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Aktienmarkt : Dividende für alle

Dividendenaktien sind langweilig, aber gelten als sicher. In diesem Jahr werden Rekordausschüttungen erwartet. Bild: iStock

Anleger können sich in diesem Jahr auf Ausschüttungen in Rekordhöhe freuen. Das ist in Zeiten niedriger Zinsen ein großes Glück. Aber nicht alle Dividendenaktien lohnen eine Investition.

          Es gibt in der aufregenden Welt der Aktienmärkte einen zutiefst langweiligen Bereich. Mit ihm bekommen es Anleger immer dann zu tun, wenn ein Stichwort fällt, das selbst Börsenanfänger schon einmal gehört haben dürften. Die Rede ist von Dividendenaktien – also Aktien von Firmen wie beispielsweise des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns Nestlé. Sicheres Geschäftsmodell gleich sichere jährliche Ausschüttungen an die Aktionäre lautete jahrelang deren Erfolgsformel. Dies kann man zum Gähnen finden, aber aus Sicht der Anleger handelt es sich um eine angenehme Langeweile.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Damit ist es jetzt vorbei. Seitdem im November ein New Yorker Immobilienunternehmer namens Donald Trump die amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewonnen hat, sind die Börsen auf der ganzen Welt in Bewegung geraten. Es hat das eingesetzt, was die Fachleute mit einem ziemlich technisch klingenden Begriff als Sektorrotation bezeichnen.

          Action im Depot

          Gemeint ist damit: Angesichts der von Trump geschürten Hoffnung auf Infrastrukturprogramme für die Vereinigten Staaten interessieren sich die Anleger mit einem Mal nicht mehr für Aktien mit einem soliden und wenig überraschenden Geschäftsmodell. Nun wollen alle Investoren Aktien wie die des Baumaschinenherstellers Caterpillar besitzen, der profitiert, wenn Amerika seine Straßen und Brücken erneuert. Anders ausgedrückt: Statt Langeweile ist nun Action im Depot angesagt. Das hat zu teils empfindlichen Kursverlusten bei klassischen Dividendenaktien geführt.

          Wie stets, wenn sich in Amerika, dem größten Aktienmarkt der Welt, die Dinge wandeln, strahlt dies auch auf den Dax aus. Die Aktie des Industriekonzerns Siemens beispielsweise hat sich darum in den vergangenen Wochen besser entwickelt als das Papier des Konsumgüterherstellers Henkel. All diese jüngsten Entwicklungen werfen die Frage auf: Ist die Zeit der Dividendenaktien jetzt vorbei?

          Rekordwerte werden erwartet

          Dazu will nicht recht passen, dass die Analysten nun Zahlen in einer Disziplin veröffentlicht haben, in der sie – anders als bei ihren Kursprognosen – oft richtig liegen: bei der Vorhersage der Dividenden. Für alle Dax-Konzerne erwarten sie in diesem Jahr die Gesamtsumme von 31,1 Milliarden Euro an Ausschüttungen. Es wäre ein neuer Rekordwert. Und das ist noch nicht alles. Denn für europäische Aktiengesellschaften gilt das gleiche: Hier rechnen die Experten von Allianz Global Investors mit sage und schreibe 315 Milliarden Euro. Auch dies wäre soviel wie noch nie.

          Was also tun: Dividendenaktien rein oder raus aus dem Portfolio? Wie immer an der Börse kann niemand die Antwort mit völliger Sicherheit wissen. Aber viel spricht dafür, dass solche Aktien auch in Zukunft eine sehr gute Wahl sein werden. Intelligent eingesetzt sind sie ein sinnvoller Bestandteil jedes Depots. Man muss allerdings ein paar Dinge dabei beachten.

