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Der Preis des Geldes : Die neue Welt der Negativzinsen

Die Aussichten für Sparer sind düster - wie die Wolken über Frankfurt. Bild: dapd

Wer Geld spart, zahlt jetzt drauf. Wer einen Kredit aufnimmt, muss am Ende weniger zurückzahlen. Das ist die neue Welt der negativen Zinsen. Wie verrückt ist das denn?

          5 Min.

          Das Verrückteste, was man bisher gehört hat, stammt aus Dänemark. Die dortige Bank Nordea, immerhin einer der größten Finanzkonzerne Nordeuropas, hat im Januar die ersten Hypothekenkredite mit negativen Zinsen ausgegeben. Die Bank hat das zwar bald wieder gestoppt, es sollen nur rund zwei Dutzend Verträge rausgegangen sein. Und wegen höherer sonstiger Gebühren soll es sich für die Bankkunden nicht sonderlich gelohnt haben. Aber das Unglaubliche ist damit passiert: Privatkunden konnten sich Geld für ein Haus leihen, und die Zinsen wurden für ein Jahr auf minus 0,03 Prozent festgeschrieben. Wer so einen Vertrag bekommen hat, muss also im ersten Jahr nicht nur keine Zinsen zahlen – sondern bekommt sogar Zinsen von der Bank.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch in der Schweiz wird es mit den negativen Zinsen immer doller. Dort haben sie das schöne Wort „Guthabenkommission“ erfunden. Dahinter verbirgt sich kein Gremium, sondern gleichfalls eine Art negativer Zinsen. Man muss sie zahlen, wenn man sein Geld zur Bank bringt. Die Credit Suisse hat diese Kommission für einige Großkunden eingeführt. Das Bankhaus Lombard Odier, immerhin die älteste Privatbank der Schweiz, verlangt jetzt eine solche Gebühr auch von wohlhabenden Privatkunden. Bei Einlagen von mehr als 100.000 Euro müssen sie jetzt negative Zinsen in Höhe von 0,75 Prozent im Jahr berappen.

          Seltsame Umkehrung der Verhältnisse

          Etwas, was Ökonomen lange Zeit für unmöglich gehalten hatten, geschieht derzeit in Europa: Das Verhältnis von Gebern und Nehmern von Zinsen kehrt sich um. Man zahlt, wenn man spart, und kassiert, wenn man sich Geld leiht. Das ist die neue Welt der negativen Zinsen – eine seltsame Umkehrung der Verhältnisse.

          Bild: F.A.Z.

          In Dänemark und der Schweiz ist es besonders extrem, aber auch bei uns gibt es Beispiele. Zunächst mussten vor allem große Unternehmen für ihre kurzfristigen Bankeinlagen Strafzinsen zahlen. Jetzt breiten sich die negativen Zinsen bei Anlageprodukten aus, fast wie ein Virus: Bei Staatsanleihen gibt es sie, bei Pfandbriefen und selbst bei den ersten Unternehmensanleihen.

          Die Banken sorgen dabei dafür, dass negative Zinsen nur da eingeführt werden, wo sie ihnen nützen – zumindest, solange sie das beeinflussen können. Bei kurzfristigen Einlagen von Großkunden, an denen sie ohnehin nicht viel verdienten, schlagen sie schnell zu. Hingegen dürfte es lange dauern, bis sie Privatpersonen, die einen Kredit aufnehmen, ihrerseits richtig ernstzunehmende Beträge dafür zahlen.

          Bild: F.A.Z.

          Treibende Kraft dieser seltsamen Entwicklung ist die Geldpolitik der Notenbanken. Auch wenn zumindest ein Teil der Ökonomen überzeugt ist, dahinter stehe in letzter Konsequenz ein weltweiter Überhang an Ersparnissen über gute Anlagemöglichkeiten. Zumindest für die kurzfristigen Zinsen in der Eurozone aber ist die Europäischen Zentralbank verantwortlich: Sie hat die Leitzinsen immer weiter gesenkt, auf zuletzt 0,05 Prozent. Außerdem hat EZB-Präsident Mario Draghi Strafzinsen für Banken eingeführt, die Geld bei der Notenbank deponieren wollen. Erst minus 0,1, dann minus 0,2 Prozent. Jetzt geben sich die Banken alle Mühe, diese Kosten, die ihnen selbst entstehen, an ihre Kunden weiterzugeben. Das erklärt die Fälle von negativen Zinsen bei uns.

