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Spareinlagen : Weitere Banken erwägen Negativzinsen für Privatkunden

Revolution im Idyll: Die Raiffeisenbank Gmund verlangt als eine der ersten Banken von wohlhabenden Kunden Zinsen für hohe Einlagen. Bild: Reuters

Einige Banken sind interessiert am Modell der Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee, die Negativzinsen von Privatkunden verlangt. Folgen bald weitere Banken?

          In Deutschland denken offenbar weitere Banken darüber nach, auch von Privatkunden Zinsen für große Spareinlagen zu verlangen. Wie Josef Paul, Vorstand der Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee der F.A.Z. sagte, haben vier oder fünf weitere Institute Erkundigungen bei der Bank eingeholt, wie diese die negativen Zinsen in Höhe von 0,4 Prozent für Einlagen von 100.000 Euro an zum 1. September technisch eingeführt und wie sie das gegenüber ihren Kunden kommuniziert habe. Offenbar gebe es in den anderen Instituten Überlegungen, ähnlich vorzugehen, sagte Paul.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Raiffeisenbank Gmund hatte im Juni 139 Privatkunden angeschrieben, die mehr als 100.000 Euro bei der Bank kurzfristig angelegt hatten und zusammen auf Einlagen von rund 40 Millionen Euro kamen. Sie sollten das Geld entweder anders anlegen oder aber die Zinsen in Höhe von 0,4 Prozent selbst tragen, die Banken ihrerseits seit März dieses Jahres an die Europäische Zentralbank (EZB) für ihre überschüssigen Einlagen zahlen müssen.

          Die Schwierigkeiten mit großen kurzfristigen Einlagen seien im Augenblick in vielen Banken ähnlich, sagte Paul. Die Institute könnten diese Gelder schwerlich sinnvoll anlegen, müssten aber für ihre eigenen Einlagen bei der Europäischen Zentralbank 0,4 Prozent Zinsen zahlen. Je nach Bilanzsumme der Bank sei es aber unterschiedlich, von welcher Größenordnung an solche Einlagen problematisch würden. Bei großen Banken liege die Grenze, von der an eigentlich Zinsen verlangt werden müssten und von institutionellen Kunden und Unternehmenskunden häufig auch schon verlangt würden, bei etwa einer Million Euro. Bei kleineren Instituten mit einer entsprechend niedrigeren Bilanzsumme wie seinem Haus liege sie bei 100.000 Euro.

          Kunden warten seit Jahren auf bessere Anlagemöglichkeiten

          Der Vorstand berichtet, die Reaktion auf die Einführung der neuen Zinsen sei unterschiedlich gewesen. Ein Teil der Kunden habe die Gelder abgezogen und zur örtlichen Sparkasse gebracht, die eine größere Bilanzsumme habe. Andere hätten das Geld bei der Raiffeisenbank anders angelegt. Die Bank rate ohnehin jedem Kunden zu einer diversifizierten Vermögensstruktur. Sehr große Beträge einfach auf Tagesgeld- und Girokonten zu parken sei nicht sinnvoll. Manche Kunden warteten jetzt schon drei Jahre darauf, dass sich bessere Anlagemöglichkeiten ergäben, sagte Paul. Man habe vor der Einführung der Negativzinsen mit vielen Kunden über andere Anlagemöglichkeiten gesprochen, nicht alle seien dem aber gefolgt.

          Die Raiffeisenbank Gmund ist mit sechs Filialen rund um den Tegernsee und einer Bilanzsumme von rund 145 Millionen Euro eine der kleineren deutschen Genossenschaftsbanken. Eine Besonderheit ist offenbar, dass der relativ kleinen Bilanzsumme des Instituts eine relativ vermögende Klientel auf der Kundenseite gegenübersteht. Das könnte sie von anderen Instituten unterscheiden. In vielen Fällen handele es sich allerdings bei den großen kurzfristigen Einlagen nicht um Stammkunden, sondern um Zuflüsse, die erst im Verlauf der Niedrigzinsphase zu beobachten gewesen seien, sagte Paul – möglicherweise, weil die Kunden die kleinen Genossenschaftsbanken mit ihrem gegenseitigen Füreinandereintreten in Zeiten wie diesen für besonders sicher hielten.

          Bei anderen Bankmanagern aus dem Volksbanken-Lager stößt der Gmunder Vorstand durchaus auf Verständnis. So sagte der Chef des genossenschaftlichen Spitzeninstituts DZ-Bank, Wolfgang Kirsch, vorige Woche auf einer Konferenz: „Der Kollege in Gmund hat in der Sache vielleicht gar nichts falsch gemacht.“ Andere Banken außerhalb des genossenschaftlichen Sektors machten das auch, nur versteckter. Er könne den Volksbanken zwar keine Weisungen geben. Aber wenn neue Kunden nur viel Geld auf dem Konto bei einer Genossenschaftsbank parkten, weil sie diese für besonders sicher hielten, sei es verständlich, wenn die Bank dafür Gebühren verlange. „Wir sind alle Kaufleute, das ist kein Geschäft“, sagte Kirsch.

          Der Präsident des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken, Uwe Fröhlich, sagte auf der gleichen Konferenz, er glaube nicht, dass mit der Gmunder Entscheidung ein Damm gebrochen sei. Letztlich agierten sehr vermögende Kunden, für die der Strafzins nun gilt, oft nicht viel anders als institutionelle Kunden, die auch schon anderswo zur Kasse gebeten werden. „Solche Entscheidungen sind ja im Grunde ein Hilferuf der Bank, die nicht mehr bereit ist, die Kosten der Niedrigzinspolitik auf eigene Rechnung zu nehmen“, sagte Fröhlich. Eine flächendeckende Einführung von Negativzinsen gilt weiter als unwahrscheinlich. „Ich erwarte nicht, dass sich Negativzinsen im Breitengeschäft etablieren werden“, sagte er. Und auch Kirsch verwies auf die Schwierigkeiten, die ein solcher Schritt bereiten könnte: „Alle scheuen im Moment die flächendeckende Einführung von Negativzinsen, weil man nicht weiß, welche Konsequenzen sie hätten. Da kann es ja auch schnell Trotzreaktionen der Kunden geben.“

          Und doch werden die Zusagen der Bankmanager, Negativzinsen vom gemeinen Privatkunden fernzuhalten, brüchiger. So bezeichnete der Vorstandsvorsitzende der Postbank, Frank Strauß, die Einführung von Strafzinsen für den durchschnittlichen Sparer zwar ebenfalls als unwahrscheinlich, er wandte aber auch ein: „In dem aktuellen Umfeld darf man niemals nie sagen.“

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