          Trump-Euphorie wird sich nicht ewig halten

          In Europa gibt es wohl niemanden, der sich besser mit der Materie auskennt als Thomas Schüssler von der Fondsgesellschaft DWS. Mit dem DWS Top Dividende steuert Schüssler einen der größten Aktienfonds Europas. 18 Milliarden Euro haben die Anleger ihm anvertraut, die er ausschließlich in Dividendenaktien anlegt. Schüssler bestreitet nicht, dass im Moment andere Aktien en vogue sind, gibt aber zu bedenken: „Wie soll man feststellen, wie lange sich die Trump-Euphorie an den Börsen fortsetzen wird? Niemand weiß, wie sich Aktienkurse kurzfristig entwickeln. Die Höhe der Dividenden dagegen lässt sich zu Anfang eines Jahres normalerweise sehr gut prognostizieren, uns gelingt dies mit einer Treffersicherheit von 95 Prozent.“ In Schüsslers Fonds machen die wiederangelegten Dividenden beeindruckende 50 Prozent an der gesamten Wertentwicklung aus.

          Es ist genau diese Berechenbarkeit, die Investoren an Dividendenaktien so schätzen, trotzdem fragt man sich: Was bitte macht denn die Sache so gut kalkulierbar? Schließlich müssen die Unternehmen ihren Anteilseignern keine Dividende zahlen. Der entscheidende Punkt jedoch ist: Sie fühlen sich in gewisser Weise dazu verpflichtet.

          Unternehmen werden zur Ausschüttung animiert

          Das hat damit zu tun, dass vielfach Staatsfonds, Pensionsfonds oder auch sehr große Fondsgesellschaften zu ihren wichtigsten Aktionären gehören. Solche Fonds legen Wert auf regelmäßige Ausschüttungen, denn nur so können sie den Pensionären oder Bürgern, deren Geld sie verwalten, verlässliche Erträge bieten. Um diese Investoren an Bord zu halten, versuchen die Firmen unter allen Umständen zu vermeiden, die Dividende zu kürzen oder gar ganz ausfallen zu lassen. „Kommt es trotzdem dazu, wird dies an der Börse als Verkaufssignal gewertet“, sagt Christian Kahler, Chef-Aktienstratege der DZ Bank. Ein schwerer Vertrauensverlust, von dem die sich ein Unternehmen oft nur schwer erholt.

          Es ist aber nicht allein die Sorge vor einer solchen Situation, die die Unternehmen zu Ausschüttungen animiert. Die Rekordsumme im Dax kommt auch zustande, weil sich die Geschäfte der meisten deutschen Konzerne 2016 gut entwickelt haben. Sie folgen darum einem einfachen Prinzip: Wenn mehr Geld in der Kasse ist, kann man auch mehr ausschütten. Nur die Deutsche Bank und die Commerzbank fallen unter den Dax-Mitgliedern als Dividendenzahler aus.

          Sichere Angelegenheit bei stabiler Weltwirtschaft

          Natürlich zeugt es nicht gerade von Ideenreichtum, wenn die Konzerne die Ausschüttungen so wichtig nehmen. Könnten sie ihr Geld alternativ doch auch in den intelligenten Ausbau des eigenen Geschäftes investieren. Wenn sich solche Möglichkeiten aber gerade nicht ergeben, ist es aus Sicht von Aktienanalyst Kahler allemal besser, das Geld an die Aktionäre auszuschütten, als es beispielsweise für den Kauf anderer Firmen einzusetzen, der häufig mit hohen Risiken verbunden ist. Auch auf dem Firmenkonto ist das Geld nicht besser aufgehoben: Denn dort fallen derzeit in vielen Fällen Strafzinsen an.

          Dividendenaktien sind also eine ziemlich sichere Angelegenheit, sofern die Weltwirtschaft sich einigermaßen gut entwickelt. Dass sich solche Aktien darüberhinaus für die Anleger auch richtig lohnen können, zeigt der Blick auf zwei Zahlen. Da ist zum einen die Rendite von Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit, die zurzeit bei kümmerlichen 0,4 Prozent liegt. Im Gegensatz dazu beträgt die durchschnittliche Dividendenrendite der Dax-Konzerne (sie setzt die Höhe der geplanten Ausschüttung ins Verhältnis zum aktuellen Aktienkurs des Unternehmens) derzeit 2,7 Prozent. Für europäische Aktien sind es gar 3,5 Prozent. Ein himmelweiter Unterschied zu Bundesanleihen.