          Strafzinsen heißen „Guthabengebühren“

          Etwas anders ist die Situation in der Schweiz, in Dänemark und in Schweden. Alle drei Länder haben den Euro nicht eingeführt, reagieren aber mit ihrer Geldpolitik in gewisser Weise auf die EZB. Vor allem die Schweiz und Dänemark verzeichnen einen starken Zustrom von Geldern aus dem Euroraum. Um von dieser Ersparnisflut nicht überschwemmt zu werden, haben die Notenbanken negative Zinsen eingeführt. Dänemark hat den Zins für Einlagen der Banken bei der Notenbank auf minus 0,75 Prozent gesenkt. In der Schweiz liegt der Leitzins schon seit Mitte Januar bei minus 0,75 Prozent. Und in Schweden hat die Reichsbank am Donnerstag ihren Leitzins auch unter null gesenkt – auf minus 0,1 Prozent. Ein weiterer Paukenschlag.

          Bild: F.A.Z.

          Das muss nun nicht heißen, dass auch die Zinsen für alle Bankkunden negativ werden. Aber es ist überall das gleiche Spiel: Was zuerst als unmöglich galt, wird schneller als gedacht Realität. Auch bei uns traf es zuerst nur einzelne große Unternehmen und die sehr Vermögenden unter den Bankkunden. Eine Bank nach der anderen räumte ein, dass sie Geld dafür verlangt, dass Firmenkunden große Summen bei ihr deponieren. Auch hier nennen die Banken das nicht Strafzinsen – die Commerzbank beispielsweise spricht lieber von „Guthabengebühren“. Die kleine Skatbank in Thüringen war dann die Erste mit negativen Zinsen auf Tagesgeldkonten ab 500000 Euro.

          Dabei gibt es ein einfaches Kalkül: Je leichter es einem Kunden fällt, sein Geld einfach in bar abzuheben und daheim im Tresor zu lagern, desto schwieriger lassen sich ihm negative Zinsen aufdrücken. Außerdem müssen mehrere Banken, die im Wettbewerb stehen, praktisch gleichzeitig negative Zinsen einführen, um keine Massenabwanderung von Kunden zur Konkurrenz zu erleiden.

          In Dänemark gibt es gerade eine intensive Diskussion, ob die Banken das auch Privatkunden zumuten können. Die Danske Bank, immerhin das größte Finanzinstitut des Landes, will das zumindest nicht für alle Zeiten ausschließen, wie Bankchef Thomas Borgen sagt. Wer kann denn auch schon abschätzen, wie lange die Phase der Banken-Strafzinsen dauert? Wenn man solche Zinsen auch für Privatkunden einführen will, so wird bei den dänischen Banken argumentiert, müsse man das sehr vorsichtig tun – und es den Kunden genau erklären. Klingt alles sehr tröstlich.

          Banken auf der Suche nach neuen Geldquellen

          In Deutschland scheinen die Banken dagegen eher auf Gebührenerhöhungen aller Art zu setzen. Die Sparda Bank in Berlin gehörte zu den Ersten, die ausdrücklich mit Verweis auf die negativen Zinsen an der Gebührenschraube drehten – und das traditionell gebührenfreie Girokonto auf Genossenschaftsmitglieder mit regelmäßigem Gehaltseingang begrenzten. Vor knapp zwei Wochen gab dann auch die Postbank bekannt, dass sie zusätzliche Gebühren für private Kunden einführen müsse – und zwar für Überweisungen auf Papier.

