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Fusionen : Das Fusionsfieber grassiert auch 2001

  • -Aktualisiert am

Gab es in den letzten Jahren eine große Übernahme nach der anderen, wird sich die Aktivität im Jahr 2001 mehr auf kleinere und mittlere Unternehmen verlagern, sagt Sam Jaffe von der Business Week.

          Wegen des Abschwungs am Aktienmarkt dürfte es 2001 weniger Megafusionen geben. Statt dessen sind vor allem kleine und mittlere Unternehmen aktiv. Auch Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten sehen sich auf dem M&A-Markt um.

          2000 war ein gutes Jahr für Investmentbanker. Trotz des kräftigen Abschwungs am Aktienmarkt erreichte das Volumen der Fusionen und Übernahmen (M&A) fast den Rekordwert von 1999. Und obwohl der Bär den Aktienmarkt noch fest im Griff hat, dürfte das Gesamtvolumen aller Deals auch 2001 nicht wesentlich geringer ausfallen.

          Zwar ist der S&P-500-Index in den vergangenen 13 Monaten um rund acht Prozent gesunken. Dennoch hoffen viele Unternehmen auf eine Sanierung durch Restrukturierung oder darauf, aufgekauft zu werden. Größere Konzerne dürften darüber hinaus Tochtergesellschaften abstoßen, um angesichts der Konjunkturverlangsamung ihre Rentabilität zu steigern.

          Weniger Milliardendeals

          2001 wird sicherlich nicht so viele Megadeals hervorbringen wie 2000 mit der 111-Milliarden-Dollar-Fusion von AOL und Time Warner oder der General-Electrics-Übernahme von Honeywell für 46,5 Milliarden Dollar. Statt dessen steckt das Fusionsfieber die kleineren und mittleren Unternehmen an. „Es wird weniger mehrstellige Milliardendeals geben“, schätzt Ben Buettell, Vorstand des Investmentbankingdienstleisters Houlihan Lokey Howard & Zukin, „die Aktivität im breiteren Markt wird jedoch genauso stark ausfallen - diesmal bei den kleineren Kapital- und Personengesellschaften.“

          Im Jahr 2000 war das Volumen mit 1,41 Billionen Dollar fast genauso groß, wie im Rekordjahr 1999 und der Rekord wäre mit Leichtigkeit übertroffen worden, wenn das vierte Quartal nicht einen drastischen Einbruch gebracht hätte. Nach Einschätzung von Robert Teitelman, Chefredakteur des Newsletters „The Daily Deal“, kann 2001 die Zahlen des Vorjahrs nur dann erreichen, wenn sich die Stimmung am Aktienmarkt drastisch umkehrt.

          Der Einbruch des Schlussquartals hat sich im ersten Quartal 2001 fortgesetzt, obwohl für den weiteren Jahresverlauf Hoffnung auf einen Belebung der Konjunktur und des Aktienmarktes besteht. „Eine Konjunkturverlangsamung beeinflusst immer auch die Stimmung in den Führungsebenen der Unternehmen“, erklärt Buettel. „Statt sich nach anderen Unternehmen umzuschauen, ziehen sie sich zurück und überdenken ihre eigenen Businesspläne“. Dementsprechend werde die M&A-Entwicklung zunächst enttäuschen.

          Lieber Käufer als Übernahmekandidat

          Einzelne Sektoren könnten dennoch höhere M&A-Aktivitäten verzeichnen. In der Lebensmittelindustrie gab es in den letzten zwei Monaten bereits drei größere Deals mit einem kumulierten Transaktionsvolumen von 28,6 Milliarden Dollar. „Wenn es in einer Ecke rumort, dann werden auch die anderen Unternehmen des Sektors unruhig und wollen lieber Käufer als Übernahmekandidat sein“, erläutert Buettell.

          Auch der Telekommunikationssektor könnte vom Fusionsfieber gepackt werden. Die Impulse dürften insbesondere aus dem Ausland kommen. Vor allem, wenn der Dollar weiter an Wert gegenüber dem Euro verliert. Nach Ansicht von Teitelman würde ein starker Euro als wichtiger Katalysator für Übernahmeangebote der Europäer für amerikanische Unternehmen wirken. Diese stünden bereits seit einiger Zeit in Wartestellung.

          Ein Faktor, der die M&A-Landschaft im laufenden Jahr verändern könnte ist eine grundlegende Änderung in der Rechnungslegung, die das so genannte „Pooling of Interests“ betrifft. Die meisten Deals werden unter Verwendung der Pooling-Methode bilanziert, die dem Käufer erlaubt, eine Belastung der Gewinne durch die Übernahmekosten zu vermeiden. Dieses Schlupfloch wird Ende Juni 2001 geschlossen, eine Frist, die von der Kommission für Rechnungslegungsstandards gesetzt wurde. In einem unfreundlichen Kapitalmarktumfeld dürften viele Unternehmen bezüglich Beteiligungen vorsichtig sein, wenn sie damit ihre Gewinnzahlen belasten. Aber vielleicht ist die Auswirkung der Änderung in der Praxis weniger stark als befürchtet.

          Internetfirmen haben wenig, was sich Kaufen lässt

          „Kurzfristig dürften manche Deals wegen der Regeländerung vielleicht nicht geschlossen werden“, sagt Teitelman, „aber längerfristig werden die Unternehmen einen Ausweg finden.“ Ein Sektor, in dem es kaum M&A-Aktivitäten geben dürfte ist die Internetbranche. Der Kurssturz am Aktienmarkt hat den Internetunternehmen heftige Kapitalverluste beschert, und sie haben kaum reale Vermögenswerte. „Es gibt nichts mehr, was man kaufen könnte“, erklärt Buettell, „selbst das Sachvermögen ist kaum etwas wert.“

          Das heißt jedoch nicht, dass es nicht doch jede Menge Fusionen und Übernahmen bei Unternehmen geben wird, die in Schwierigkeiten geraten sind. Früher warteten die meisten Investoren, bis ein Unternehmen den Konkurs abgeschlossen hatte und kauften dann das Vermögen. Inzwischen gibt es viele Käufer, die den rechtlich schwierigeren Kauf eines Pleitekandidaten wählen und damit ein größeres Schnäppchen machen. Buettell, dessen Firma in diesem Bereich aktiv ist, erwartet ein gutes Jahr: „Ein Abschwung der Wirtschaft bedeutet in der Regel einen Aufschwung für uns.“

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