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Folgen der EZB-Politik : Auch der Kirche drohen Negativzinsen

Die Frankfurter Skyline mit Umland – im Vordergrund links die Erlöserkirche. Bild: Wolfgang Eilmes

Die größte deutsche Kirchenbank hadert mit den Niedrigzinsen. Um Kosten zu sparen, schließt sie ihre Filialen und denkt über weitere Schritte nach.

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          Dass ihm der Schritt nicht leichtfällt, merkt man Thomas Katzenmayer an. Er leitet die größte deutsche Kirchenbank, die Evangelische Bank mit Sitz in Kassel. Seine Kunden sind vor allem kirchliche Einrichtungen, die Diakonie, Versorgungs- und Pensionskassen, aber auch Privatleute können bei der Genossenschaftsbank Geld mit gutem Gewissen anlegen. Doch auch Katzenmayers Bank kann sich den großen Strömungen der Finanzwelt nicht entziehen. Vor allem die anhaltende Niedrig- und Negativzinsphase macht dem Haus so zu schaffen, dass auch hier inzwischen darüber nachgedacht wird, die von der Europäischen Zentralbank aufgerufenen Strafzinsen an die Großkunden weiterzugeben, wie Katzenmayer im Gespräch mit der F.A.Z. sagt.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch die verschiedenen Landeskirchen und sozialen Einrichtungen müssten dann ab einem gewissen Freibetrag Geld dafür zahlen, dass sie ihre Mittel bei der Evangelischen Bank horten. „Gerade die Kirchen greifen überwiegend auf kurzfristige Einlagen zurück, da sie für den laufenden Haushalt eine angemessene Liquidität benötigen“, erklärt Katzenmayer. „Auf diese Liquiditätsreserven, die wir bei der EZB oder der DZ Bank anlegen müssen, entsteht uns in diesem Jahr eine Belastung von zwei Millionen Euro.“

          Die Zentralbank verlangt derzeit einen Negativzins von 0,4 Prozent auf Geld, das Banken bei ihr anlegen, weil sie es als Liquidität vorhalten müssen oder keine bessere Verwendung dafür finden. Die EZB will die Banken so dazu drängen, mehr Kredite zu vergeben. Katzenmayer warnt aber schon lange vor den negativen Folgen, die diese Politik haben könnte.

          Es kommt zu Umschichtungen von Kundengeldern

          Auf Dauer wird seine Bank die Kosten nicht auf die eigenen Bücher nehmen können. Zumal Katzenmayer schon jetzt feststellt, dass Kunden Einlagen zur Evangelischen Bank umschichten, für die sie bei anderen Banken zur Kasse gebeten werden. 500 Millionen Euro seien allein seit Mitte des Jahres auf Konten der Bank geflossen. Bei Gesamteinlagen von sechs Milliarden Euro ein ordentlicher Zuwachs. Doch weil der Bank dadurch inzwischen eher zusätzliche Kosten entstehen, als dass sie von dem Geld profitieren könnte, kann sich der Vorstandsvorsitzende nicht so recht darüber freuen. „In welchen Zeiten sind wir angekommen, wenn Banker klagen, dass sie neue Einlagen erhalten?“

          Für ihn steht fest: „Der Hebel liegt im Moment nicht beim Vermehren der Erträge, sondern beim Vermeiden von Kosten.“ Und so hat er der Bank ein großes Sparprogramm verordnet. Für die Kunden wird das vor allem dadurch sichtbar, dass ihr Kreditinstitut innerhalb der nächsten fünf Jahre fast ihren gesamten Filialbetrieb einstellt. Zwar ist das Netz von 15 Zweigstellen im ganzen Land noch nie groß gewesen. Doch wurden in allen Filialen bislang sämtliche Bankdienstleistungen angeboten. Die meisten von ihnen sollen nun geschlossen werden, 40 Mitarbeiter sind davon betroffen. Übrig bleiben sollen vier Beratungszentren, die sich um die institutionellen Kunden kümmern. Privatkunden sollen zentral aus Kassel bedient werden, vor allem über das Internet und das Telefon; dort werden dann 15 Stellen neu aufgebaut. Auf längere Sicht müssten aber wohl alle Prozesse in der Bank grundlegend digitalisiert werden, so dass es in den nächsten Jahren zu vielen Veränderungen kommen dürfte.

          Veränderung sind die 500 Mitarbeiter des Hauses aber durchaus gewohnt; ist die Bank doch erst vor zwei Jahren aus der Fusion zweier Kirchenbanken in Kiel und Kassel entstanden. In den Geschäftszahlen für 2016 macht sich der von Katzenmayer beschriebene Kostendruck noch nicht bemerkbar. Die meisten selbstgesteckten Ziele habe die Bank, die mit einer Bilanzsumme von rund sieben Milliarden Euro so groß ist wie eine größere Sparkasse, erreicht. Das Betriebsergebnis vor Bewertung liegt bei 35 Millionen Euro. Da die Bank viele Kredite inzwischen besser bewerten kann als unmittelbar nach der Fusion, konnte sie ihr Bewertungsergebnis deutlich verbessern. Nach Bewertung kommt sie auf ein Betriebsergebnis von 48 Millionen Euro; 8 Millionen Euro mehr als im Vorjahr.

          Ausbau des Provisionsgeschäftes

          Doch mit dem Sparprogramm will Katzenmayer der Entwicklung vorgreifen, die er für 2017 erwartet: nämlich, dass die EZB noch eine Weile ihre Niedrigzinspolitik fortführt. Je länger die Phase anhalte, desto stärker litten die Einnahmen der Bank, in deren Büchern viele langlaufende Immobilienkredite etwa für Krankenhäuser und Pflegeheime stehen. „Mit jedem Kredit, der ausläuft, sinkt unsere Zinsspanne“, sagt Katzenmayer mit Blick auf die Einnahmen, die das Haus aus dem Horten und Verleihen von Geld verdient.

          „Wir haben in den letzten drei Jahren 20 Prozent unserer Zinsspanne verloren.“ Während viele Banken und Sparkassen auf den Rückgang des Zinsgeschäfts mit neuen oder höheren Gebühren reagieren, hält Katzenmayer das für sein Haus nicht für sinnvoll. „In einem seriösen Bankgeschäft kann man das nicht über Gebühren zu Lasten der Kunden ausgleichen“, findet der Vorstandsvorsitzende. Er will eher das Provisionsgeschäft ausbauen und die Bank stärker als Depotbank positionieren. Aus diesem Geschäft hätten sich viele Banken zuletzt zurückgezogen. Da die Evangelische Bank aber für viele ihrer institutionellen Kunden wie Versorgungswerke Spezialfonds verwalte, lasse sich das Geschäft gut ausbauen.

          Noch unterhält die Bank zwei komplette Standorte in Kassel und Kiel. Auch ein Vorstandsmitglied arbeitet ständig an der Ostsee. „Wenn man Kosten sparen muss, sollte man auch irgendwann einmal überlegen, ob zwei Hauptstandorte sinnvoll sind“, sagt Katzenmayer. „Im Moment ist das aber kein Thema.“ Auch weitere Fusionen stünden zurzeit nicht zur Debatte, zumal es nur noch eine weitere evangelische Kirchenbank in Deutschland gibt. „Wenn man die Ökumene im Bankgeschäft einmal ausschließt, bleibt für uns nur noch die KD-Bank als möglicher kirchlicher Fusionspartner. Da gibt es aber im Moment keine Überlegungen.“

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