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„Carbon Bubble“ : Klimawandel zwingt Anleger zum Handeln

Hohes Verlustrisiko: Erdöltank von Wintershall in Landau Bild: dpa

Die Vermögensverwalter von Feri und der WWF warnen vor einer gefährlichen Kurskorrektur an den Aktienmärkten. Der Klimawandel birgt hohe Risiken.

          Der Klimawandel spielt an den Finanzmärkten noch immer eine große Rolle, aber bei weitem keine entscheidende. Ein gutes Beispiel liefern die grünen Anleihen. Die Mittel aus diesen Green Bonds müssen für ökologische Projekte verwendet werden. Der Umlauf dieser Öko-Anleihen hat sich in den vergangenen drei Jahren auf 130 Milliarden Euro vervielfacht. Dies sind zwar nur 0,15 Prozent des weltweiten Anleihemarkts, doch der Klimaschutz greift immer mehr in die Finanzmärkte ein.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit dem Thema und der drastischen Unterbewertung der Karbonrisiken (CO2-Ausstoß) haben sich das vor kurzem gegründete Feri Cognitive Finance Institute und die Naturschützer des World Wide Fund for Nature (WWF) beschäftigt. In einer gemeinsamen Studie, die der F.A.Z. vorliegt, warnen die Forscher des Bad Homburger Vermögensverwalters Feri und des WWF vor dem „erheblichen Disruptionspotential an den Kapitalmärkten“.

          Mit anderen Worten: Die Klimaschutzrisiken können eine sehr deutliche Kurskorrektur nach sich ziehen. Sollten die Klimaziele konsequent verfolgt werden, kann nach einer älteren Studie der Beratungsgesellschaft Mercer der Börsenwert der Öl- und Gasunternehmen bis zum Jahr 2050 um 1,4 Billionen Euro sinken. Die Klimaziele stammen aus dem Pariser Klimaschutzabkommen. Im Dezember 2015 hatten sich 196 Staaten darauf geeinigt, dass die Erderwärmung auf weniger als 2 Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Niveaus begrenzt werden soll.

          Für Verunsicherung sorgt nach Ansicht der Autoren des Feri Instituts und des WWF die Politik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Dass dieser zum Klimaschutz eine andere Meinung hat als sein Vorgänger Barack Obama, zeigen zwei Öl-Pipelines. Die wegen Umweltlasten umstrittenen Projekte hat er wiederbelebt, nachdem sie Obama noch gestoppt hatte. Zudem hat Trump angekündigt, internationale Klimaschutzabkommen nicht mitzutragen.

          Vorsicht vor Anlagen mit hohem CO2-Verbrauch

          Trotzdem sollten sich die Anleger nicht beirren lassen. Im Umgang mit fossilen Brennstoffen besteht für Anleger und Vermögensinhaber Handlungsbedarf. „Im Klimaschutz fangen jetzt an den Finanzmärkten die Zahnräder der Regulierung zu greifen an“, sagt Heinz-Werner Rapp, Gründer und Leiter des Feri-Instituts.

          In Frankreich gebe es schon ein Gesetz, das institutionelle Investoren zwinge, die Klimarisiken ihrer Portfolios offenzulegen. In den Niederlanden mache die Notenbank Vorgaben zur Transparenz. Auch die skandinavischen Länder seien hier schon weit fortgeschritten, berichtet Rapp, der für die 30 Milliarden Euro verwaltende Feri auch die Anlagestrategie verantwortet.

          Von einer Blase, einer Carbon Bubble, spricht Matthias Kopp, der bei WWF Deutschland für nachhaltige Finanzen zuständig ist. „Die Carbon Bubble ist für die meisten deutschen institutionellen Investoren noch kein Thema.“ Die mögliche Blase ergebe sich aus der Überbewertung fossiler Brennstoff-Reserven. Die Investoren an den Finanzmärkten müssen nach Ansicht von Kopp den Umgang mit diesen Risiken erst noch lernen.

          Rapp stimmt zu: „Die Finanzmärkte unterschätzen die Folgen dieser Entwicklung.“ Viele Investoren hätten sich noch nicht um das Thema gekümmert, es bestehe aber Handlungsbedarf. „Bei den davon betroffenen Aktien und Marktsegmenten drohen Abwertungen von 40 bis 50 Prozent“, fügt er hinzu.

          Betroffen sind zunächst die Unternehmen aus dem fossilen Energiebereich. Das sind Gesellschaften, die in der Förderung von Öl, Gas oder Kohle und der Energieerzeugung tätig sind. Hier gibt es nicht nur erhebliche Abwertungsrisiken. Diese waren zum Beispiel nach der Energiewende in Deutschland schon bei den beiden Versorgerwerten Eon und RWE zu beobachten.

          Als weiteres Beispiel verweist die Studie auf die hohen Wertverluste für amerikanische Kohleförderer, die im Dow Jones US Coal Index zusammengefasst sind. Die Verluste können aber auch andere Branchen oder ganze Volkswirtschaften schädigen. „Am meisten sind natürlich die Öl-, Gas- und Kohleproduzenten betroffen. Aber es kann in der zweiten Runde auch noch andere Branchen treffen wie zum Beispiel die Automobilhersteller“, sagt Rapp.

          Länder wie Russland, Kanada oder Brasilien sind von Rohstoffen besonders abhängig. Diese Bedeutung spiegelt sich in der CO2-Intensität der dortigen Börsen wider. Aber auch London und Mailand weisen der Studie zufolge hohe Werte auf.

          „Die Korrekturen können ungeordnet und sehr rasch erfolgen“, warnt Rapp. Die Aufsichtsbehörden müssten sich des Risikos einer überstürzten Kurskorrektur bewusst sein. Derzeit untersuchen die Finanzministerien, Aufsichtsbehörden und Notenbanken der 20 führenden Wirtschaftsländer (G20) im Finanzstabilitätsrat (Financial Stability Board) die klimabedingten Risiken im Finanzsystem. Dabei steht im Vordergrund, ob und wie die CO2-Risiken die Finanzmarktstabilität und die Effizienz der Finanzmärkte beeinträchtigen können.

          Man muss nicht sofort verkaufen

          Doch nicht immer empfiehlt sich der überstürzte Ausstieg aus betroffenen Vermögenswerten. „Die Aktien von gefährdeten Unternehmen zu verkaufen, kann sich als Fehler herausstellen“, sagt WWF-Fachmann Kopp. Er rät Investoren, auch das Gespräch mit den Unternehmen zu suchen und so auf eine klimafreundliche Strategie hinzuwirken.

          Eine Orientierung bietet der norwegische Staatsfonds, der dank Öl und Gas zur zweitgrößten Versorgungseinrichtung der Welt geworden ist. Das Anlagevermögen von 825 Milliarden Euro soll aus Industrien mit hohem CO2-Ausstoß abgezogen werden. Der größte Eigentümer von Ölreserven, Saudi-Arabien, will seinen Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse bringen. Das begründet die Regierung damit, dem Land den Weg in eine CO2-freie Zukunft zu ebnen. Das Risiko der Kurskorrektur, der Börsenwert von Aramco wird auf 2 Billionen Dollar geschätzt, soll deshalb auf andere Investoren übertragen werden

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