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Franklin Templeton : Neue Tiefstände an der Börse wahrscheinlich

Ein Fußgänger mit einem Mundschutz vor der New Yorker Stock Exchange: Die Märkte in Amerika und weltweit stehen vor einer Bewährungsprobe. Bild: AP

Wie entwickeln sich die Aktienmärkte im zweiten Quartal? Wir haben uns bei Fondsmanagern von Allianz, Pictet und Franklin Templeton umgehört.

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          „Es war wie 9/11, die Finanzkrise 2008 und der Kollaps des Hedgefonds Long-Term Capital 1998 zusammen“, beschreibt César Perez Ruiz, Leiter für Investments beim Vermögensverwalter Pictet, den Kurssturz an den Börsen infolge der Corona-Pandemie. Alles in allem würde Perez Ruiz die Geschehnisse als „fast and furious“ bezeichnen, also schnell und rasend, inklusive der Maßnahmen von Zentralbanken und Regierungen.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          An eine Erholung sei derzeit noch nicht zu denken. Für das zweite Quartal erwarte er einen „Realitätscheck“. Zudem müsse man den Höhepunkt des Corona-Ausbruchs in den Vereinigten Staaten abwarten.

          Druck auf Autobranche und Luftfahrt

          Auch für Jörg de Vries-Hippen, Aktienchef Europa beim Vermögensverwalter Global Allianz Investors, war das, was in der zweiten Februarhälfte geschah, eine „neue Erfahrung“ – auch für jemanden mit einer Finanzmarkterfahrung von 30 Jahren. Das besondere sei nämlich – und das unterscheide das Jahr 2020 von 2008 und 2009 – dass man von einer schwierige Situation auf der Angebots- und auch der Nachfrageseite rede.

          „Zum einen sehen wir derzeit, dass die Krise Anpassungsdruck in Sektoren mit sich bringt, in denen Umstrukturierungen überfällig waren“, sagt de Vries-Hippen dazu. Dazu gehöre etwa die Luftfahrtbranche, in der es bereits seit längerem Überkapazitäten gebe. „Auch in der Automobilbranche, die hierzulande beim Thema E-Mobilität hinterherhinkt, hat sich der Druck sicherlich erhöht.“

          Als wahrscheinlichstes Szenario für das zweite Quartal sieht de Vries-Hippen, dass die Wirtschaft in den nächsten zwei Monaten wieder langsam anlaufe. „Wir werden dann in Deutschland zwar immer noch eine Rezession erleben, aber solange kritische Infrastrukturen sowie das politische und soziale System keinen nachhaltigen Schaden nehmen, sollte es dann wieder bergauf gehen.“

          Aggressive Maßnahmen

          Aus Sicht von Matthias Hoppe, Portfoliomanager von Franklin Templeton, benötigt es für eine Erholung erst einmal mehr Klarheit bezüglich dreier Punkte: der weltweit aggressiven fiskalpolitischen Maßnahmen, der deutlichen Abflachung von Infektionen in Europa und Amerika und attraktiveren Bewertungen.

          Was die Fiskalpolitik angehe, wurde bereits viel getan und es würde nicht überraschen, wenn noch mehr nachgeschossen werde, findet Hoppe. „In Deutschland wurde ein Paket von 650 Milliarden Euro angekündigt, das entspricht 19 Prozent des BIP. In den Vereinigten Staaten beträgt der Wert der fiskalpolitischen Maßnahmen 2 Billionen Dollar und entspricht rund 10 Prozent des BIP – und ist bereits deutlich höher als in der Finanzkrise von 2008.“

          Doch was das Abflachen der Infektionskurven angehe, sagt Hoppe, sei es noch zu früh, einen positiven Trend zu erkennen. In Amerika habe man sich viel Zeit gelassen und erst mit Maßnahmen begonnen und auch in Italien und Spanien seien trotz der drakonischen Maßnahmen noch keine wirklichen Erfolgsmeldungen zu verzeichnen. „Es wird auch davon abhängen, ob sich die Ansteckungen in China und Südkorea nach der schrittweisen Normalisierung wieder beschleunigen. Die jüngsten Ausgangssperren in Singapur, Indien, Australien und die Wiederaufnahme strengerer Regeln in Hongkong stimmen vorsichtig.“

          In den vergangenen drei Rezessionen seien die Bewertungen deutlich günstiger geworden, sagt Hoppe. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Weltaktienindex MSCI World liege momentan noch bei rund 17 – und damit höher als der Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre, der bei 14 liege. Die zu erwartende Rezession dürfte laut Hoppe aber noch deutlich tiefer ausfallen als die vergangenen zwei. Während dieser beiden wurden die Gewinnerwartungen um jeweils 40 und 20 Prozent gesenkt. Aktuell hätten Analysten ihre Erwartungen jedoch noch nicht besonders stark nach unten redigiert. Bisher wurden die Gewinnerwartungen für Unternehmen im S&P 500 für dieses Jahr nur um 5 Prozent gekürzt, beim EuroStoxx 50 betrage die Korrektur 7 Prozent.

          Es sei also gut möglich, dass „wir weitere Kursverluste sehen werden – wohl aber nicht mehr in der Geschwindigkeit seit dem 20. Februar“, sagt Hoppe. „Für Panikverkäufe ist es unserer Ansicht nach zu spät.“ Besser ist aus Sicht von ihm eine Neuallokation von Aktien und eine Neuausrichtung der Portfolios.

          Erholung kann besonders stark sein

          Ein Rückblick in vergangene Baissen zeige aber auch, dass Aktien, die von der Korrektur besonders stark getroffen wurden, in der Erholung am stärksten zulegen, sagt Hoppe. Für gewisse Sektoren werde die Zeit nach der Krise sicherlich anders aussehen, wie etwa die Luftfahrt. „In vielen Ländern wird es sicherlich zu Verstaatlichungen von als systemrelevant angesehen Unternehmen kommen. Unternehmen werden sicherlich ihre Lieferketten und Abhängigkeiten überdenken. Ob es zu nachhaltigen Veränderungen kommen wird, kann ich im Moment noch nicht abschätzen. Es wird sicher auch davon abhängen, wie lange der Lock-Down andauert und wie schnell zum Beispiel in China die Industrieproduktion wieder anspringt.“

          Es sei jedoch zu früh, den Tiefpunkt an den Märkten auszurufen, findet Hoppe. Nach einer starken Erholung Ende März sehe man ein erhöhtes Risiko, dass es an den Aktienmärkten zu einer Pause komme. Eine Lehre aus historischen Baissen lege nahe, dass ein erneutes Erreichen von Tiefständen äußerst wahrscheinlich sei, ergänzt Hoppe. In den meisten Fällen fielen die Aktienkurse nach einer starken anfänglichen Aufwärtsbewegung wieder zurück, um neue Tiefststände zu erreichen.

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