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Gastbeitrag : Es droht eine neue Finanzkrise

  • -Aktualisiert am

Das Bankenviertel in Frankfurt am Main in der Abenddämmerung Bild: Lachner, Maximilian

Das Ende der Nullzinspolitik kann brandgefährlich werden, wenn Banken und politische Lobby sich gegen strengere Regeln sperren. Sprengstoff steckt in den Immobilienkrediten.

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          Die deutsche Einstellung zu Geldpolitik und zu Bankenregulierung ist in sich widersprüchlich. Man ist gegen die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Man ist auch gegen die in Basel diskutierten Maßnahmen zur Reform von Schwachstellen der Bankenregulierung, besonders gegen striktere Anforderungen an das Eigenkapital der Banken. Aber man macht sich nicht klar, dass ein Ende der Nullzinspolitik Gefahren für die Finanzstabilität mit sich bringt und dass die Basler Vorschläge diesen Gefahren entgegenwirken. Stattdessen schimpft man, die Vorschläge würden nur den Amerikanern dienen.

          Martin Hellwig ist Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn.

          Felix Hufeld, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), begründet seine Ablehnung der Basler Vorschläge mit der Warnung, wenn man den Kapitalbedarf der Banken nicht mehr an den Risiken in ihren Bilanzen ausrichte, „würden die Bankbilanzen in kurzer Zeit mit Risiken vollgeladen.“ Er geht darüber hinweg, dass die Banken derzeit viele Möglichkeiten haben, die tatsächlichen Risiken zu verschleiern. Die deutschen Großbanken sind auch deshalb so schwach, weil sie diese Möglichkeiten mehr als andere genutzt haben.

          Die geltenden Regeln beruhen auf Pseudowissenschaft, Politik und Tradition. Man tut so, als könnte man Risiken verlässlich messen, dabei geben die verfügbaren Daten das gar nicht her. Und man privilegiert die Staatsfinanzierung, indem man Staatsanleihen als risikofrei behandelt – trotz des griechischen Schuldenschnitts.

          Auch ist es Tradition, Immobilienfinanzierungen als besonders sicher zu behandeln. Dabei haben gerade Immobilien immer wieder zu Bankenkrisen beigetragen, so noch kürzlich in Irland und Spanien. Die Notheirat von Hypobank und Vereinsbank 1998 gehört in diesen Kontext.

          Deutsche Vertreter folgen der Lobby

          Die Basler Vorschläge wollen den Risiken von Immobilienfinanzierungen besser Rechnung tragen. Die deutschen Banken lehnen das ab. Sie müssten dann mehr mit eigenen und weniger mit geborgten Mitteln arbeiten, da sie, anders als amerikanische Institute, gewohnt sind, ihre Immobilienkredite selbst zu halten und nicht zu Verbriefung und Verkauf auf dem Kapitalmarkt an andere Institute abzugeben. Es wäre unfair, so heißt es, wenn die Reform nur die deutschen Immobilienfinanzierer träfe und nicht auch die amerikanischen.

          Die Vertreter Deutschlands in den Verhandlungen folgen der Lobby. Das Fairness-Argument ist problematisch. Wenn ein Stromproduzent sagte, die Fairness im globalen Wettbewerb erfordere den Einsatz von Atomenergie und das mit dem Sicherheitsstandard von Bratislava oder Cattenom, so würden wir ihn auslachen. Warum nicht auch die Banken?

          Nach dem zitierten Grundsatz von Felix Hufeld sollte es hier um Risiken gehen und nicht um den Vergleich mit anderen Ländern. Wenn die Strategie der deutschen Immobilienfinanzierer Risiken mit sich bringt, die die jetzige Regulierung übersieht, dann ist diese Regulierung zu reformieren.

          Unterschiede zu Amerika

          Dass die Vereinigten Staaten anders aufgestellt sind, hat Gründe. Dort hielten die Immobilienfinanzierer auch lange Zeit die von ihnen ausgegebenen Hypotheken selbst. Anfang der 1980er Jahre jedoch waren die meisten von ihnen de facto insolvent, denn auf die Langzeithypotheken aus den 1960er Jahren verdienten sie nur 6 Prozent und mussten 15 Prozent für ihre eigene Finanzierung bezahlen. Die Insolvenz wurde zunächst verschleiert und erst 1990 offengelegt. Die Bereinigung der Krise kostete den amerikanischen Steuerzahler 129 Milliarden Dollar. Seither hat man die Risiken von Immobilienfinanzierungen bewusst aus den eigenen Bilanzen herausgenommen.

          Die deutschen Immobilienfinanzierer tun so, als gäbe es diese Risiken nicht. Auch die Regulierung tut so. Sie trägt dem Risiko Rechnung, dass die Schuldner nicht zahlen, nicht aber dem Refinanzierungsrisiko, das die Bank bei langer Laufzeit der Kredite hat, sei es, dass die Refinanzierung teurer wird oder dass sie sogar ganz ausfällt (wie bei der Hypo Real Estate 2008). Das Kreditrisiko wird als gering behandelt, da die Immobilie als Sicherheit dient. Dass der Wert der Immobilie unsicher ist, wird übersehen.

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