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Franken-Schock : Der Krieg der Währungen

Bild: Grafik: F.A.S. / Quelle: finanzen.net

Die Schweiz schockt die Welt mit der Entscheidung ihre Währung freizugeben - und eröffnet damit die nächste Runde in einem brutalen Wettstreit. Es geht längst nicht nur um die Schweiz, sondern um viel mehr.

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          Es dauert nur wenige Minuten. Am Donnerstagmorgen, Punkt 10.29 Uhr, lässt der Schweizer Notenbankpräsident Thomas Jordan ein Kommuniqué verbreiten: Die Schweiz gibt den Kurs des Franken frei. Seit immerhin September 2011 hatte die Notenbank immer eingegriffen, wenn der Euro unter 1,20 Franken zu fallen drohte. Dann hatte sie Wertpapiere in Euro gegen Franken gekauft (vor allem deutsche Staatsanleihen) und so den Euro künstlich gestützt und den Franken geschwächt. Damit sollte jetzt Schluss sein.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Innerhalb kürzester Zeit schnellte der Frankenkurs nach oben - und der Eurokurs rauschte in den Keller. Mit einer Wucht, dass Beobachtern Hören und Sehen verging. Plötzlich war ein Euro nur noch 0,78 Franken wert, ein Kurssturz um mehr als 30 Prozent. Später pendelte sich der Franken bei etwa einem Euro ein. „So etwas passiert nur einmal in 20 Jahren“, hebt Keith Pilbeam hervor, Finanzprofessor in London. Viele Menschen in der Schweiz, aber auch hierzulande waren weniger begeistert: Innerhalb weniger Minuten wurde an der Börse in Zürich Geld im Wert der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes in einem Quartal verbrannt.

          Es geht aber bei alledem längst nicht nur um die Schweiz, sondern um viel mehr: Auf einmal ist ein Wort in der Welt, das auch alle anderen Europäer und selbst die Amerikaner aufschrecken lässt. Könnte es sein, dass die Schweizer Aktion nur der Auftakt zu einem „Währungskrieg“, zu einem Kräftemessen der großen Weltwährungen Euro und Dollar ist?

          Ganz anders als die amerikanische Fed

          Doch beginnen wir von vorn: Warum geht die Schweizer Zentralbank einen solchen Schritt ohne jede Ankündigung? Selbst die Schweizer Regierung war überrascht und ließ verschnupft mitteilen, man habe „den Schritt zur Kenntnis genommen“.

          Wie anders hatten da doch die Amerikaner schon das ganze vergangene Jahr über immer wieder nach außen dringen lassen, dass sie größere Änderungen in der Geldpolitik planten - nämlich ein Ende der Anleihekäufe und eine Zinserhöhung. Fast nervte die amerikanische Notenbank Fed unter ihren Chefs Ben Bernanke und Janet Yellen mit ihren mehr oder minder geheimnisvollen Ankündigungen zu diesem „Tapering“. Und jetzt das: Die Schweizer koppeln ihre Währung ganz vom Euro ab - und lassen vorher kein Sterbenswörtchen nach außen dringen.

          Wenig glaubhaft: Die Erklärung des Schweizer Notenbankpräsidenten Thomas Jordan für die Aufwertung des Franken überzeugt niemanden.

          Die Begründung, die Notenbankchef Jordan gab, überzeugte weder Börsianer noch Ökonomen. Er argumentierte, es sei schlicht nicht mehr notwendig gewesen, den Franken künstlich niedrig zu halten, weil es keinen solchen Aufwertungsdruck mehr gebe. Als die Notenbank die Stützungskäufe einführte, auf dem Höhepunkt der Euro-Krise, da wollten so viele Anleger aus dem Euroraum ihr Geld in die Schweiz bringen, dass die steigende Nachfrage nach Franken den Kurs in die Höhe trieb. Die Notenbank wollte vermeiden, dass die Exporte der Schweiz - von Maschinenteilen über Uhren bis zur Schokolade - dadurch zu teuer würden.

          Experten glauben nicht an Zufall

          Aber fließt jetzt kein Geld mehr vom Euroraum in die Schweiz, wie Jordan offenbar glauben machen möchte? Ist die Euro-Krise dermaßen überwunden, dass die Kursgrenze des Franken schlicht überflüssig wurde? Dafür spricht nichts. Im Gegenteil. Andreas Höfert, der Chefökonom der Schweizer Großbank UBS, sagt: Er glaube kaum, dass es Zufall sei, dass die Notenbank gerade in dieser Woche diesen Schritt gehe. Kommende Woche will schließlich die Europäische Zentralbank darüber entscheiden, ob sie in großem Stil Staatsanleihen kauft. Und Griechenland wählt - mit ungewissem Ausgang auch für die Zukunft des Euro. Beides könnte den Eurokurs, der seit längerem schwächer geworden ist, weiter nach unten ziehen.

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