https://www.faz.net/-gv6-qhvx

Gastkommentar : Die unverstandene Tücke des Risikos

  • -Aktualisiert am

Experte für die Psychologie von Entscheidungen und Risikoverhalten: Gerd Gigerenzer Bild: MPI für Bildungsforschung

Die Finanzkrise zwingt uns zum Nachdenken: Wie kompetent sind wir im Umgang mit Risiken? Anleger können mit ihnen schlecht umgehen. Doch auf Anlageberater trifft es ebenfalls zu.

          6 Min.

          Die Finanzkrise hat uns überrascht. Nun müssen wir mit ihr leben. Doch liegt in jeder Krise eine Chance: die Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, wie kompetent und ehrlich wir im Umgang mit Risiken tatsächlich sind, unabhängig von der Krise. Wir - das ist Otto Normalverbraucher einerseits und die Finanzwelt andererseits. Ich beginne mit einer Frage, die an das Versagen von Analysten anknüpft, die Risiken richtig abzuschätzen.

          Sind komplexe Strategien der Geldanlage besser als die Intuition?

          Harry Markowitz erhielt 1990 den Nobelpreis für seine bahnbrechenden Arbeiten zur Portfolio-Optimierung. Er befasste sich mit einem Problem, das jeder kennt, der für seinen Ruhestand spart oder mit Aktien spekuliert: Wie verteile ich mein Geld auf die verschiedenen Anlagemöglichkeiten? Markowitz wies nach, dass es ein optimales Portfolio gibt, welches die Rendite maximiert und das Risiko minimiert. Als Markowitz selbst Geld für seine Altersversorgung investierte, hat er seine nobelpreisgekrönte Optimierungsmethode angewandt - so könnte man meinen. Nein. Er hat sich auf eine einfache Intuition verlassen: Verteile dein Geld gleichmäßig auf n Alternativen. Dieses Gefühl ist als 1/n Regel bekannt, wobei n die Anzahl der Anlagemöglichkeiten ist. Bei 2 Alternativen also 50 zu 50 und so weiter. Ist das nicht naiv und töricht?

          In einer Studie wurde die Optimierungsmethode von Markowitz (und ein Dutzend neuerer komplexer Strategien zur Portfolio-Optimierung) mit 1/n verglichen. Eine Aufgabe war beispielsweise, Geld auf zehn amerikanische Industriefonds zu verteilen. Die Optimierungsmethoden erhielten die Aktienkurse der vergangenen 10 Jahre, um ihre Parameter zu schätzen. Keine konnte jedoch die einfache Intuition schlagen, welche meist bessere Resultate als die komplexen Strategien erzielte.

          Optimierungsmethoden haben ihre Grenzen

          Wie kann weniger mehr sein? Ein Grund liegt darin, dass eine Optimierungsmethode nur dann zu optimalen Ergebnissen führen kann, wenn sie genügend Daten hat, um die Schätzfehler hinreichend klein zu halten. Zehn Jahre Daten waren zu wenig, obgleich dies mehr ist, als viele Investmentfirmen verarbeiten. Welches Zeitfenster wäre notwendig, damit die Optimierung von Markowitz zu besseren Ergebnissen führt als 1/n? Bei 50 Anlagemöglichkeiten bräuchte man Informationen über etwa 500 Jahre Aktienkurse. Das heißt, im Jahr 2500 würden sich die Berechnungen lohnen - vorausgesetzt, dass es noch die gleichen Aktien geben wird und den Aktienmarkt selbst.

          Vor einiger Zeit habe ich von meiner Anlagebank eine Broschüre erhalten. Der Titel war „Mit nobelpreisgekrönter Strategie zum Anlageerfolg“. Sie begann so: „Kennen Sie Harry Markowitz? Nein. Dann sollten Sie ihn kennenlernen.“ Dann wurde mir erklärt, dass er den Nobelpreis für seine Optimierungsmethode erhalten hat und meine Bank dieser Methode jetzt folgt. Und ich wurde davor gewarnt, mich auf Intuition statt Optimierung zu verlassen. Meine Bank hat offenbar nicht verstanden, dass sie die Broschüre um 500 Jahre zu früh versandt hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer im Oktober in Paris

          Islamismus in Frankreich : Kleingruppen gegen Fundamentalismus

          Mit einer neuen Schulpolitik will Frankreich Jugendliche aus Einwandererfamilien besser fördern – und so dem Islamismus entgegenwirken. Bildungsminister Blanquer hat als Schuldirektor den wachsenden Einfluss des Fundamentalismus erlebt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.