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„Home bias“ : Patriotismus kostet Geld

Bild: Getty

Menschen legen ihr Vermögen am liebsten dort an, wo sie sich auskennen - also im eigenen Land. Besser wäre es, das Geld überall in der Welt zu verteilen.

          Der deutsche Anleger hört und staunt seit Wochen, was sich an Amerikas Börsen tut. Die größten Indizes in den Vereinigten Staaten haben Rekordhochs erreicht, besonders die Entwicklung des Dow Jones wurde sehr gebannt verfolgt, schließlich näherte er sich langsam, aber sicher der psychologischen Marke von 20.000 Punkten.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Rekordjagden infolge von Donald Trumps Wahlsieg sind vor allem für amerikanische Investoren sehr aufregend, geht es doch vorwiegend um ihr eigenes Geld. Die Deutschen, sofern sie überhaupt in Aktien investieren, sind dagegen nicht die großen Nutznießer. Denn sie haben den Großteil ihres Geldes nicht in Übersee, sondern gewissermaßen vor der eigenen Haustür angelegt. Durch diese Heimatverbundenheit verzichten sie auf Rendite. Und das schon seit Jahren.

          Nicht nur die Deutschen bleiben im Lande

          So hinkt der deutsche Aktienindex Dax in diesem Jahr mit einem Zuwachs von sieben Prozent beispielsweise dem Dow Jones (plus 15 Prozent) hinterher. Ganz zu schweigen davon, dass in manchen Schwellenländern wie Brasilien die Kurse um 35 Prozent nach oben schossen, indes von einem niedrigen Niveau aus.

          „Home Bias“ wird in der ökonomischen Verhaltensforschung die Neigung von Anlegern genannt, ihr Geld eher in Aktien sowie Anleihen von Unternehmen ihrer Heimat zu investieren. Zwar wird hierzulande immer mal wieder behauptet, dass der deutsche Privatanleger besonders anfällig ist für den Home Bias.

          Doch zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass die Heimatorientierung ein globales Phänomen ist. Ob Amerikaner oder Australier, Japaner oder eben wir Deutsche - in vielen Ländern stecken Anleger mehr als die Hälfte ihres Vermögens in heimische Aktien. Und das, obwohl der jeweilige Anteil der nationalen Papiere am globalen Aktienmarkt sehr viel geringer ist.

          So haben deutsche Unternehmen, gemessen an der Marktkapitalisierung, nur einen Weltmarktanteil von 2,4 Prozent. Der Anteil heimischer Aktien in einem durchschnittlichen deutschen Depot liegt allerdings um ein Vielfaches höher: In Untersuchungen wurde eine Quote von 60 bis 70 Prozent ermittelt.

          Vermeintlicher Trumpf der Informiertheit

          Einer starken Heimatorientierung erliegen im Übrigen nicht nur Privatanleger, sondern auch professionelle Investoren. Also Experten, die das Geld anderer Leute nach bestem Wissen und Gewissen vermehren sollen. So hat das Investment Company Institute unlängst errechnet, dass die Manager amerikanischer Aktienfonds beinahe dreimal mehr Geld in heimische Aktien angelegt haben als in Titel aus dem Rest der Welt. Laut einer anderen Studie neigen Fondsmanager in Amerika sogar dazu, jede zehnte Firma vor allem deshalb im Portfolio zu haben, weil sie in derselben Stadt ansässig ist wie sie selbst. Klingt das nicht verrückt?

          Im Prinzip erscheint es erst einmal verständlich, dass ein Anleger sich bei heimischen Unternehmen am besten aufgehoben fühlt. Schließlich weiß er über das, was in seiner direkten Umgebung passiert, am besten Bescheid. Ein deutscher Anleger kommt leichter an Informationen über einheimische Unternehmen, kann weitgehend einschätzen, welche Quellen verlässlich sind, versteht im Zweifel deshalb das Geschäft von VW, Bayer oder RWE besser als von ausländischen Unternehmen wie Toyota, ChemChina oder Petrobras.

          Die vielen kleinen Dinge

          Dazu kommt noch eine Reihe weiterer Motive, weshalb die Heimatvorliebe auf viele Portfolios durchschlägt. Die Schweizer Großbank Credit Suisse hat die gängigsten Gründe kürzlich in einer Studie aufgelistet. So spielen neben der bereits genannten Informations-Asymmetrie auch unterschiedliche Regulierungen sowie sprachliche Hürden eine Rolle, weil sie die Informationskosten in die Höhe treiben können.

