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Finanzmärkte : Wirtschaft ist wichtiger als Politik

Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse: Finanzmärkte gehen optimistisch ins Jahr 2017. Bild: Lachner, Maximilian

Viele Teilnehmer an den Finanzmärkten erwarten, dass Wachstum und Inflation im kommenden Jahr steigen werden. Sind ihre Annahmen plausibel?

          5 Min.

          Politische Börsen haben kurze Beine“, lautet eine alte Weisheit an den Finanzmärkten. Drei große unerwartete politische Ereignisse hat es in diesem Jahr gegeben: die britische Volksentscheidung für einen Brexit, der Sieg Donald Trumps in der amerikanischen Präsidentenwahl sowie die Niederlage Matteo Renzis in der italienischen Volksabstimmung über eine Verfassungsreform. Keines dieser Ereignisse war in der Lage, die Finanzmärkte in schwere Turbulenzen zu versetzen; und vor allem nahm im Laufe der Zeit die Gewöhnung an das Unerwartete zu.

          Ein Marktteilnehmer drückte es so aus: „Nach dem Brexit haben wir drei Tage gebraucht, um den Schock abzuschütteln. Nach der Wahl Donald Trumps haben wir drei Stunden gebraucht, und nach dem italienischen Referendum sind es drei Minuten gewesen.“ Die erhebliche politische Unsicherheit, die das zu Ende gehende Jahr kennzeichnete, schlug sich unmittelbar kaum in den Kursen nieder. Erhebliche politische Unsicherheit wird auch das Jahr 2017 kennzeichnen, und selbstverständlich werden Teilnehmer an den Finanzmärkten versuchen, daraus Profit zu ziehen.

          Nirgendwo wird derzeit so viel über einen Wahlsieg Marine Le Pens in den kommenden französischen Präsidentschaftswahlen geraunt wie in der englischsprachigen Finanzwelt, aus der auch schon Stimmen zu vernehmen sind, man müsse sich gegen französische Staatsanleihen positionieren. Derartiges Geraune wird es in den kommenden Monaten, und nicht nur in der englischsprachigen Finanzwelt, noch viel häufiger geben. Kurzfristig mögen politische Ereignisse die Kurse beeinflussen; nachhaltig sind solche Bewegungen meist nicht.

          Aussicht auf etwas mehr Wachstum

          Denn an den Finanzmärkten spielen, wenn auch nicht notwendigerweise in den Kommentaren ihrer Teilnehmer, aber doch in den Kursen, wirtschaftliche Themen eine wieder bedeutendere Rolle. Immer mehr Teilnehmer beginnen sich zu fragen, ob ihre bisherigen Erwartungen für das Wirtschaftswachstum und für die Inflation im kommenden Jahr nicht zu niedrig sind. Die Aussicht auf etwas mehr Wirtschaftswachstum und Inflation erklärt sich mit mehreren Faktoren, unter sich denen mit der Wahl Donald Trumps nur ein politischer befindet.

          Wesentlich zu einer sich wandelnden politischen Wahrnehmung haben in den vergangenen Monaten rund um den Globus etwas besser als erwartet ausgefallene Konjunkturdaten beigetragen. Diese Beobachtung gilt für Schwellenländer wie China, über dessen wirtschaftliche Zukunft sich die Finanzmärkte in den ersten Monaten des vergangenen Jahres große Sorgen machten, ebenso wie für die Vereinigten Staaten und auch für die Eurozone. Die Konjunkturprognosen öffentlicher wie privater Stellen für das kommende Jahr tragen dem kaum Rechnung, aber wahrgenommen wird es durchaus: Auf seiner Sitzung im Dezember beurteilte die Mehrheit der Mitglieder des Zentralbankrats der Europäischen Zentralbank (EZB) die vom Frankfurter Direktorium vorgelegten Projektionen für die wirtschaftliche Entwicklung als zu pessimistisch. Das ist ein Grund, warum die EZB ihre monatlichen Wertpapierkäufe ab April 2017 von 80 auf 60 Milliarden Euro zurücknehmen wird.

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          Mit den etwas besseren wirtschaftlichen Daten ist die Stimmung dabei, umzuschlagen. 2016 hat alle Aussichten, als Wendejahr in die Geschichte der Finanzmärkte einzugehen. Angefangen hatte es in tiefer Finsternis: In den ersten Monaten des Jahres waren Wörter wie Rezession und Deflation in den Industrienationen weit verbreitet. Wer im Frühjahr 2016 mit amerikanischen Fondsmanagern redete, konnte hören, etwa jeder dritte Finanzmann an der Wall Street halte einen baldigen Fall der amerikanischen Wirtschaft in die Rezession für ein wenn auch nicht zwingendes, so doch für ein plausibles Szenario. In Europa breitete sich in Finanzhäusern eine Skurrilität wie die Vorstellung aus, die Zinsen könnten nie mehr steigen, weil dann alles zusammenbreche. Negative Notenbankzinsen und negative Anleiherenditen wurden als Zeichen aus den Fugen geratener Zustände interpretiert – und die Zahlen sprachen durchaus für Ungewöhnliches: Etwa zur Jahresmitte wiesen rund um den Globus Anleihen im Gesamtwert von etwa 12 Billionen Euro negative Renditen auf; etwa jeweils zur Hälfte in Japan und in Europa. Die niedrigsten kurzfristigen Notenbankzinsen finden sich mit minus 0,75 Prozent in der Schweiz.

