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Frankreichs Aktienmarkt : Paris lockt nicht nur mit Luxuswerten

Champagner fürs Depot: Zu den wichtigsten Aktien an der Pariser Börse zählt der Moet-Chandon-Hersteller LVMH. Bild: dpa

Für den gesamten französischen Leitindex CAC40 ging es zuletzt aufwärts. Nicht nur LVMH & Co. legten zu.

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          Wer hätte das vor ein paar Jahren für möglich gehalten! Erstmals hat Paris London vom Thron der wertvollsten Börse Europas gestoßen, wenn auch nur für einen Tag. Rund 2,83 standen Anfang vergangener Woche 2,81 ­Billionen Dollar Marktkapitalisierung gegenüber. Jetzt liegt London wieder mit 2,84 zu 2,80 Billionen Dollar vorne. Die für französische Ohren frohe Kunde reihte sich ein in einen nun schon rund sechs Wochen andauernden Aufwärtstrend, in dem der Pariser Leitindex CAC40 kräftig Boden gutgemacht hat. Mit knapp 6650 Zählern notiert er aktuell so hoch wie zuletzt im April dieses Jahres.

          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Wieder einmal sind es Luxustitel, die dem CAC40 Flügel verleihen. Der Gucci-Mutterkonzern Kering ragt dabei mit rund 19 Prozent im vergangenen Monat heraus. Für den Weltmarktführer für Luxusgüter LVMH ging es um rund 10, für den Kosmetikriesen L’Oréal um rund 9 und für den Lederwarenspezialisten Hermès um rund 14 Prozent nach oben. Die Lust auf das Edle und Feine scheint ungebremst. Auf mehr als 700 Milliarden Euro Börsenwert kommen LVMH, L’Oréal und Hermès zusammen, die drei an der französischen Börse am teuersten gehandelten Werte zurzeit. Im Dax schaffen das nicht einmal die ersten sechs Werte Linde, SAP, Siemens, Deutsche Telekom, Airbus und Allianz zusammen.

          Aber nicht nur für die Spitzenreiter, sondern nahezu für den gesamten französischen Leitindex ging es zuletzt aufwärts. Dazu trugen auch vergleichsweise positive Konjunkturdaten bei. Die meisten Prognosen sehen für Frankreichs Wirtschaft in diesem Jahr eine Wachstumsrate zwischen 2,5 und 2,7 Prozent vor. Zum Vergleich: Für Deutschland rechnet der Sachverständigenrat nur mit 1,7 Prozent. Und während die Wirtschaftsleistung in der Bundesrepublik im kommenden Jahr schrumpfen soll, stellen OECD und IWF für Frankreich immerhin noch ein leichtes Plus zwischen 0,6 und 0,75 Prozent in Aussicht.

          CAC 40

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          Kein Zweifel kann daran bestehen, dass die hohe Inflation auch in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone die verfügbaren Einkommen und damit die Konsumfreude der Haushalte dämpft, selbst wenn sie niedriger bleibt als in den Nachbarländern. Die Investitionsfreude französischer Unternehmen wiederum bremsen höhere Zinssätze und ein schwächeres Geschäftsklima, mahnen die IWF-Ökonomen. Daraus ergeben sich erhebliche Abwärtsrisiken, auch mit Blick auf die kritische Lage an den Energiemärkten und nicht zuletzt im französischen Kernkraftwerkspark. Manch eine Produktions- und Ergebniserwartung muss deshalb womöglich noch nach unten revidiert werden.

          Der FTSE ist zyklischer

          Doch die Zukunft, die an der Börse bekanntlich gehandelt wird, sehen die Anleger positiv. Anders lässt sich ihre Kauflust in den vergangenen Wochen kaum erklären. Wer nun einsteigen will, sollte sich aber gut überlegen, ob es wirklich Luxustitel sein müssen. Schließlich sind sie teuer. So liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) im Fall von LVMH bei mehr als 20, im Fall von L’Oréal bei mehr als 30 und im Fall von Hermès sogar bei rund 50. Theoretisch hätten Anleger also erst in vielen Jahren drin, was sie jetzt für die Aktien bezahlen.

          Attraktive Alternativen zum Einstieg können stattdessen Bankaktien sein. Die Titel der zwei größten französischen Kreditinstitute BNP Paribas und Crédit Agricole locken mit einem KGV von weniger als 10. Vor allem die BNP-Aktie hat aus Sicht von Analysten noch reichlich Potential nach oben, weshalb eine deutliche Mehrheit zu ihrem Kauf rät. Der jüngste Quartalsgewinn der größten börsennotierten Bank der Eurozone hatte mit rund 2,8 Milliarden Euro die Konsenserwartung übertroffen.

          Einen KGV von weniger als 10 weisen an der Pariser Börse auch die Titel der französischen Energiekonzerne Engie und Totalenergies und des zweitgrößten Stahlherstellers der Welt Arcelormittal auf. Totalenergies profitiert stark von den hohen Öl- und Gaspreisen und hat nicht nur die laufende Dividende erhöht, sondern auch eine Sonderausschüttung angekündigt. Die Aktie hat in diesem Jahr schon rund 30 Prozent an Wert gewonnen und notiert aktuell bei 58 Euro. Analysten trauen ihr aber noch mehr zu, Goldman Sachs senkte das Kursziel diese Woche nur leicht von 76 auf 75 Euro.

          Eine Stärke des französischen Aktienmarkts sind Energie- und vor allem Rohstofftitel nicht, zumindest nicht im Vergleich zu London. Das lässt den britischen Leitindex FTSE100 traditionell etwas stärker schwanken. Nicht zuletzt wegen dieses Unterschieds sind Fachleute zurückhaltend, Paris schon jetzt langfristig auf Augenhöhe oder sogar vor London zu sehen. Der höhere Anteil von Rohstoff- und Energiewerten im FTSE mache ihn zyklischer als den CAC40, sagt Guillaume Brisset von der Vermögensverwaltung Clartan. „Auch deshalb wäre ich sehr vorsichtig, zu sagen, dass die derzeitige Schwäche des FTSE struktureller Natur ist“, sagt er.

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