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Weltspartag : Sparen ohne Zinsen

Sparer müssen sich vermutlich darauf einstellen, dass sie ihr Erspartes vor Geldentwertung schützen müssen, ohne auf höhere Zinsen zählen zu können. Bild: dpa

Für Sparer beginnt womöglich bald eine neue Phase: Die Inflation steigt etwas, die Zinsen wohl aber nicht. Eine Analyse.

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          Für Sparer beginnt jetzt eine heikle neue Phase. Zähneknirschend hatten sie sich daran gewöhnt, dass es auf das Ersparte kaum noch Zinsen gibt. Aber bislang konnten sie sich zumindest damit trösten, dass auch die Inflation sehr niedrig war. Wenn ihr Erspartes sich auf dem Bankkonto auch kaum vermehrte, so verlor es doch auch wenig an Kaufkraft. Dies ändert sich jetzt, und das birgt einigen Sprengstoff.

          Im vergangenen Monat betrug die Inflation in Deutschland schon wieder 0,7 Prozent, das ist der höchste Wert seit langem. Seit Anfang Oktober wirkt auch der Ölpreis wieder inflationstreibend. Schuld ist unter anderem der statistische Basiseffekt: Der Ölpreis liegt jetzt praktisch an jedem Tag über dem Vorjahreswert, allein schon, weil Öl im vergangenen Herbst so billig war. Die Deutsche Bank schätzt, dass die Inflationsrate schon im kommenden Februar und März temporär wieder über 2 Prozent steigen könnte.

          Was passiert, wenn die Inflation in Deutschland langsam wieder zulegt, in anderen europäischen Ländern aber noch nicht? Das dürfte eine besonders heikle Phase im Ringen um die richtige Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) werden. Die Beschwerden aus Deutschland dürften vernehmlicher werden. Null-Zins-Phase und Inflation, das ist dann doch noch mal etwas Neues für die Sparer. Aber weil die Mehrheit im EZB-Rat aus Ländern stammt, die von der lockeren Geldpolitik profitieren, dürften die Leitzinsen so schnell nicht angehoben werden.

          Die Sparer müssen sich also darauf einstellen, dass sie ihr Erspartes vor Geldentwertung schützen müssen, ohne auf höhere Zinsen zählen zu können. Zwar können die langfristigen Zinsen am Kapitalmarkt theoretisch auch ohne höhere Leitzinsen steigen; allzu viel wird da in absehbarer Zeit aber kaum zu erwarten sein. Kein Wunder, dass böse Zungen den Weltspartag an diesem Freitag schon in Volkstrauertag umbenennen wollten.

          Sparquote ist in den letzten Jahren wieder gestiegen

          Bislang zeigen die deutschen Sparer allerdings außergewöhnlich viel Geduld. Wer gemeint hatte, ohne Zinsen werde der Anreiz zum Sparen sinken und die Deutschen würden ihr ganzes Geld verjubeln, sieht sich eines Besseren belehrt. Die Postbank präsentierte jetzt eine Umfrage, in der die befragten Deutschen sagten, dass sie nun sogar mehr sparten als früher. Dieser bemerkenswerte Befund lässt sich durch Zahlen des Statistischen Bundesamtes über die Sparquote der privaten Haushalte in Deutschland etwas erhärten. Demnach ist die Sparquote seit einem Tiefpunkt im Jahr 2013 wieder gestiegen, auf zuletzt 9,7 Prozent. Die Null-Zins-Phase ist für die Deutschen also keine Null-Spar-Phase, im Gegenteil. Woran liegt das?

          Ist der Mensch, zumal der Deutsche, einfach ein von Natur aus zum Sparen und zur Sparsamkeit neigendes Wesen, das gar nicht anders kann, als zu horten und Ersparnisse anzusammeln, soviel es ihm eben vergönnt ist? Oder sparen die Leute aus tieferer Einsicht: Weil sie wissen, dass sie später Geld fürs Alter oder für Anschaffungen brauchen, aber in Zeiten wie diesen nicht auf Zins und Zinseszins setzen können? Rationale Akteure würden so handeln, aber sind wir das?

          Der amerikanische Princeton-Historiker Sheldon Garon hat erforscht, welches Verhältnis die Menschen in verschiedenen Ländern im Umgang mit Risiken haben. Seine Forschungen bestätigten eine intuitive Annahme: Je vorsichtiger eine Nation im Eingehen von Risiken ist, desto ängstlicher ist sie auch beim Verschulden und desto mehr spart sie tendenziell. Die Amerikaner liegen dabei an dem einen Ende des Spektrums, die Deutschen am anderen – sie lieben das Sparen offenbar.

          Arbeitslosigkeit treibt nicht mehr vorrangig zum Sparen an

          Andere Ökonomen betrachten das Sparen eher als das, was nach dem Geldausgeben übrig bleibt. „Residualsparen“ nennt sich das. Es würde einen Teil der Unabhängigkeit des Sparens vom Zins erklären. Die Menschen kaufen das, was ihre Peergroup kauft, also Freunde, Nachbarn oder Kollegen. Den Rest des Geldes haben sie am Monatsende auf dem Girokonto. Das erklärte zum Beispiel die Beobachtung, dass Menschen, die durch den niedrigeren Ölpreis im vergangenen Jahr plötzlich mehr verfügbares Einkommen hatten, dieses nicht gleich ausgegeben haben, sondern erst mal etwas mehr sparten.

          Allerdings: Die Entscheidung, auch ohne Zinsen weiter zu sparen oder sogar noch mehr zu sparen, wird auch bewusst getroffen. Das jedenfalls legen alle Umfragen nahe, in denen Menschen über ihr Sparverhalten befragt wurden. Sie geben als ihr Motiv „Vorsicht“ an. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil Ökonomen eigentlich annehmen, dass solches Angstsparen in erster Linie dann vorkommt, wenn hohe Arbeitslosigkeit herrscht und die Menschen befürchten, sie könnten ihren Arbeitsplatz verlieren.

          In den vergangenen Jahren aber ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf ein außerordentlich niedriges Niveau gesunken. Offenbar spielen andere, unbestimmte Ängste eine Rolle, die aus der Banken- und Euro-Krise erwachsen sein könnten. Goldhändler berichten davon, wenn bei ihnen wieder mal ein Ansturm auf Barren und Münzen stattfindet – und die Makler, wenn gute Wohnungen extreme Kaufpreise erzielen. Die Menschen in Deutschland haben derzeit wohl das Gefühl, dass es ihnen recht gut gehe. Sie sind aber skeptisch, ob dieser Zustand noch lange anhält.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

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