https://www.faz.net/-gv6-2y4c

Fusionen : Neuer Markt vor Übernahmefieber

  • -Aktualisiert am

Abwarten war zuletzt in Sachen Fusionen angesagt Bild: Sascha Nowotka/STOCK4B

Die Übernahmewelle ist merklich abgeebbt. Doch speziell am Neuen Markt dürften Interessenten im Jahr 2002 auf Einkaufstour gehen.

          3 Min.

          Das Jahr 2001 ist bekanntlich in vielerlei Hinsicht ein schwieriges Jahr. Dies gilt auch für den Bereich Übernahmen und Fusionen. Nach dem Boomjahr 2000 legt der Markt jetzt eine Verschnaufpause ein.

          Die Zahlen nach neun Monaten belegen die Konsolidierung ganz deutlich. Denn weltweit wurden nur 1.344,4 Milliarden Dollar umgesetzt, nachdem es im Vorjahr im gleichen Zeitraum noch 2.744 Milliarden Dollar waren. Die schwache Konjunktur, die Baisse an den Börsen, die Beschäftigung mit hausinternen Problemen bei den Käufern sowie die wegen der gefallenen Preise gesunkene Abgabebereitschaft bei den Verkäufern haben sich negativ bemerkbar gemacht.

          Terror bremst die Risikobereitschaft weiter

          Zunächst ist kurzfristig in Sachen Mergers & Acquisitions keine Besserung in Sicht. Vielmehr ist das Geschäft in jüngster Vergangenheit noch schwieriger geworden. "Seit dem 11. September agieren die Akteure noch viel vorsichtiger als zuvor ohnehin schon," berichtet Jürgen van Kann, Partner und Übernahmeexperte bei Hölters & Elsing Rechtsanwälte. Ähnliches empfindet es Christopher Dill, Manager bei M+A International: "Heute überlegen es sich die Unternehmen drei Mal, ob sie aktiv werden wollen", so seine Beobachtung

          Die neue Vorsicht und Behutsamkeit steht in krassem Widerspruch zur Goldgräberstimmung während der Haussezeit an den Börsen. Da wurde praktisch noch alles wahllos zu meist überteuerten Preisen gekauft. Dabei wäre es jetzt viel einfacher, Schnäppchen zu ergattern. "Für risikobereite Unternehmen ist es derzeit so günstig wie selten zuvor, Übernahmekandidaten zu finden", lautet van Kann´s Einschätzung.

          Antizyklisches Verhalten gefragt

          Trotzdem will van Kann den zaudernden Unternehmen keinen Vorwurf machen. Schließlich sei die Zurückhaltung angesichts der vielen Unsicherheiten nachvollziehbar. Etwas mehr Mut ist Unternehmen, die über die nötigen Barrreserven verfügen, aber schon zu wünschen. Denn ähnlich wie an der Börse sollten auch Unternehmer niedrige Preise antizyklisch zum Einstieg nutzen und nicht umgekehrt.

          Welche Milliardengräben man sich ins Haus holt, wenn nicht weitblickend agiert wird, zeigt sich am Beispiel vieler Unternehmen am Neuen Markt. Dort wurde in der Glanzzeit der Börsenhausse oft nur zum Zweck der Bilanzkosmetik fast jeder Preis bezahlt. Mit der Folge, dass viele dieser Beteiligungskäufe nun abgeschrieben werden müssen und tiefe Löcher in den Bilanzen hinterlassen.

          Ins gleiche Horn stößt Pierrre Deraed. Auch der Partner bei Mercer Management Consulting kritisiert: "In den vergangenen zwei bis drei Jahren wurde schlichtweg zu teuer eingekauft", lautet sein Fazit rückblickend. Doch inzwischen sei der Markt weitgehend bereinigt. Die Unternehmen sollten daher daran gehen, eine Shoppingliste aufzustellen. Deraeds hat jedenfalls klare Handlungsempfehlungen parat: "Wir predigen schon lange ein antizyklisches verhalten. Wer jetzt Geld übrig hat, sollte zuschlagen. Denn gemessen an der Marktkapitalisierung zum Ertrag gibt es viele Unternehmen derzeit für ein Butterbrot."

          Im Jahresverlauf 2002 Belebung erhofft

          Bei dieser Einschätzung wundert es nicht, dass Merger Management Consulting für das Jahr 2002 zumindest für Deutschland von einer regelrechten Übernahmewelle ausgeht. Die Annahme dahinter: Derzeit halten sich noch viele Interessenten wegen der Börsen- und Konjunkturflaute zurück und dieser Stau werde sich mit besseren Umfeldbedingungen dann auflösen. Außerdem soll von der ab 2002 gültigen Steuerbefreiung beim Verkauf von Beteiligungen ebenfalls ein Schub ausgehen.

          Etwas gelassener sieht den steuerlichen Aspekt dagegen Christopher Dill. Für den Manager bei M+A International spielen Steuerüberlegungen wegen der gefallenen Erlosaussichten bei den Verkäufern inzwischen eine geringere Rolle. Grundsätzlich setzt aber auch er auf eine Belebung des Geschäfts - allerdings rechnet er erst Ende nächsten Jahres damit. Zu einem ähnlichen Urteil gelangt van Kann, der ab Mitte 2002 auf die Wende hofft.

          Geld verdienen mit Übernahmekandidaten schwierig, aber reizvoll

          Einig sind sich alle drei Übernahmexperten im Übrigen beim Thema Neuer Markt. Dort werden vermutlich kurioserweise die in der Euphorie begangenen Fehler beim Expansionsdrang für eine neue Übernahmewelle sorgen. Viele Unternehmen sind nach dem Kursverfall inzwischen jedenfalls spottbillig. Sie drohen nun aufgekauft zu werden - sei es von den großen Playern im Markt oder von anderen Wachstumswerten, die weniger Altlasten mit sich herum schleppen. Anleger mit dem richtigen Riecher bieten sich da Chancen, wobei es natürlich nicht einfach sein wird, die richtigen Kandidaten heraus zu filtern.

          Für van Kann steht aber fest: "Der neue Markt wird in Zukunft weniger Furore durch Neuemissionen als durch Übernahmen machen", ist er sich sicher. Noch einen Schritt weiter geht Deraed. Er sieht auch unter den 30 im DAX vertretenen Werten ein oder zwei im nächsten Jahr fällige Übernahmekandidaten. Vieles spricht also dafür, dass das Thema Fusionen und Übernahmen demnächst wieder stärker in den Fokus der Anleger rücken wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hinter den Häusern und Kirchen der Innenstadt in München sind am Morgen die Berge sichtbar.

          Bauvorhaben und Infrastruktur : Bayern und seine Schwächen

          Bayern steht gut da, doch auch im Freistaat hakt es mancherorts außerordentlich. In München droht gar ein verkehrspolitisches Desaster – das bald womöglich den Vergleich mit dem Berliner Flughafen nicht mehr scheuen muss.
          Peter Feldmann bei einem Besuch im Awo-Jugendhaus im Frankfurter Gallusviertel im Jahr 2014.

          Peter Feldmann und die Awo : Das Schweigen des Oberbürgermeisters

          Weil die Arbeiterwohlfahrt seine Ehefrau zu ungewöhnlich guten Konditionen beschäftigt haben soll, steht Peter Feldmann stark unter Druck. Die Awo rechtfertigt derweil die hohe Bezahlung der Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters – und hat noch in einem anderen Fall Probleme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.