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Geldanlage : Deutsche Privatanleger verpassen die Hausse

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Bild: F.A.Z.

Die Deutschen wünschen sich bei der Geldanlage Sicherheit - und verzichten dafür auf Rendite. 2006 ist die Zahl der Aktionäre um eine halbe Million gesunken. Nur noch 4,2 Millionen Deutsche besitzen Aktien, im Jahr 2000 waren es noch 6,2 Millionen.

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          Die Zahl der Aktionäre ist in Deutschland im Jahr 2006 um 504.000 zurückgegangen. Damit besitzen nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts (DAI) nur noch 4,2 Millionen Deutsche Anteile an Aktiengesellschaften. Im Jahr 2000 waren es noch 6,2 Millionen gewesen.

          Die jüngste Abkehr von der Anlageform Aktie mag einigermaßen überraschen, ist doch der Deutsche Aktienindex Dax im vergangenen Jahr um 22 Prozent gestiegen. Es war der vierte Anstieg in Folge, und auch für das Jahr 2007 gehen die meisten Analysten von weiter steigenden Kursen aus. Viele Anleger trauen dem Aktienmarkt jedoch nicht und verpassen so die Hausse, die seit März 2003 eine Verdreifachung des Dax mit sich gebracht hat.

          Einstandskurse der Jahre 1999 und 2000 wieder erreicht

          „Mittlerweile haben viele Anleger ihre Einstandskurse der Jahre 1999 und 2000 wieder erreicht. Möglicherweise haben sie dies zum Aktienverkauf genutzt“, sagt Franz-Josef Leven, Direktor des Deutschen Aktieninstituts, und versucht damit den Ausstieg von mehr als 10 Prozent der deutschen Aktionäre aus einem gut laufenden Markt zu erklären. „Die Spuren, die der Kurssturz von März 2000 an in vielen Depots hinterlassen hat, scheinen noch nachzuwirken“, sagt Leven. Erst wenn länger nichts gravierend Unerfreuliches am Aktienmarkt passiere, würden viele Anleger wieder Vertrauen in die Anlageform Aktie finden.

          Grundsätzlich kann der Anleger nämlich mit Aktien eine gute Rendite erzielen. Ein breit gestreutes Depot in größeren deutschen Aktiengesellschaften wirft in der langen Frist jährlich rund acht Prozent ab (siehe auch: Im Schnitt 8,5 Prozent Rendite mit Aktien). Es gibt kaum andere Anlageformen, die ähnlich hohe Erträge bringen. Gleichwohl muss der Anleger bei Aktien größere Kursschwankungen verkraften. In den vergangenen 50 Jahren gab es 15 Jahre, die der Dax mit Kursverlusten beendete. Als bislang einmalig schlecht erwies sich das Jahr 2002 mit einem Kursrückgang von 44 Prozent. Andererseits brachten auch 24 Jahre zweistellige Renditen - 13 davon sogar mit Kurszuwächsen von mehr als 30 Prozent.

          Engländer und Franzosen setzen stärker auf Aktien

          Etwas mehr traut der deutsche Privatanleger der indirekten Beteiligung an Aktiengesellschaften. Die Zahl der Besitzer von Aktienfonds und Mischfonds mit Aktienanteilen ist im Jahr 2006 nur um 118.000 auf knapp 8 Millionen gesunken. Doch auch hier setzen die Anleger mehr auf Sicherheit und ziehen die gemischten Fonds den reinen Aktienfonds vor. Trotz eines positiven Marktumfeldes hatten die Aktienfonds nach Angaben des Branchenverbandes BVI im Jahr 2006 bis zum November Mittelabflüsse von knapp 6 Milliarden Euro zu verkraften. „Bei der Altersvorsorge wäre es für die Rendite besser, wenn mehr Geld in Aktienfonds fließen würde“, sagt Franz-Josef Leven (siehe auch: Sparen die Deutschen falsch?).

          Andere Länder setzen gerade bei der Altersvorsorge viel stärker auf Aktien. Der Anteil der Aktienbesitzer in der Bevölkerung ist in Großbritannien rund dreimal so hoch wie der in Deutschland, in Frankreich ist er doppelt so hoch, und auch in der Schweiz, Schweden und vielen anderen europäischen Ländern spielt die Aktie in den Wertpapierdepots eine sehr viel größere Rolle als hierzulande.

          Zahl der Belegschaftsaktionäre sinkt

          Eine Aktienkultur im Sinne einer langfristigen Beteiligung am Erfolg von Unternehmen hat sich in Deutschland noch nicht entwickelt. Lange vertrauten die Menschen der staatlichen Altersvorsorge und sahen keine Notwendigkeit, sich mit Fragen der privaten Vermögensaufstellung zu beschäftigen. Die wilden Auswüchse, die der Neue Markt hervorbrachte, sorgten zudem für die Wahrnehmung des Aktienmarktes als Platz für Zocker und nicht als Möglichkeit, sein Geld seriös und ertragreich für das Alter anzulegen.

          Auch die Beteiligung am Erfolg des eigenen Unternehmens ist in Deutschland extrem niedrig ausgeprägt. So ist die Zahl der Belegschaftsaktionäre im vergangenen Jahr um 200.000 auf knapp 1,1 Millionen zurückgegangen. Im Jahr 2000 hatten sich noch 1,6 Millionen Menschen über Belegschaftsaktien an ihren Unternehmen beteiligt.

          Zertifikate sind gefragt

          Viel sympathischer erscheint den Deutschen die Anlage ihres Geldes in Zertifikaten. Zwar gibt es keine Daten, wie viele Deutsche Zertifikate besitzen; der deutsche Markt ist jedoch nach Angaben des Derivate-Forums bis November auf 110 Milliarden Euro angewachsen - ein Zuwachs von 30 Prozent gegenüber dem Jahresbeginn.

          Es gibt Zigtausende Produkte verschiedenster Bauart. Als Trend kristallisiert sich aber heraus, dass besonders Zertifikate, die dem Anleger Sicherheit bieten, gefragt sind. Sie verzichten lieber auf die Möglichkeit, hohe Renditen am Aktienmarkt zu erzielen, wenn dafür im Gegenzug ein Verlust ihres eingesetzten Kapitals ausgeschlossen wird. Die Anleger bezahlen lieber Sicherheit mit Renditeeinbußen (siehe auch: Zertifikate: Teuer und intransparent).

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