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Gastbeitrag : Es wird ungemütlich an der Börse

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Börse in Frankfurt: Für Anleger dürfte 2017 ein besonderes Lotteriespiel sein. Bild: dpa

Anleger müssen sich auf einiges gefasst machen: Notenbanker und unberechenbare Politiker bedrohen unsere Zukunft. Flexibilität und eine neue Art des Nachdenkens sind gefragt, schreibt der ökonomische Chefberater der Allianz in seinem Gastbeitrag.

          Voraussagen für das Jahr 2017 sind besonders schwer zu treffen. Das hat damit zu tun, dass es 2017 Ungewissheiten zu berücksichtigen gilt, die weit über das gewohnte Maß hinausgehen. Es geht um wirtschaftliche, finanzielle und politische Ungewissheiten. Kurz gesagt, es geht um eine Situation, die der frühere amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke mit einem berühmten Bonmot einmal „ungewöhnliche Unsicherheit“ nannte. Der ehemalige Gouverneur der Bank of England Mervyn King sprach gar von „radikaler Unsicherheit“. Daher sehen sich Unternehmen in diesem Jahr bei der Ausarbeitung ihrer Geschäftsstrategien vor einer großen Herausforderung: Sie müssen anders über ihr Geschäft nachdenken, als dies früher der Fall war. Sie müssen neu denken. Und das in einer Zeit, in der viele Gefahren vor der Weltwirtschaft liegen.

          Nach allzu vielen Jahren eines zu geringen Wachstums muss sich der Westen nun einigen Entwicklungen stellen, mit denen kaum jemand gerechnet hat. Und nur wenige Menschen und Unternehmen scheinen entsprechend gerüstet, dieser Unbeständigkeit Einhalt zu gebieten oder sie gar in etwas Positives verwandeln zu können. Das verleitet dazu, die Welt mit einem rückwärtsgewandten Blick zu betrachten. Verstärkt wird dies durch die Anwendung veralteter analytischer Instrumente, die eher dazu geeignet sind, das Geschehene von gestern zu beschreiben, als gegenwärtige Vorkommnisse zu erklären und vorherzusagen, was möglicherweise morgen passieren wird.

          Besonders auffällig ist die Unbeständigkeit natürlich in der Politik. Bewegungen gegen das Establishment stellen die traditionellen Machtstrukturen nicht nur in Frage, sondern bringen diese sogar spürbar ins Wanken. Die Ansichten von Fachleuten werden als Unsinn verspottet, lange gängige Praktiken werden auf den Kopf gestellt – und zwar auf eine radikale Art und Weise, die noch vor wenigen Jahren undenkbar war.

          Politische Unsicherheiten wohin das Auge schaut

          Die überraschende Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten ist das beste, jedoch bei weitem nicht das einzige Beispiel für diese Tendenzen. Ein anderes Beispiel ist die Ukip. Diese britische Partei, die letztlich nur einen Sitz im britischen Parlament hat, war die treibende Kraft hinter dem Brexit-Referendum, also der Abstimmung über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Der Brexit bringt die Gefahr mit sich, langjährige Handelsbeziehungen und das politische Gefüge aus dem Gleichgewicht zu bringen. Protestbewegungen konnten auch in anderen westlichen Ländern Europas sowie in einigen Entwicklungsländern an Boden gewinnen. Erschreckenderweise wurden all diese Umwälzungen um ein Element der Tragik erweitert – durch Attentate von Einzelgängern in Europa sowie durch brutale Gewalt in Ländern wie Syrien, von denen nun riesige Flüchtlingsströme ausgehen.

          Die etablierteren Parteien haben wahrgenommen, in welche politische Richtung sich der Wind gedreht hat, und versuchen entsprechend, sich anzupassen und eine nationalistischere Gangart einzulegen. Zu beobachten war dies bereits in Frankreich und in den Niederlanden – zwei Ländern, in denen 2017 wichtige Wahlen stattfinden. Auch in Deutschland, wo im Herbst der Bundestag gewählt wird, werden diese Tendenzen vermutlich ein Thema sein. In anderen Ländern wie beispielsweise in der Türkei befindet sich dagegen ein kaum versteckter Autoritarismus auf dem Vormarsch.

          Nicht selten erschweren diese politischen Entwicklungen wirtschaftspolitische Maßnahmen, die in weiten Teilen der Welt eigentlich längst überfällig wären. Das hat unangenehme Folgen. Zuallererst führt dies nämlich zumindest kurzfristig zu einem zu geringen Wachstum, einem stärker ausgeprägten Ungleichgewicht mit Blick auf Einkommen, Wohlstand und Chancen.

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