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Ausblick von Chefvolkswirt : „2017 wird das Jahr der Politik“

Blick auf den Commerzbank-Tower. Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht die Situation der Kapitalmärkte für das kommende Jahr im Banne der Politik. Bild: Lukas Kreibig

Der Chefvolkswirt der Commerzbank sieht die Entwicklung der Wirtschaft im Banne der Politik und plädiert für eine neue geldpolitische Strategie der EZB.

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          Der Euroraum kommt nicht zur Ruhe“, prognostiziert der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, der die Entwicklung von Wirtschaft und Kapitalmärkten im kommenden Jahr im Banne der Politik sieht. Allerdings erwartet Krämer auch nach dem Scheitern der italienischen Verfassungsreform am Sonntag noch keine schweren Verwerfungen: „Dann kehrt die Staatsschuldenkrise nicht automatisch zurück.“

          Die Übergangsregierung werde „Zeit zum Nachdenken“ geben. Aber selbst nach Neuwahlen und einem Sieg der Fünf-Sterne-Bewegung seien nicht sofort Turbulenzen zu erwarten. „Wir haben nicht den Eindruck, dass die Fünf-Sterne-Bewegung aus dem Euroraum heraus will“, sagte Krämer. Zu einer Krise werde es kommen, wenn die Fünf-Sterne-Bewegung die Staatsverschuldung stark steigen lasse, denn: „Die Staatsschuldenkrise im Euroraum ist nicht gelöst.“ Bedenklich sei in Italien aber nicht nur die Staatsverschuldung, sondern auch das Wachstum der privaten Verschuldung.

          Auf die Vereinigten Staaten blickt Krämer eher gelassen. „Trump muss eigentlich gar nichts machen“, sagt der Ökonom, denn die Konjunktur befinde sich ohnehin in einem Aufschwung. Er sagt ein hartes Ringen zwischen Trump und dem von Republikanern dominierten Kongress voraus, denn Trump sei kein echter Republikaner, und der Kongress dürfte sich einer zu starken Ausweitung der Neuverschuldung entgegenstellen.

          Zentralbank verfüge über immer weniger Eingriffsmöglichkeiten

          Von der Europäischen Zentralbank (EZB) erwartet Krämer eine Verlängerung des Anleihekaufprogramms um sechs Monate und eine Beibehaltung des monatlichen Kaufvolumens von 80 Milliarden Euro. Über eine Reduzierung werde möglicherweise vom Herbst an gesprochen, aber angesichts der politischen Unsicherheit werde es der EZB schwerfallen, das Programm kräftig zu reduzieren. Die Zentralbank werde weiterhin den Euroraum stabilisieren wollen, doch verfüge sie über immer weniger Eingriffsmöglichkeiten.

          An den Kapitalmärkten sieht Krämer viele Effekte einer Präsidentschaft Trump schon vorweggenommen. Für Ende 2017 prognostiziert er einen Wechselkurs von 1,04 Dollar je Euro, eine Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von 0,40 Prozent sowie einen Dax von 11.700 Punkten. In Deutschland könne der vor allem vom Konsum getriebene Konjunkturaufschwung noch einige Jahre weitergehen, doch zeigten sich unter der Oberfläche Schwierigkeiten, ablesbar zum Beispiel an einer geringen Wachstumsrate der Produktivität oder an wachsenden Risiken einer Immobilienblase.

          Der Chefvolkswirt der Commerzbank plädiert für eine neue geldpolitische Strategie der EZB, die neben dem traditionellen Ziel der Sicherung des Güterpreisniveaus auch auf die Stabilität der Finanzbranche achtet. „Finanzblasen sind viel gefährlicher als niedrige Inflation“, sagte Krämer, der aufsichtsrechtliche Maßnahmen zur Bekämpfung von Spekulationsblasen an Finanzmärkten nicht für ausreichend hält, wenn eine lockere Geldpolitik die Menschen zum Schuldenmachen verleite. Krämer ist der Ansicht, dass die Geldpolitik der EZB möglicherweise zum Wirtschaftswachstum beitrage, auch wenn dies schwer quantifizierbar sei. Aber ihr Ziel einer höheren Inflationsrate habe sie mit ihrer expansiven Geldpolitik nicht erreicht.

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