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Digitalisierung der Finanzwelt : Wettrüsten der Anlageroboter

  • -Aktualisiert am

Die Digitalisierung schreitet in jeder Branche voran. Anlageroboter sollen nun die Vermögensberatung übernehmen. Bild: dpa

Der Erfolg computergestützter Anlageprogramme hat die Wertpapierbranche aufgeschreckt. Können die Roboter-Berater Vermögensverwalter ersetzen?

          Amerikanische Privatanleger vertrauen Anlagerobotern immer mehr Geld an. Der größte unabhängige Anbieter, das erst vor acht Jahren gegründete Unternehmen Betterment, verwaltet mittlerweile 5 Milliarden Dollar mit Hilfe von Computerprogrammen. Innerhalb von nur anderthalb Jahren hat sich das verwaltete Vermögen des Start-ups damit verfünffacht.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Verglichen mit den geschätzt rund 20 Billionen - also 20 000 Milliarden - Dollar, die amerikanische Privatanleger insgesamt in Wertpapieren und Fonds angelegt haben, ist das zwar ein minimaler Betrag. Aber Robo-Advice, wie die Beratung und Vermögensverwaltung mit Algorithmen in Amerika genannt wird, gewinnt fraglos an Popularität.

          Neben jungen Firmen wie Betterment oder Wealthfront springen auch immer mehr Schwergewichte der Branche auf den Zug auf. Den Anfang hatte im vergangenen Jahr die größte amerikanische Direktbank Charles Schwab gemacht. Mittlerweile vergeht kaum ein Monat, in dem nicht irgendeine bekannte Bank oder Fondsgesellschaft ähnliche Programme entwickelt, auf den Markt bringt oder den Kauf eines Technologie-Anbieters bekanntgibt.

          Digitalisierung bei Geldanlagen

          Analysten der Bank Barclays beschreiben die Konsenshaltung unter den Vermögensverwaltern der Wall Street als „Rüsten Sie mit Robotern auf, oder Sie werden abgehängt“. Sollte das algorithmische Wettrüsten anhalten, müssen Analysten möglicherweise ihre Prognosen für dieses Marktsegment nach oben korrigieren.

          Die Analysegesellschaft Aite Group schätzt, dass bis 2017 schon fast 285 Milliarden Dollar von derartigen Computerprogrammen verwaltet werden. Ende des vergangenen Jahres waren es insgesamt 53 Milliarden Dollar.

          Erst Anfang dieser Woche hat die große Fondsgesellschaft Legg Mason eine Mehrheitsbeteiligung an der kleinen Robo-Beratungsplattform Financial Guard erworben. Blackrock, der weltweit größte Vermögensverwalter, hatte schon Ende August den Anbieter Future Advisor akquiriert.

          Anlageroboter ganz nach den Wünschen des Kunden

          Die Fondsgesellschaft Invesco kaufte im Januar ein Robo-Start-up namens Jemstep. Die Direktbank E- Trade hat im Juni ein neues Robo-Angebot vorgestellt. Die große Fondsgesellschaft Fidelity testet ein digitales Produkt, und die Großbank Wells Fargo entwickelt derzeit auch ein eigenes Angebot.

          Die Programme haben alle einen ähnlichen Ansatz. Sie wählen automatisch Anlagen aus, die den beim Kunden erfragten Anlagezielen und der Risikotoleranz entsprechen. Die vorgegebene Idealverteilung der Anlagen wird beobachtet und automatisch angeglichen, wenn sich der Markt verändert.

          Risikoaffinere Anleger werden mehr internationale Aktienfonds im Depot haben, konservativere Naturen mehr heimische Anleihefonds. Dazu sind die Gebühren generell deutlich niedriger als bei traditionellen Anlageberatern, die in der Regel 1 Prozent des verwalteten Vermögens pro Jahr und zusätzlich Provisionsgebühren für den Vertrieb der Fonds kassieren. Roboterberater verlangen in der Regel nur zwischen 0,25 und 0,75 Prozent als Gebühr.

          Robo-Berater ersetzen keine Vermögensverwalter

          Die ausgewählten Anlageprodukte sind zudem in der Regel börsennotierte Indexfonds (ETF), die im Gegensatz zu aktiv verwalteten Fonds geringere Managementgebühren haben und dazu noch mehrheitlich besser abschneiden.

          Neue Regularien schreiben vor, dass Finanzberater, die steuerbegünstige Rentensparprogramme verwalten, immer im Interesse der Kunden handeln müssen. Finanzprodukte mit niedrigen Gebühren dürften diesen Vorschriften eher genügen und den Geldfluss zu den Robo-Firmen verstärken.

          Unternehmen wie Betterment konzentrieren sich auf junge, technologieaffine Leute am Anfang ihrer Karriere und nicht auf vermögende Privatkunden, die bislang auf persönliche Beratung Wert legen. Die durchschnittliche Anlagesumme eines Betterment-Kunden beträgt 29 000 Dollar.

          Im größten Depot liegen Wertpapiere im Wert von 10 Millionen Dollar. Selbst das ist nur die Hälfte der Summe, die ein Anleger in der Regel mitbringen muss, um bei einem der traditionellen Vermögensverwalter in der obersten Kategorie zu landen. Aber auch Banken, die sich um diese superreiche Klientel kümmern, treiben die Automatisierung voran.

          Die große Schweizer Bank UBS hat eine Partnerschaft mit dem kalifornischen Start-up Sig Fig angekündigt. Die von Sig Fig entwickelte Technologie soll das Portfoliomanagement übernehmen, damit die Berater von UBS mehr Zeit bekommen, um mit ihren vermögenden Kunden zu reden.

          Der Trend bei den Robo-Beratern scheint also wie auch in anderen Bereichen der Finanztechnologie nicht zum reinen Wettbewerb mit etablierten Anbietern, sondern zur Kooperation und Ergänzung bestehender Angebote zu gehen.

          Nach einer Studie der Citigroup werden Robo-Berater traditionellen Vermögensverwaltern ihre Kunden nicht abspenstig machen. „Wir sehen das Aufkommen der Robo-Beratung als ein Beispiel von Automatisierung, das die Produktivität von traditionellen Vermögensberatern verbessern kann“, meint Analyst Ronit Ghose. „Vermögendere oder anspruchsvollere Anleger werden immer persönliche Beratung verlangen.“

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