderen Finanzinstitutionen sei derzeit das Passivgeschäft, also das Geschäft mit Einlagen aller Art, zu erheblichen Teilen weggebrochen. Auch auf der Aktivseite, also im Geschäft mit Krediten, seien die Margen erheblich unter Druck. „Es geht für viele um die nackte Existenz“, sagt Schiereck. Deshalb versuchten Banken, die Kosten zu senken – und einer der größten Kostenblöcke sei nun mal der Zinsaufwand.

          „Das hat zum Teil schon sehr skurrile Züge angenommen“, meint der Bankenfachmann. Ihm sei unlängst zum Beispiel aufgefallen: Die Sparkasse Rhein Neckar Nord weigere sich, wenn Kinder mit ihrer Spardose kämen, das in Münzen eingezahlte Geld auf einem Sparbuch anzunehmen. Münzeinzahlungen seien dort jetzt nur noch aufs unverzinste Girokonto möglich.

          Kündigungswellen vor Gericht

          „Das sind alles seltsame Versuche, gelebte Traditionen und geltende Verträge zu verändern“, meint der Professor. Er glaubt: Das sei nicht nur eine Art Krisenreaktion. Er glaube, dass in Zukunft die Risikoteilung zwischen Finanzinstitution und Anleger eine andere sein wird. „Neue Produkte werden mit Klauseln versehen sein, die der Bank mehr Freiräume bieten als bisher.“

          Zum Teil bemerkten die Sparer solche Klauseln nicht sofort und blendeten sie zunächst einmal aus. Die Anleger merkten erst, was los ist, wenn die Klauseln schlagend würden. „Banken werden deshalb Risiken verlagern können, ohne dass den Anlegern die höheren Risiken durch eine höhere Rendite entgolten werden“, sagt Schiereck.

          Als Erste hatten die Bausparkassen begonnen, hoch verzinste alte Bausparverträge zu kündigen – und sich dabei auf selbst unter Juristen sehr umstrittene Kündigungsrechte berufen. Seit über einem Jahr beschäftigen sich deutsche Gerichte mit der Kündigungswelle. Deutlich mehr als 200.000 Verträge sind betroffen. Eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) wird es erst im kommenden Jahr geben. Bislang sind nach Angaben des Bundesverbandes der privaten Bausparkassen mehr als 50 Entscheidungen in Berufungsverfahren zugunsten der Bausparkassen ausgegangen. Dem stehen bisher zwei Entscheidungen im Sinne der Bausparer entgegen.

          Zu teuer für die Banken, zu schön für die Kunden

          Zuletzt hatte ein Fall für Aufmerksamkeit gesorgt, der neue, künftige Bausparverträge betrifft: Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hatte die Landesbausparkasse Südwest abgemahnt, weil diese in Verträgen eine Klausel mit einem Kündigungsrecht für 15 Jahre nach Vertragsabschluss vorgesehen hatte. „Das neue Kündigungsrecht ist wohl eine Reaktion auf entsprechende Versäumnisse der Branche in der Vergangenheit, Kündigungsrechte zu regeln“, kommentierte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale.

          Das Phänomen, dass Kreditinstitute alte Sparverträge mit hohen Zinsen kündigen, ist zuletzt in verschiedenen Fällen zu beobachten gewesen. Bundesweit Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten die hoch verzinsten Prämiensparverträge namens „Scala“ der Sparkasse Ulm oder ähnliche Produkte, die die Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld einseitig gekündigt hatte. Der Grund: zu teuer für die Sparkasse – zu schön für den Kunden.

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