          Aller Voraussicht nach wird das jetzt so weitergehen. Der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Volker Wieland jedenfalls meint: Die Banken würden weiter versuchen, den „Druck auf die Bankzinsen“ über Gebühren oder spezielle Angebote für große Einleger abzufangen.

          Zugleich bekommen immer mehr Sparprodukte, deren Kurs sich am Markt bildet, eine negative Rendite. Auch sie sind Teil dieser Welt negativer Zinsen. Zuerst waren es Staatsanleihen mit relativ kurzer Laufzeit aus Ländern wie Deutschland oder der Schweiz, deren Rendite ins Minus rutschte. Inzwischen sollen es rund ein Drittel aller ausstehenden Staatsanleihen in Europa sein. Hinzu kamen vor knapp zwei Wochen die ersten Unternehmensanleihen: Wer dem Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé Geld leihen wollte, indem er dessen im Oktober auslaufenden Anleihen kauft, musste eine negative Verzinsung in Höhe von 0,03 Prozent in Kauf nehmen.

          Negative Zinsen auf Hypothekendarlehen dagegen wird es hier so schnell nicht geben, meinen zumindest Experten für die Immobilienfinanzierung wie Isold Heemstra von der ING-Diba. Der entscheidende Unterschied zu Dänemark sei, dass dort die Zinsen für Hauskredite nur für einen kürzeren Zeitraum festgeschrieben würden. Sie änderten sich dann abhängig von den Marktzinsen. Hierzulande dagegen würden rund 80 Prozent aller Hauskredite mit festen Zinsen für zehn Jahre vereinbart, der Rest auf fünf oder 15 Jahre. „Selbst wenn die Zinsen hier noch weiter sinken sollten, würde keine Bank auf eine so lange Zeit negative Zinsen vereinbaren“, meint Heemstra.

          Was kehrt sich da eigentlich um?

          Ob es auch bei normalen Sparkonten für jedermann in Deutschland irgendwann negative Zinsen gibt, weiß keiner so ganz genau. Immerhin müssen die Banken damit rechnen, dass die Leute ihr Geld abheben und in bar zu Hause aufbewahren. Allerdings ist auch die Bargeldhaltung mit Kosten verbunden: Zumindest bei größeren Mengen braucht man einen Tresor.

          Für die Anleger nicht ganz unwichtig ist dabei, wie sich die Inflation weiterentwickelt. Schließlich können Zinsen, die nominal – also auf dem Papier – negativ sind, durch eine gleichfalls negative Inflation etwas ausgeglichen werden (siehe Grafik). So ähnlich, wie früher die niedrigen, aber nominal positiven Zinsen auf Sparbüchern durch eine höhere positive Inflation aufgefressen wurden. Immerhin lag die Inflation in Deutschland im Januar bei minus 0,4 Prozent.

          Bleibt die ganz grundlegende Frage: Was ist das eigentlich, was sich da umkehrt, wenn die Zinsen überall negativ werden? Der Zins ist ökonomisch betrachtet nichts anderes als ein Preis. Er bringt nicht nur bei Spargeldern Angebot und Nachfrage in Einklang, sondern auch bei Investitionen und dem dafür benötigten Kapital. Und er ist der Preis der Zeit: Normalerweise würden Leute, wenn man sie fragt, ob sie lieber 50 Euro heute wollen oder in einem Jahr, die Gegenwart vorziehen. Wenn sie auf eine Zahlung ein Jahr warten sollen, würden sie einen Ausgleich verlangen. Das ist der Zins.

          Wenn nun irgendwann alle Zinsen negativ sein sollten, stellt sich schon die Frage, ob sich etwas Tieferes verändert hat. Ob wir womöglich in einer Welt leben, in der man Menschen dafür bezahlen muss, dass sie heute konsumieren und nicht bis morgen warten. Das hätte gewaltige Auswirkungen auf alles. Andreas Hackethal, Finanzprofessor in Frankfurt, sieht uns von dieser Situation aber noch meilenweit entfernt: „Die Zinsen sind durch die Flutung der Märkte mit Liquidität verzerrt – sie sind nicht Spiegel der Präferenzen.“

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