https://www.faz.net/-gv6-8o2a8

Börse : Keine Lust auf Panik

Nicht nur in Mailand gibt sich die Börse nach dem Referendum eher lässig. Bild: Reuters

Abermals ist die befürchtete Panik an den Börsen nach einem politischen Großereignis ausgeblieben. Mittlerweile haben sich die Märkte an den Schrecken gewöhnt.

          Das gescheiterte Verfassungsreferendum in Italien hat die deutschen Aktienanleger am Montag nur vier Minuten lang  aus der Fassung gebracht. Dann kletterte der mit 100 Werten den Markt breit abbildende F.A.Z.-Index bis zu 1,9 Prozent ins Plus auf 2132 Punkte und schloss am Ende des Tages 1,5 Prozent höher bei 2123 Zählern. Auch der Standardwerteindex Dax stieg um bis zu zwei Prozent auf 10.727 Zähler. Letztlich verbuchte er ein Plus von 1,6 Prozent und beendete den Handel auf 10.685 Stellen.

          F.A.Z.-Index

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht
          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Der Dax hat alle politischen Ereignisse mit der Wahl in Italien hinter sich gelassen und wie angekündigt war es fast egal, was herauskam", sagt Marktbeobachter Daniel Saurenz von Feingold Research. Nun könne die Weihnachtsrally beginnen.

          Schon im asiatischen Handel hatten die Märkte gefasst reagiert. Der Euro gab knapp 1 amerikanischen Cent auf 1,057 Dollar nach. Das holte die Gemeinschaftswährung aber locker weider auf. Mit derzeit 1,0742 Dollar hat sie sogar den höchsten Stand seit Mitte November erreicht.

          EUR/USD

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Die Märkte haben sich den Standpunkt zu eigen gemacht, wonach die Ablehnung der Reform nicht automatisch den Durchmarsch der euro-kritischen Fünf-Sterne-Bewegung und eine Rückkehr der Staatsschuldenkrise bedeutet, so Commerzbank- Chefvolkswirt Jörg Krämer.

          Viel mehr setzen sie auf die von Präsident Mattarella angekündigte technokratische Übergangsregierung nach dem Muster des Renzi-Vorgängers Monti, die in Finanzkreisen einiges Ansehen genoss. Gehandelt werden Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan, Senatssprecher Pietro Grasso oder Kultusminister Dario Franceschini. Von dieser versprechen sich Beobachter eine Reform des Wahlrechts, die eine Alleinregierung der Fünf-Stern-Bewegung erschweren könnte.

          Dies ist einer der Faktoren, die die Märkte beflügelt. Heinz-Werner Rapp, Investment-Vorstand des Investmenthauses Feri sieht zudem in der Eindeckung der umfangreichen Leerverkaufspositionen gegen Italien einen wesentlichen Faktor.

          Keine Lust mehr auf Panik

          Insgesamt aber lässt sich das Verhalten auch damit begründen, dass sich der Schrecken abzunutzen beginnt. Während der Brexit noch völlig überraschend gekommen sei und zu starken Verwerfungen geführt habe, sei der nach dem Wahlsieg von Donald Trump allgemein erwartete Absturz der Märkte erst gar nicht eingetreten, sagt Rapp. Das Reaktionsmuster der Kapitalmärkte habe sich grundlegend gewandelt.

          Mit der Zeit beginnen sich die Anleger einfach daran zu gewöhnen, dass sich derzeit aus der Politik Signale kommen, die tendenziell beunruhigend sind, aber keine unmittelbaren Auswirkungen haben. Und wenn sich alle daran gewöhnen, positioniert sich niemand mehr für den großen Schrecken und so bleibt dieser dann auch aus. Dem Italien-Referendum fehle einfach der Überraschungsfaktor.

          Mittelfristig verdüsterte Perspektive

          Aber wie beim Brexit und auch der Wahl Donald Trumps sind die mittelfristigen Perspektiven dennoch tendenziell belastend und werden derzeit ausgeblendet. Man will diese Brücke erst überqueren, wenn man dort angelangt ist.

          Denn die Fünf-Sterne-Bewegung könnte immer noch ein bestimmender Teil einer Koalitionsregierung werden, spätestens wenn im Mai 2018 reguläre Neuwahlen stattfinden, sagt Krämer. Zwar sei die Partei mittlerweile für einen Verbleib Italiens in der Währungsunion. Aber sie wolle vor allem die Haushaltsregeln der EU aufweichen. Eine solche Regierung würde eine sehr expansive Finanzpolitik verfolgen und die Staatsschulden weiter in die Höhe treiben.

          Dies könne zu einem Käuferstreik der privaten Anleger und eine Rückkehr der Staatsschuldenkrise führen. Die EZB könnte dann gezwungen sein, wieder einmal Grundsätze über Bord zu werfen, was den Euro-Kritikern in Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden weiteren Auftrieb gäbe. Die Fünf-Sterne-Bewegung bleibe daher mittelfristig ein Risiko für die Währungsunion.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erdgas-Streit mit der EU : „Erdogan fährt eine Kamikaze-Politik“

          Die EU-Außenminister haben Sanktionen gegen die Türkei erlassen, weil sie vor der Küste von Zypern nach Gas bohrt. Ökonomieprofessor Erdal Yalcin spricht im F.A.Z.-Interview über die Abhängigkeit Ankaras und den Rückhalt für Erdogan.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.