          Welche Dividendenaktie kaufen?

          Natürlich lassen sich Aktien und Anleihen nicht ohne weiteres gleichsetzen: Die Aktienkurse können stark sinken und dann nutzt auch die so schön errechnete Dividendenrendite nicht mehr viel. Trotzdem erscheint besonders in Europa der Kauf dividendenstarker Aktien sinnvoll. Denn solche Aktien machen typischerweise nur dann dauerhaft Verluste, wenn gleichzeitig die Zinsen für Anleihen deutlich steigen – die Aktien verlieren dann ihre Funktion als eine Art Anleiheersatz. Mit stark steigenden Zinsen ist aber in Europa überhaupt nicht zu rechnen, das hat die Europäische Zentralbank bei ihrer Ratssitzung in der vergangenen Woche noch einmal unmissverständlich klar gemacht.

          Wie aber sollen Anleger nun die richtigen Dividendenaktien auswählen? Der erste Impuls, einfach die Papiere mit den höchsten Dividendenrenditen zu kaufen, verbietet sich. Denn die Dividendenrendite kann laut Definition eben auch dann besonders hoch sein, wenn ein Unternehmen seine Ausschüttungen zwar auf stabilem Niveau hält, gleichzeitig aber der Kurs abstürzt. Schaut man nur auf diese Kennzahl, müssten Anleger im Dax die Aktie der Lufthansa kaufen – eine Firma, um deren Zukunft man sich durchaus Sorgen machen kann. Allein dieses Beispiel zeigt: Die simpel klingende Dividendenstrategie selbst in die Tat umzusetzen, ist gar nicht so einfach.

          LUFTHANSA

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          Gute Kalkulierbarkeit

          Auf die oft zurecht kritisierten Fondsmanager zu vertrauen, scheint in diesem besonderen Fall nicht die schlechteste Lösung zu sein. Fonds wie der DWS Top Dividende oder der M&G Global Dividend Fund haben gerade wegen der guten Kalkulierbarkeit der Dividenden in der Vergangenheit ordentliche Wertzuwächse erzielt.

          Und was ist mit ETF? Diese speziellen Fonds bilden die Wertentwicklung eines bestimmten Börsenindex zu geringen Gebühren nach. Klingt verlockend, ist aber in der einfachen Variante keine gute Idee. So gibt es ETF auf den Div-Dax, einen Index, in dem die 15 Dax-Konzerne mit der höchsten Dividendenrendite enthalten sind. Das Problem: Die Auswahl orientiert sich allein an der Dividendenrendite. Die Lufthansa-Aktie, um das Beispiel noch einmal aufzugreifen, ist also mit dabei.

          Anleger brauchen Geduld

          Mittlerweile gibt es aber auch ETF, die mit etwas mehr Raffinesse konstruiert wurden und die für Anleger einen Blick wert sind. Der „SPDR S&P Euro Dividend Aristocrats“ beispielsweise investiert nur in Firmen, denen die Analysten den Namen „Dividendenaristokraten“ gegeben haben. Dazu zählen allein europäische Unternehmen, die in mindestens zehn aufeinanderfolgenden Jahren verlässlich eine möglichst steigende Dividende gezahlt haben. Aus Deutschland gehören unter anderem Siemens und der Versicherungskonzern Munich Re dazu.

          Unabhängig davon, für welche Anlageart sich Anleger am Ende entscheiden: Ein bisschen Geduld sollten sie mitbringen. Dividendenaktien entfalten besonders über einen längeren Zeitraum von mindestens fünf Jahren ihre volle Wirkung. Wenigstens das also ist genauso gemächlich und langweilig, wie man sich die Sache immer schon vorgestellt hat.

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