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Neue Anlageplattform : Wie Fonds-Riese Vanguard den deutschen Markt aufmischen will

Kurs auf Deutschland: Vanguard startet eine eigene Anlageplattform hierzulande Bild: Picture Alliance

Als erster großer ETF-Anbieter verkauft der zweitgrößte Vermögensverwalter der Welt seine Indexfonds über eine eigene Plattform an deutsche Privatkunden. An die etablierten Banken und Broker ist das eine Kampfansage.

          3 Min.

          In Finanzkreisen sorgt das Gerücht schon länger für Unruhe. An diesem Dienstag macht der zweitgrößte Vermögensverwalter der Welt ernst: Über eine digitale Anlageplattform startet er den Direktvertrieb seiner Indexfonds für deutsche Privatkunden – und umgeht damit den üblichen Weg über Banken oder Broker. Der Vanguard Invest Anlageservice startet zunächst mit einer digitalen Anlageberatung, die landläufig als Robo-Adviser bekannt ist. Kunden müssen dabei nur einige Fragen beantworten und bekommen dann je nach Risikoneigung und Anlagevorstellungen ein Portfolio aus verschiedenen Indexfonds zusammengestellt.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch dabei soll es nicht bleiben. „Wir wollen noch in diesem Jahr die Plattform auch öffnen für Kunden, die ihr Portfolio selbst zusammenstellen wollen“, sagt Jesper Wahrendorf, Leiter von Vanguard Invest im Gespräch mit der F.A.Z. Sind im Robo-Adviser zunächst nur 13 Aktien- und Anleihefonds von Vanguard verfügbar, so sollen die Anleger später aus allen 56 in Deutschland zugelassenen Produkten auswählen können. Es ist das erste Mal, dass ein großer Anbieter von Indexfonds seine Produkte direkt an den Endkunden vertreibt und dabei Banken und Online-Broker kurzerhand umgeht.

          Dickschiff mit 8 Billionen Dollar

          Vanguard ist ein echtes Dickschiff der Branche, mit einem verwalteten Vermögen von 8 Billionen Dollar ist der Vermögensverwalter die Nummer zwei in der Welt hinter Blackrock. Indexfonds, die heute vor allem in ihrer börsengehandelten Variante als ETF bei Anlegern beliebt sind, wurden einst von der Gesellschaft erfunden. In Deutschland ist Vanguard aber erst seit 2017 am Markt, so dass sie hier noch lange nicht so bekannt ist wie etwa Blackrocks iShares oder die Marke Xtrackers von der Deutschen Bank. Mit Vanguard Invest soll sich das nun ändern.

          „In Deutschland haben die alteingesessenen Hausbanken eine sehr große Marktmacht“, sagt Wahrendorf. „Sparkassen, Volksbanken, aber auch eine Deutsche Bank haben alle ihre eigenen Fondsgesellschaften.“ Kein leichtes Terrain, um als Neuling in den Markt zu starten, vor allem, wenn man explizit dafür steht, keine Provisionen zu zahlen. Die bestehenden Kooperationen mit herkömmlichen Banken will die Fondsgesellschaft zwar weiter betreiben. Aber mit der neuen Anlageplattform hat sie nun einen Vertriebskanal aufgebaut, in dem die ganze Wertschöpfungskette im eigenen Haus liegt. Dafür musste Vanguard eigens eine Lizenz als Wertpapierinstitut bei der deutschen Bankenaufsicht Bafin beantragen, wie Wahrendorf erzählt.

          „Bei uns arbeiten keine Roboter“

          Robo-Adviser gibt es viele am deutschen Markt. Zu den bekanntesten zählen Scalable Capital, Cominvest oder Liqid. Die Deutsche Bank hat vor einiger Zeit Robin an den Markt gebracht. Wie will sich Vanguard davon absetzen? „Ich tue mich schwer mit dem Begriff Robo-Adviser, weil bei uns keine Roboter arbeiten“, sagt Wahrendorf. „Hier sitzen echte Menschen mit langjähriger Expertise und Erfahrung in der Vermögensallokation und im Portfoliomanagement.“ Bei Fragen zur Geldanlage sollen die Anleger auch bei Vanguard anrufen können. Bei den Kosten bewegt sich Vanguard in dem je nach Anlagesumme breit gefächerten Marktumfeld. Zur „All-in-Servicegebühr“ von 0,65 Prozent sollen durchschnittlich 0,15 Prozent Fondsgebühren hinzukommen.

          Die neue Anlageplattform soll kein weiterer Onlinebroker werden. Über Vanguard Invest sollen Anleger sich vielmehr über die langfristige Geldanlage nach und nach ein Vermögen aufbauen. nach dem Motto: einmal anlegen und liegenlassen. Auch Sparpläne mit Mindestraten von 25 Euro können sie dort besparen. Deshalb wird es auch keine Trading-App fürs Hand, sondern in erster Linie ein Angebot für den Computer-Browser geben.

          „Große Entscheidungen brauchen einen großen Bildschirm“, findet Wahrendorf. „Unser Ziel ist nicht, dass der Kunde mal eben in der S-Bahn möglichst viel kauft und verkauft. Er soll mit uns wohlüberlegt ein Vermögen aufbauen.“ Zwar soll es auch eine App geben. In der kann der Kunde aber nur seinen aktuellen Portfoliostand überprüfen. Deshalb weist man bei Vanguard auch explizit darauf hin, dass die Anlageplattform zwar mit Indexfonds arbeitet, aber eben nicht mit den börsengehandelten ETF.

          Ein Erzeugermarkt für Indexfonds

          In anderen Märkten hat Vanguard dabei schon Erfahrungen mit ähnlichen Angeboten gesammelt. Im Heimatmarkt Amerika verwaltet der Personal Advisers Service nach Angaben des Unternehmen 275 Milliarden Dollar. In Großbritannien haben Kunden demnach dem dortigen Angebot Personal Investing 11,8 Milliarden Pfund anvertraut. Trotz dieser Vorerfahrungen im Konzern sei das deutsche Produkt von Grund auf neu konzipiert worden, sagt Wahrendorf, der vor seinem Wechsel zu Vanguard im Herbst 2020 zehn Jahre lang das Ratenkauf-Fintech Ratepay geleitet hatte. Davor war er in der Otto Gruppe beschäftigt und baute einen Möbelversand auf, der mit möglichst wenig Mittelsmännern auskommen sollte: Die Möbel sollten möglichst direkt aus dem Container zu den Kunden ins Wohnzimmer kommen, wie er erzählt.

          Ein Stück weit wiederholt sich für Wahrendorf nun also die Geschichte: Nun gibt es Indexfonds quasi direkt vom Erzeuger; der Supermarkt Bank wird schlicht umgangen. Vanguard kann das machen, weil der Vermögensverwalter das ganze Sortiment selbst abdeckt. Der Anlage-Roboter kann zunächst aus sechs Aktien-Indexfonds auswählen, die ihren Fokus auf Amerika, Europa, Schwellenländer, Japan, den pazifischen Raum oder Kleinwerte aus aller Welt setzen. Hinzu kommen sieben Anleihe-Indexfonds, die je nach Herkunft, Art und Laufzeit der enthaltenen Papiere unterschiedliche Risiko-Merkmale aufweisen.

          Konkrete Ziele zu Kundenzahlen oder den Summen, die man anlocken will, nennt Wahrendorf zunächst nicht. „Unser erstes Ziel ist es, möglichst viele Kunden an Bord zu bekommen und von denen zu lernen, und dementsprechend das Angebot kontinuierlich zu optimieren und zu erweitern.“

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