          Darüber hinaus könnten Inflationsrisiken die Rendite ausländischer Anlagen schmälern. Auch vor Währungseffekten schrecken viele Anleger zurück, machen sie doch beispielsweise bei internationalen Anleihen etwa die Hälfte des gesamten Risikos aus. Außerdem erscheinen ausländische Kapitalanlagen aus steuerlichen Gründen oft weniger attraktiv als heimische.

          Denn manche Länder besteuern Dividendenzahlungen an fremde Investoren stärker als an Landsleute. An kleineren Börsen mit geringer Liquidität, vor allem in Schwellenländern, kommt auch noch hinzu, dass die Handelskosten vergleichsweise hoch sind.

          Empfindlicher Dax

          Angesichts einer solchen langen Liste von Unwägbarkeiten, Einschränkungen und möglicher Kosten scheint es allzu menschlich, lieber auf den Heimatmarkt zu setzen, wo man sich sicher fühlt ist. Aber es wäre ein Irrtum, der Geld kostet. „Eine übertriebene Heimatneigung führt zu einem starken Mangel an Streuung in einem Portfolio - und damit zu unnötigen emotionalen Stress und womöglich höheren Verlusten“, sagt Analyst Jochen Klement, Autor der Credit-Suisse-Studie. Mit anderen Worten: Wer das Risiko breit verteilt, kann ruhiger schlafen.

          Eine große Unruhe haben in diesem Jahr vor allem jene Deutsche zu spüren bekommen, die allzu sehr auf den heimischen Aktienindex gesetzt haben. Denn auf die zwischenzeitlichen Börsenturbulenzen hat der Dax empfindlicher reagiert als andere Indizes.

          Nach Jahresbeginn, als der Ölpreis ein historisches Tief erreichte, die Sorgen um das Wachstum Chinas und der Welt groß waren, verlor der deutsche Index 18 Prozent. Der amerikanische S&P 500 und der MSCI World sanken jeweils nur um 11 Prozent. Auch nach dem Brexit-Votum Ende Juni erwischte es den Dax stärker als andere Börsenbarometer. Wohl dem Anleger also, der auch in fremde Märkte investiert hat. Auch wenn es erst einmal Überwindung gekostet hat.

          Das alte Lied: Diversifizieren!

          Es ist schon oft gesagt worden, seit die amerikanischen Ökonomen Kenneth French und James Poterba vor 25 Jahren erstmals den Home Bias beschrieben haben: Eine möglichst breite Streuung über Regionen, Branchen und Anlageklassen hinweg mindert das Verlustrisiko und verspricht bei ähnlichem Risiko eine höhere Rendite.

          Die Diversifikation, wie es im Fachjargon heißt, fällt je größer aus, desto mehr Andersartiges gemischt wird. Irgendwo auf der Welt läuft die Konjunktur immer relativ gut, so dass die dortigen Gewinne mögliche Verluste aus anderen Regionen wettmachen. Man muss ja nicht so weit gehen wie die Ökonomen Bruno Solnik und Luo Zuo, die vor einigen Jahren ein Aktienportfolio entwickelt haben, das idealtypisch ist. Darin befanden sich Aktien aus 41 Ländern, die entsprechend ihres Anteils am globalen Aktienmarkt gewichtet wurden.

          Eine derart breite Streuung mag für einen Privatanleger kaum zu verwalten sein. Aber dafür gibt es ja einfache und günstige Möglichkeiten, vor allem durch den Erwerb von ETF (Exchange Traded Funds), die die Wertentwicklung eines bestimmten Index abbilden. Wer sein ETF-Portfolio international streut, also neben dem überaus beliebten Dax und dem Euro Stoxx 50 auch den MSCI World und den S&P 500 berücksichtigt, der sieht sich gut aufgestellt. Umso mehr, wenn ein Anleger auch über die ihm vertrauten Industrienationen hinausblickt.

          Denn in diesen Staaten altert die Bevölkerung, was das Wachstum zu bremsen droht. Größere Chancen liegen in Ländern, in denen die Gesellschaft jünger ist und eine höhere Wirtschaftsleistung verspricht. Also vor allem in Schwellenländern, in denen der Wohlstand steigt und eine zunehmende Mittelschicht immer ausgabefreudiger wird. Es muss nicht immer Deutschland sein.

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