          In Amerika ist die Furcht vor baldigen Rezessionen verschwunden

          Am finstersten ist es kurz vor der Morgendämmerung. Zur Jahresmitte fand jenes Ereignis statt, das als Beginn eines neuen säkularen Trends in die Finanzgeschichte eingehen könnte: In den Vereinigten Staaten erreichte die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen nach einem rund 25 Jahre währenden säkularen Fall mit 1,34 Prozent den niedrigsten Stand aller Zeiten. Der in vielen Kommentaren europäischer Bankökonomen und Analysten zuletzt kaum mehr zur Kenntnis genommene transatlantische Zinszusammenhang sorgte dafür, dass nur wenige Tage später die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen mit minus 0,19 Prozent ihren historischen Tiefstand erreichte.

          Eine Rendite von 1,34 Prozent für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen ist nur mit der Aussicht auf eine sehr schwache wirtschaftliche Entwicklung und eine nicht-existente Inflation erklärbar, selbst wenn bei amerikanischen (und auch deutschen) Staatsanleihen der Status des sicheren Hafens und die zuverlässige Marktliquidität auch in schwierigen Zeiten für einen steten Druck auf die Rendite sorgen. Die Furcht vor einer baldigen Rezession in den Vereinigten Staaten verschwand im Laufe der Monate unter dem Eindruck ansehnlicher Konjunkturdaten.

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          Mit der Annahme eines Wirtschaftswachstums um 2 Prozent und einer Inflationsrate, die sich dem Fed-Ziel von 2 Prozent zumindest nähert, ist eine zehnjährige Rendite amerikanischer Staatsanleihen von 1,34 Prozent aber nicht vereinbar. Folgerichtig steigen seit mehreren Monaten die Renditen in Amerika, zuletzt durch die Aussicht auf eine expansivere Finanzpolitik durch einen Präsidenten Trump noch befördert – und der transatlantische Zinszusammenhang sorgt dafür, dass die Renditen in Europa zumindest ein Stück weit mitgezogen worden sind. Der Zins feiert seine Rückkehr, auch wenn er eher zurückhaltend und nicht mit großem Pomp die Bühne betritt. In seinem Gefolge sind die Aktienkurse der Banken kräftig gestiegen – auch dies ein Zeichen für eine sich verbessernde Wahrnehmung der wirtschaftlichen Aussichten. Mittlerweile wird auch wieder die eigentlich seit Jahrzehnten bekannte Tatsache zur Kenntnis genommen, nach der langfristige Renditen nicht nur von der Geldpolitik bestimmt werden.

          Keine weitere Lockerungen der Geldpolitik von EZB mehr zu erwarten

          Auch die Geldpolitik unterliegt einem Wandel. Notenbanken sind traditionell Akteure wie Reagierende; sie prägen wirtschaftliches Handeln und sie reagieren auf wirtschaftliche Veränderungen. Ab dem späten Frühjahr 2016 ließ die EZB in ihren Veröffentlichungen erkennen, dass sie nachteilige Folgen ihrer Geldpolitik für die Finanzwirtschaft stärker zur Kenntnis nahm und kein Interesse an einer weiteren Lockerung besaß. Die sich bessernden wirtschaftlichen Daten schlagen sich, wenn auch behutsam, heute in der Geldpolitik nieder. Die Fed hat ihren Zins erhöht und in Europa wollen die EZB und die Schwedische Reichsbank 2017 weniger Anleihen kaufen als 2016. Man braucht wenig Phantasie, um zu erahnen, welches Thema im kommenden Jahr auf der Prioritätenliste der EZB ganz oben stehen wird, wenn sich die wirtschaftliche Erholung fortsetzen sollte: Wird sie als nächsten Schritt eher den negativen Einlagenzins anpacken oder ihre monatlichen Anleihekäufe weiter reduzieren? Die Banken würden wohl eher für den Einlagenzins optieren, langfristige Vermögensverwalter wohl eher für die Anleihekäufe.

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          Nach einem eher pessimistischen Jahresbeginn und einem eher optimistischen Jahresausklang hat 2016 per Saldo an manchen Märkten erstaunlich wenig Spuren hinterlassen: Die deutschen Aktienkurse sind, gemessen am 100 Werte umfassenden F.A.Z.-Index, kaum höher als vor zwölf Monaten. Der Kurs von Euro und Dollar liegt in etwa auf dem Vorjahresstand. Es kann schon sein, dass im Jahre 2017 durch politische Ereignisse hohe kurzfristige Kursschwankungen entstehen. Sollte sich der vorsichtige Trend zu mehr Wirtschaftswachstum und mehr Inflation fortsetzen, müsste dies langfristig sowohl die Aktienkurse als auch die Anleiherenditen unterstützen.

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